Es ist eine ungewöhnliche Lebensgeschichte eines ungewöhnlichen Mannes: Erdogan Elmas kam 1996 als politischer Flüchtling in die Schweiz. Flüchtling ist der Kurde – zumindest auf dem Papier – noch heute, 19 Jahre später. Elmas ist in der antifaschistischen Bewegung eine Berühmtheit, sein Fall sorgte jahrelang für Emotionen: Hunderte demonstrierten im September 2006 in Basel für dessen Freiheit. Sprayereien und Plakate mit seinem Namen waren damals in der Stadt allgegenwärtig.

Elmas hatte fast ein Jahr in Auslieferungshaft gesessen, ehe das Bundesgericht im Januar 2007 entschied, dass entgegen eines Haftbefehls der türkischen Behörden eine Wegweisung nicht zulässig sei.

Blocher wollte ihn ausliefern
Elmas’ Schicksal ist zweifach mit der Familie Blocher verbunden: Als Justizminister drängte Christoph Blocher darauf, politische Flüchtlinge an die Türkei auszuliefern. Bei einem Besuch in Ankara im Herbst 2006 sprach der SVP-Bundesrat über politische Dissidenten. Dabei fiel auch der Name Elmas. Ironie des Schicksals: Derzeit lebt Elmas in Frenkendorf im Sophie-Blocher-Haus , der Obdachlosen-Institution der sozial engagierten und mittlerweile verstorbenen Blocher-Schwester.

Erdogan Elmas kam 1996 via Deutschland in die Schweiz. Erst 17-jährig floh er vor dem bürgerkriegsähnlichen Konflikt zwischen der türkischen Republik und kurdischen Rebellen. Der links-anarchistisch gesinnte Elmas soll laut Behörden einen Polizisten erschossen haben. Es fällt schwer, angesichts der Wirren Gut und Böse zu unterscheiden. Auf beiden Seiten wurden nachweislich Menschenrechtsverletzungen begangen. Er habe Mitte der 90er-Jahre sehr wohl an Demonstrationen teilgenommen und sei Mitglied der Mitglied der kommunistischen Revolutionären Volksbefreiungsfront gewesen, stellt Erdogan Elmas gegenüber der bz klar. «Doch ich habe niemanden getötet.»

2003 ersuchte die Türkei um die Auslieferung des politischen Flüchtlings, im Februar 2006 wurde Elmas aufgrund eines Haftbefehls in Biel-Benken festgenommen. Die kurdischstämmige Basler Nationalrätin Sibel Arslan kennt den Fall als auch die politischen Umstände in ihrem Geburtsland genau. Dass das Bundesgericht im Januar 2007 die Auslieferung von Elmas verweigert habe, sei nichts als richtig gewesen. «Er hätte in der Türkei kaum einen fairen Prozess erhalten.»

Elmas habe Glück gehabt – er durfte im Rahmen einer Einzelfallbeurteilung in der Schweiz bleiben. Andere wurden ausgeliefert. Erdogan Elmas ist quasi ein Glücklicher im Unglück: ein freier Mann mit ungeklärtem rechtlichen Status – und das neun Jahre nach dem Entscheid aus «Lausanne»: Der bz zeigt er seinen blauen Ausländerausweis F für vorläufig Aufgenommene.

Hätte sich Elmas selbst stärker um die B-Bewilligung bemühen sollen? Haben die Behörden Fehler begangen? Schwarz-Weiss-Antworten gibts dazu nicht. Tatsache ist: Erdogan Elmas spricht fliessend Hochdeutsch und kann auch komplexe politische Zusammenhänge erklären. Ein intelligenter Mann mit Potenzial, allerdings auch unstetem Lebenswandel: Elmas wechselte häufig seinen Wohnsitz, er lebte mal in Basel in besetzten Häusern wie der Villa Rosenau oder auch in einer abgelegenen Hütte im Jura.

Der politische Aktivist ging bloss sporadisch einem geregelten Erwerb nach. Derzeit lebt er gemäss eigenen Angaben von 590 Franken Nothilfe pro Monat. Täglich besucht er die Kunstwerkstatt Artsoph in Liestal, wo er an 3D-Animationen bastelt. Das lenkt ab. Doch er räumt ein: «Ich bin müde und psychisch angeschlagen.» Die traumatisierenden Jugenderinnerungen auf den Strassen Istanbuls und die 20 Jahren Unklarheiten in der Schweiz beschäftigen ihn.

Ohne direkt den Fall Elmas zu kommentieren, sagt Sibel Arslan: «Der Staat lässt solche Menschen zu lange in der Schwebe.» Für diejenigen, die bloss über eine F-Bewilligung verfügen, sei es schwierig – wenn auch nicht unmöglich–, einen Job zu kriegen. Dasselbe gelte für die Wohnungssuche. Ohne B-Bewilligung kann man nicht mal ein Handy-Abo lösen. Ein Teufelskreis. Arslan schüttelt den Kopf: Es müsste im ureigenen Interesse der Schweiz sein, diese Leute zu integrieren. «Das sind oft leistungsfähige Menschen. Sie sollten die Möglichkeit erhalten, zu dieser Gesellschaft etwas beizutragen.» Sein ehemaliger Anwalt Marcel Bosonnet ist ähnlicher Meinung. Er könnte nicht beurteilen, wie stark sich Elmas um eine Verbesserung seiner Situation bemüht habe. «Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass der Staat die B-Bewilligungen grosszügiger ausstellen müsse. Das ist im Sinne einer guten Integration.»

Bedingungen nicht erfüllt
Die mangels eines geeigneteren Aufenthaltsstatus verfügte vorläufige Aufnahme sei in einigen Fällen nicht zufriedenstellend, sagt Hanspeter Spaar, Chef des Baselbieter Amts für Migration. Eine Umwandlung in eine humanitäre Härtefallbewilligung (B) sei unter bestimmten Voraussetzungen aber möglich, betont er. Zwei Bedingungen erfüllt Elmas allerdings nicht vollständig: Weder war sein Aufenthaltsort den Behörden zuletzt über mindestens fünf Jahre bekannt, noch verfügt er über eine volle finanzielle Selbstständigkeit. Nichtsdestotrotz rät der kantonale Migrationschef Elmas, beim Amt vorstellig zu werden. Man werde schauen, was man tun könne. Gelingt Erdogan Elmas zum Jahresbeginn 2016 unerhofft doch noch der Sprung in ein neues, besseres Leben?