Ostern

Münsterpfarrer Lukas Kundert: «Die Begegnung mit Christus wirft einen um»

Albrecht Altdorfer: «Die Auferstehung Christi» (1527), Kunstmuseum Basel, 1. Stock, Raum 7.

Albrecht Altdorfer: «Die Auferstehung Christi» (1527), Kunstmuseum Basel, 1. Stock, Raum 7.

Anlässlich des Osterfestes interpretiert Münsterpfarrer Lukas Kundert für die bz das Gemälde über «Die Auferstehung Christi» von Albrecht Altdorfer aus dem Kunstmuseum Basel.

Wenn ich das Bild ansehe, sehe ich zuerst einmal, dass aus einer Höhle Licht strömt, das die Menschen, die davor stehen, umwirft. Lässt man den Blick nach oben schweifen, erkennt man in einer zweiten Lichtquelle eine Figur, die einem entgegen kommt. Als Theologe sehe ich da eine der Grundstrukturen der drei Buchreligionen: Dass Gott dem Menschen in der Konfrontation begegnet. Das ist ein Unterschied zu den fernöstlichen Religionen, wo man Gott eher im Inneren findet. Grundsätzlich ist Gott für uns da draussen in der Welt und tritt von aussen an mich heran. Auf dem Bild ist die Begegnung so stark, dass es einen umwirft. Wir sehen eine Wache, die gestürzt ist, die österreichische Lanze fällt ihm aus der Hand. Er ist behelmt, fällt nach hinten und muss die Augen schützen. Die Begegnung hat also etwas Entwaffnendes.

Nicht so in der Bibel

Interessant ist, dass der Bibeltext von Matthäus, den das Bild darstellt, keine solche Szene beschreibt. Im Bibeltext erscheint Christus den Wachen nicht. Christus aufersteht, ohne dass der Stein weggerollt werden müsste. In der Bibel ist es das Erdbeben, das den Stein zerteilt und die Wachen umwirft. Der Maler hat die Auferstehung so interpretiert, dass es die Begegnung mit Christus war, welche diese Wirkung hatte. Der Maler sagt uns: In einem Erlebnis, das offenkundig empirisch eine Alltäglichkeit ist, kann innerlich eine Christusbegegnung stecken.

Weiter fällt auf, dass die ganze Szene offenbar in einem Wald stattfindet. Es ist eine Landschaft nördlich der Alpen. Die Figuren sind angezogen wie Zeitgenossen des Malers. Das ist etwas Spezielles: Seit der Aufklärung historisieren wir und entrücken dadurch die Geschichte der Gegenwart. Der Maler macht das nicht: Er lässt die Geschichte in seinem Jetzt stattfinden. Das ist so, wie wenn ein Künstler heute die Auferstehung auf dem Basler Hörnli stattfinden lassen würde und man die Friedhofgärtner von heute erkennen könnte auf dem Bild. So, wie man auf diesem Bild die österreichischen Soldaten aus der Jetzt-Zeit von Albrecht Altdorfer erkennen kann.

«Auferstehung im Jetzt»

Wir versuchen, mit historischen Darstellungen den Ballast der Gegenwart abzuwerfen. Wenn wir die Figuren in die Gegenwart nehmen, vereinnahmen wir die Figuren zu stark. Indem wir sie in die Geschichte stellen, entschwinden sie uns aber. Das Schöne an dem Bild ist, dass es dazu anleitet, die Auferstehung im Jetzt sehen zu können. Es leitet dazu an, Jesus über den Genfersee schreiten zu sehen statt über den See Genezareth. Dieses Ins-Jetzt-Holen hat Luther mit der Bibel gemacht, indem er die Texte in die damalige Sprache, ins damalige Jetzt übersetzt hat.

Auf dem Bild sehen wir zwei Lichtquellen: Eine Lichtquelle ist im Grab, eine hinter Christus, der die Wolken zerteilt. Unten in der Grabhöhle steht ein Renaissance-Sarkophag mit vermutlich schneeweissen Grabtüchern. Oben im Zentrum steht Christus mit einem wehenden Mantel, der irgendwie auch gefürchig aussieht. Das wehende Tuch erinnert in der Form an einen Schädel und hat etwas Angst Einflössendes. Es ist rot, das ist die Königsfarbe. Dargestellt ist Christus als Triumphator, der die rechte Hand erhoben hat. Ist das eine Siegesgeste oder eine Abwehrgeste im Sinne von «Fürchtet Euch nicht»? Und doch wirkt die Gestalt zerbrechlich: Es ist kein körperlicher Triumph, der aus dem Bild spricht.

