«Wie viel Kunst braucht die Stadt?» Das Theater Basel lud den grünen Regierungspräsidenten Guy Morin und zwei seiner Herausforderer - Baschi Dürr (FDP) sowie Elia Rediger (Musiker) - am Montagabend dazu ein, unter diesem Motto über Kulturfragen zu debattieren. Moderiert wurde das Podium im Foyer von Stephan Märki, Direktor des Konzert Theater Bern, und auch Stephanie Gräve, Theaterdirektor Georges Delnons neue Stellvertreterin, redete mit.

Wie viel wollen oder sollen wir uns Kultur kosten lassen? Sind 770 Franken pro Kopf zu viel? Warum soll Kultur überhaupt etwas kosten? «Wer diese blöde Frage stellt, soll sie gefälligst selber beantworten.» Das sagte kein Politiker, sondern die Schauspielerin Ariane Andereggen in ihrem zur Einstimmung abgespielten Filmchen aus Kairo.

Peter von Matt als Messlatte

Blöd ist diese Frage nicht, aber äusserst komplex, wie im Laufe des in alle Richtungen ausufernden Gesprächs klar werden sollte; es mäandrierte zwischen widersprüchlichen Aussagen zu Kulturpolitik, Gesellschaft, Integration und Bildung. Die letzten zwei Aufgaben sollten Künstler nicht auch noch übernehmen müssen, dafür seien Staat und Gesellschaft verantwortlich, warf Gräve ein, im übrigen hätten in Deutschland die Künstler diese endlosen Diskussionen ziemlich satt.

Dass man diese Debatte klug und stringent führen könnte, machte Peter von Matts Essay «Die Künstler und das Geld» klar - ebenfalls zur Einstimmung vorgetragen von Schauspieler Paul Grill. Kunst ist keine beliebige, nach den Gesetzen des Marktes herstellbare Ware, argumentiert von Matt, denn wer etwas Neues, noch Unbekanntes wagt, kann die bestehenden Marktbedürfnisse gar nicht bedienen. Was entstehe, wenn Kultur nur noch via Nachfrage und Quoten gefördert werde, sehe man im Fernsehen: Variationen des immer Gleichen. «Für den Künstler stimmt die Bilanz oft erst, wenn er tot ist», schreibt von Matt, und erwähnt Paul Klee, den die Schweizer einst nicht einbürgern wollten, weil er als volksfremd und verrückt galt.

Morin verdutzt

Mit von Matts Essay war die intellektuelle Messlatte hoch gesetzt. Man hätte jetzt vielleicht mit einer konkreten, witzigen Frage anschliessen können. Doch der Moderator entschied sich anders: «Herr Morin, was ist Kultur?» Dem Regierungspräsidenten verschlug es drei Sekunden lang die Sprache. Dann sagt er: «Kultur ist das Zusammenwirken der verschiedenen Kunstrichtungen und Kunstschaffenden.» Kulturförderung sei eine Staatsausgabe, verankert in der Kantonsverfassung. Die 770 Franken Kulturausgaben pro Baslerin und Basler müsse man relativieren, denn vom Angebot profitierten auch das Dreiland, Baselland und Teile des Aargaus und Solothurns. Zählte man dieses Publikum mit, so sei Basel vergleichbar mit den Metropolitanregionen Genf und Zürich.

Streit um Geld

«Fremdes Geld.» «Kein fremdes Geld». «Ist es doch.» «Nein, ist es nicht.» - das wiederholte Geplänkel zwischen Guy Morin und Baschi Dürr war bühnenreif. Steuern seien «fremdes Geld», das man sorgfaltig und mit guten Gründen ausgeben müsse, sagte Dürr. Kultur müsse gewisse «Funktionen» erfüllen, zum Beispiel «Strahlkraft» haben. «Wir können nicht einfach Kultur fördern, weil wir das noch glatt finden», sagte Dürr. Der Bürger zahle seine Steuern widerwillig, längst nicht immer werde es nach seinem Gusto vom Staat verwendet.« Es gebe ja ein Kulturleitbild, erwähnte Morin. Kulturförderung sei eine wichtige, gesellschaftliche Aufgabe wie andere auch - am Sinn von Spitälern oder Strassen zweifle niemand, ob man sie nun nutze oder nicht. «Es schudert mich, wenn Sie sagen ‹fremdes Geld›», gruselte sich Morin.

Morins Einsicht könnte viele Leute glücklich machen, sagte Rediger, dessen Mission es ist, Basel zu einer glücklicheren Stadt mit glücklichen Menschen zu machen. Wenn man alles ein bisschen geschickter anstellte, die Kulturfäden zusammenlaufen liesse, so könnte Basel Berlin als Kulturstadt locker überstrahlen.

«Helvetia!», besang am Ende Michael von der Heide einen Schweizer Dampfer, der im Nebel an einem Felsen zerschellte.