Integration

«Müssen schauen, dass das Niveau hier in Basel hoch bleibt»

Es ist eines der am buntesten durchmischen Quartiere der Stadt Basel: Blick ins St. Johann vom Turm der Antoniuskirche aus.

Es ist eines der am buntesten durchmischen Quartiere der Stadt Basel: Blick ins St. Johann vom Turm der Antoniuskirche aus.

Der deutsche Honorarkonsul Urs Gloor und sein Vorgänger Thomas Preiswerk betreuen unter anderem die deutschen Einwanderer hier in Basel. Im bz-Interview betonen sie deren Bedeutung für das Leben und die Wirtschaft in der Stadt.

Die Wanderungsanalyse 2016 des Statistischen Amts hat ergeben: Im Gundeli sammeln sich die Franzosen, das St. Johann scheint für die Italiener besonders attraktiv zu sein, und im Matthäus sind die Inder am stärksten vertreten unter den Zuzügern. Aber die Deutschen, die gehen überall hin. Und sie sind die zahlenmässig grösste Einwanderergruppe in Basel.  

Wie wichtig sind die Deutschen für Basel?

Thomas Preiswerk: Sehr wichtig. Alle Branchen betreffend. Aber vor allem in der Pharmabranche, in den Spitälern und an der Universität sind Fachkräfte auf internationalem Niveau von grosser Bedeutung. In den Spitälern – und zwar vom Pflegepersonal bis zum Oberarzt – könnten wir die Qualität in der Pflege, Behandlung, Chirurgie aber auch in der Forschung nicht halten, ohne die deutschen Ärzte und Pfleger. Gerade Deutschland macht der Schweiz den Vorwurf, dass wir nur die Guten absahnen würden.

Urs Gloor: In Basel-Stadt lebt man vorwiegend von den Steuern der Pharmabranche. Die Finanzlage Basels, diese Luxussituation, ist der Pharmaindustrie zu verdanken. Und der Pharmabranche wiederum geht es gut, wenn die steuerrechtliche Lage gut ist und wenn sie die Möglichkeit hat, top Fachkräfte zu rekrutieren. Und diese kommen eben auch zu einem beachtlichen Teil aus dem Ausland, aus Deutschland.

Weshalb kommen ausgerechnet die Qualifizierten hierher?

Preiswerk: Es ist das berufliche Umfeld. Die Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und -geber sind in der Schweiz viel offener und lockerer. Die einzelne Stellung des Arbeitnehmers, egal wo, ist ganz anders in der Schweiz. Das wird von den Deutschen honoriert. Es sei entspannter, sorgfältiger, man gehe besser miteinander um. In der Sprache, in der Art. Das höhere Lohnniveau spielt auch eine gewisse Rolle, aber es ist die soziale Sicherheit, und hauptsächlich sind Wohn-, Schul- und universitäres Umfeld ausschlaggebend. Das alles spielt eine Rolle, der Lohn kommt erst an fünfter oder sechster Stelle. Die Karrierechance kommt dann noch hinzu: Ich kann es nicht belegen, aber nach meiner Erfahrung haben die Deutschen im Vergleich zu ihrem Land hier bessere Aufstiegschancen. Was auch bedeutet, dass wir nicht zu viel reglementieren dürfen. Zu diesen wichtigen Sachen müssen wir Sorge tragen.

Wie integrieren sich die Deutschen?

Preiswerk: Es ist interessant, dass sich die Deutschen durch den Sprachvorteil relativ schnell und gut integrieren. Besonders wenn sie gebildet oder kooperativ sind. Das ist ein Phänomen, das man vermutlich bei Engländern und Franzosen weniger sieht. Die Deutschen wollen deshalb auch keinen deutschen Verein. Die Deutschen integrieren sich anders. Schon in der Schule machen die Deutschen aktiv bei den Elterngruppierungen mit. Sie sind in den entsprechenden Berufsgruppen dabei. Die Deutschen gehen in Schweizer Lokale, gehen dorthin, wo die Schweizer sind. Weil die Deutschen so gut integriert sind, prägen sie auch das Stadtbild entsprechend wenig, da sie keine deutschen Lädeli – als Gegenüberstellung zum indischen, asiatischen – wollen oder brauchen. Sie finden sich in den Reihen der Schweizer. Sie nehmen am Alltagsleben der Schweizer teil.

Gloor: Ich glaube schon, dass sich die Deutschen besser als die anderen Nationen integrieren. Hauptgründe sind die Sprache und die Mentalität.

Wie tolerant sind die Basler?

Gloor: So tolerant sind wir eigentlich nicht. Wir sind aber sehr kompromissbereit. Die deutsche Mentalität ist eher: Jetzt ist fertig diskutiert, wir machen es einfach so. Diese direkte Art kommt nicht immer so gut an. Die andere Diskussionskultur und die Argumentationsfähigkeit mögen hier irritierend wirken. Vielleicht kommt es auch daher, dass man meint, die Deutschen würden sich ständig hocharbeiten. In den Spitälern gäbe es doch nur Chefärzte und auch in der Pharmaindustrie seien alle wichtigen Positionen von Deutschen besetzt. Die Deutschen haben vielleicht auch ein besseres Selbstbewusstsein.

Dann ist aber eine Verdrängungsangst vonseiten der Schweizer verständlich, wenn die Deutschen den Baslern die besten Positionen wegschnappen.

Gloor: Für die Schweizer ist es eine Herausforderung. Die Deutschen sind eine Konkurrenz. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass das Schweizer Mittelmass nicht mehr nach oben kommt. Aber das kann durchaus eine positive Wirkung haben, weil sich dann die Schweizer beweisen müssen.

Preiswerk: Ich weiss es nur von der Pharmaindustrie. Leute, die mit dieser Behauptung argumentieren, entsprechen wohl einfach nicht den Anforderungen. Wir müssen schauen, dass das Niveau hier in Basel hoch bleibt. Die Deutschen tragen da sicher bei.

Wie haben die Deutschen Einfluss auf die Stadtentwicklung Basels genommen?

Preiswerk: In den letzten zweihundert Jahren hat die deutsche Einwanderung sicher auf die Festigung und Förderung vom humanistischen, offenen Erbe in Basel gewirkt. Die Weltoffenheit gegenüber der ganzen Umgebung, aber auch spezifisch auf die Forschung und Innovation, wurde verstärkt. Basel wurde zunehmend offen für Innovation, offen für neue Sachen. Das kann jede Branche betreffen. Hauptsächlich wirkten und wirken die Deutschen heute noch auf die Universität, das Spital und die Pharmaindustrie. Dadurch wurde das Niveau mindestens gehalten, wenn nicht verbessert. Und davon profitieren wir.

Gloor: Man probiert, die Grenzen aufzubrechen, auch Richtung Deutschland. Frankreich ist da eher zentralistisch. Die Elsässer kommen gar nicht wirklich, auch wenn sie vielleicht wollten.

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