Das ist die Botschaft der Evangelien: Wer meint, dass Christus uns einen körperlichen Triumph bringt, einen Triumph im Fleisch, der liegt falsch. Wer sich aus der Begegnung mit Christus erhofft, dass es ihm körperlich gut geht und dass er vom Tod verschont wird, der wird am Schluss enttäuscht sein und meinen, er habe auf den Falschen gesetzt. Die Botschaft ist, dass der Mensch durch und durch zerbrechlich ist. Die Gesetze der Welt werden Dich besiegen, aber Du wirst rehabilitiert werden. Es ist dies aber keine fleischliche Rehabilitation. Das erklärt im Bild vielleicht die Entrücktheit der Christusfigur von der Welt unten, in der man Helme braucht und Waffen und in der man zu Boden stürzt.

Effekt des Lichts

Das Licht wirkt auf dem Bild unglaublich stark, es erhellt die Welt aber nicht sehr weit. Es ist nicht so, wie wenn eine Sonne aufgeht, die objektiv die Welt hell macht. Das Licht ist sehr lokal, es ist so, wie wenn das Dunkle darum herum einen Wall bilden würde. Das erinnert mich an den Prolog des Johannes-Evangeliums: Am Anfang hat das Licht in der Finsternis geleuchtet, die Finsternis hat es nicht aufgenommen, aber auch nicht verschluckt. Es geht da offensichtlich um eine Lichtwelt, die nichts zu tun hat mit den Gesetzen der irdischen Welt. Es ist ein Licht nicht von dieser Welt.
Ganz rechts scheint ein Feuer zu brennen, eine irdische Lichtquelle. Nach hinten entfernt sich die Welt wie in einem Bergwerk, wenn der Stollen im Hintergrund um die Ecke geht und da ans Tageslicht führen würde. Es klingt auch das Höhlengleichnis von Platon an, indem wir in einer Höhle sitzen, an die Wand der Höhle schauen und die Schatten des Eigentlichen sehen, die auf die Höhlenwand geworfen werden. Das Bild zeigt in diesem Sinne das Ungeheuerliche: Dass das Licht selbst plötzlich in die Höhle dringt. Im Sinne Platons wäre es, dass die Wahrheiten nicht mehr im Rücken der Menschen stattfinden, sondern plötzlich im Angesicht der Menschen erscheinen. Was ist diese Wahrheit? Es ist nicht der körperliche Triumph, es ist ein Triumph jenseits der körperlichen Versehrtheit. Vielleicht ist die Wahrheit sogar Versehrtheit. Im Gegensatz zur antiken Vorstellung von Wahrheit als etwas starkes Ganzes, das schön ist und gut.

Am Münster gibt es Elefanten, die haben keine Knie. Die Elefanten tragen die Säulen. Die Elefanten stammen aus einer Geschichte von Physiologus. Sie sagen, dass es sich mit Christus verhält wie mit den Elefanten. Physiologus erzählt, dass die Elefanten ohne Knie zum Schlafen nicht liegen dürfen, weil sie sonst nicht mehr aufstehen können. Der Feind der Elefanten hat herausgefunden, an welche Bäume sich die Elefanten lehnen, damit sie schlafen können. Der Feind der Elefanten sägt den Baum an, so dass die Elefanten umkippen. Dann kommt ein kleiner Elefant, der die Elefanten wieder aufrichtet. Die Elefanten sind danach nicht besser, sie haben weiterhin keine Knie, aber sie sind wieder aufgerichtet in ihrer Versehrtheit. Das ist die Grunderkenntnis des Christentums: Wahrheit bedeutet für uns Versehrtheit. Es geht nicht alles auf. Es gibt auch keine Ästhetik des Vollendeten. Die Ästhetik des Christentums ist, dass es schräg bleibt. Es ist die Schönheit des Unvollständigen.

Individuelles Erleben

Auf diesem Bild ist es so, dass nur einer realisiert, was da passiert: der Soldat im Vordergrund. Und diesen Soldaten wirft es um. Das ist vielleicht auch etwas Problematisches: Gotteserfahrungen können kein Massenphänomen sein. Als Pfarrer ist man freier, darüber zu reden, dass man eine Erfahrung mit dem Auferstandenen gemacht hat. Es bleibt aber etwas, über das man nur im Nachhinein berichten kann. Es bleibt etwas Individuelles, Eigenes. Vielleicht geht es darum, sich selbst in diesen Figuren zu sehen. Manchmal ist man der Wächter, der mitbekommt, was da passiert, manchmal verschläft man die Dinge wie der Wächter beim Grab. Manchmal sitzt man am Feuer und merkt nicht, was passiert, manchmal erkennt man es genau und es wirft einen um.
Es sind die Versprechungen, die einen, gerade als Kind, ergreifen: Dass die Auferstehung sich mir hier und jetzt ereignen kann. Mit der Abgeklärtheit, die sich durch das Erwachsen werden ergibt, verliert sich diese Gewissheit als Versprechen. Dieses Bild holt die Sehnsucht nach diesem Versprechen wieder hervor. Das Bild sagt uns: Der Tod oder die Henker haben nicht das letzte Wort. Es wird alles richtiggestellt, aber das heisst nicht, dass der Körper wiederhergestellt wird. Die Versehrtheit bleibt, aber man hat Frieden damit geschlossen.

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