Ende der Siebzigerjahre entdeckten Basler Künstler die Performancekunst. Was war das für eine Szene damals?

Muda Mathis: Sie war sehr fruchtbar. Jean-Christophe Ammann, der damalige Direktor der Kunsthalle Basel, war bis in die frühen Achtziger sehr interessiert an Performancekunst und hat viele internationale und lokale Performances gezeigt. Auch im Kunstmuseum und Theater wurden Experimente gemacht und systemkritische Positionen eingeladen. Hiesiges Schaffen und eingeflogene Künstlerinnen, vor allem aus New York, standen gleichwertig nebeneinander – das war sehr motivierend für die Szene und bewegte viel.

Sie kamen später nach Basel, Mitte der Achtziger.

Und da sah die Sache schon anders aus, ja. Da gab es zwar Orte wie die alte Stadtgärtnerei, wo künstlerisch-aktivistische und performative Aktionen gemacht wurden und neue Impulse herkamen. Nur interessierten sich die lokalen Institutionen nicht mehr dafür. Was die Jugendkultur als Performancekunst verstand, wurde vom Kunstbetrieb nicht mehr kritisch begleitet. Keine Resonanz, keine Presse, keine Rezeption. Das war ein grober Fehler.

Woher rührte dieser plötzliche Sinneswandel?

Ich glaube, das hatte vor allem mit Ignoranz zu tun. Institutionen setzten andere Prioritäten und das bestimmte den Mainstream.

Und wie reagierten die Künstler darauf?

Viele Performancekünstler wandten sich der Videokunst zu, den Neuen Medien der Internetkunst, aber auch der freien Theater- und Musikszene. Es gab auch weniger Initiativen unter Künstlerinnen. Der Konsens lautete «Performance? Das ist jetzt vorbei.»

Nachdem anfangs so ein Hype gewesen war.

Genau. Das war auch für mich ein Schock. Und dann hatte ich mich schon damit abgefunden, als 1995 Heinrich Lüber, Sabine Gebhard-Fink und andere, junge Künstler und Theoretikerinnen auftauchten und das Festival «Performance Index» veranstalteten. Es wurde ein totaler Erfolg und – Bäm! – war die Performancekunst plötzlich wieder da.

Hielt die Euphorie an?

Absolut, das Interesse ist seither nur gestiegen. Das merkte ich auch damals an der Schule für Gestaltung, wo ich in der Bildhauer-Klasse unterrichtete. Da haben sich die Studenten interessiert, die haben gesagt: «Du machst doch Performance? Ich will das auch.» Und dann haben wir wieder angefangen, Workshops zu geben.

Wie steht es um die Szene heute?

Man geht viel bewusster mit der Historie und all den Diskursen um, vermeidet Klischees, es gibt eine grosse Diversität. Und die Szene ist wahnsinnig gewachsen. Damals in den Siebzigern war Performancekunst ein eng abgestecktes Themenfeld. Eine Performance musste existenziell und radikal sein. Sprache oder Humor hatten keinen Platz. Das ist heute anders, der Performance-Begriff ist im Fluss und wird aus den verschiedensten Traditionen und Praxen genährt: Musik, Literatur, aus der visuellen, vor allem auch räumlichen Kunst, aber auch aus der Forschung und aus der Diskussion um den öffentlicher Raum. Es gibt Performancekunst wie die von Alexandra Bachzetsis – finanziell hoch geförderte Produktionen, die mit grossem Team und Know-how auffahren. Und gleichzeitig ganz kleine feine, wie die von Sarina Scheidegger und Ariane Koch, die aus sich heraus mit wenigen Leuten etwas produzieren.

Trotz dieser Omnipräsenz hat man das Gefühl, Performancekunst schrecke das breite Publikum eher ab. Zu unnahbar und verkopft, lautet die gängige Meinung.

Das sehe ich nicht so. Mich erstaunt, wie offen und interessiert das Publikum oft ist. Das sind Welten im Vergleich zu früher. Da war oft der einzige Kommentar: «Uhh, schon wieder einer, der sich auszieht.» (lacht)