Museen
Forderung an Bundesrat: Basler Museen wollen wieder öffnen

Schweizweit fordern die Museen eine baldige Beendigung des Lockdowns der Kulturinstitutionen. Die Initiative dazu geht von Basel aus. Die Museumsdirektoren Roland Wetzel (Tinguely) und Josef Helfenstein (Kunstmuseum) erklären, worum es ihnen geht.

Mathias Balzer
Merken
Drucken
Teilen
Ein Spender mit Desinfektionsmittel zum Schutz gegen das Coronavirus steht am Eingang des Museums Tinguely in Basel am Dienstag, 12. Mai 2020.

Ein Spender mit Desinfektionsmittel zum Schutz gegen das Coronavirus steht am Eingang des Museums Tinguely in Basel am Dienstag, 12. Mai 2020.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Endlich, könnte man sagen: Die Schweizer Museen reagieren auf die Tatsache, dass viele Menschen gerade ihre Schliessung schwer nachvollziehen können. In einem schweizweit versandten Statement bitten die Museumsverbände den Bundesrat eindringlich, «eine Wiedereröffnung der Museen für den Individualbesuch in der ersten Stufe der Lockerung zu ermöglichen». Man wolle, so die Museen, einen wichtigen und zentralen Beitrag zum geistigen und seelischen Wohle leisten können.

Initiiert wurde das Schreiben von der Museumsdirektorenkonferenz Basel, auf Anregung von Ines Goldbach, Direktorin am Kunsthaus Baselland. Zentrales Argument ist, dass die Hygiene- und Schutzmassnahmen in Museen differenziert und konsequent umgesetzt werden können. Aber es gibt noch weitere Gründe, warum eine Öffnung der Museen in Betracht gezogen werden kann.

Kultur ist nicht Freizeit, sondern Bildung

Roland Wetzel, Direktor am Museum Tinguely in Basel, kommentiert die Initiative so: «In absehbarer Zeit stehen Lockerungen der Massnahmen an. Wir wollen uns nun rechtzeitig in Stellung bringen, gerade weil die Kulturinstitutionen bisher keine Lobby hatten, um Kultur als systemrelevant ins Gespräch zu bringen.»

Für ihn steht fest: «Museen und andere Kulturinstitutionen sind sehr gut in der Umsetzung von Schutzkonzepten.» Es seien Orte, an denen es praktisch kein Ansteckungsrisiko gäbe.

«Wir haben beispielsweise auf 3000 Quadratmetern Platz. Da kommen wir nur sehr selten an unsere Kapazitätsgrenzen. Es besteht schlichtweg kaum die Gefahr, sich anzustecken.»

Auch betont Wetzel, dass sich die Situation im letzten halben Jahr verändert hat. «Mittlerweile sind viele Menschen existenziell von der Krise betroffen. Einmal zwei Monate zu Hause bleiben geht ja. Aber nach einem Jahr wird es sehr einschneidend. Wir sollten anerkennen, dass Kultur einen ganz wichtigen Beitrag leisten kann zur Sinnstiftung, zur Gemeinschaft.» Deshalb sei es an der Zeit, dass die Kultur in Zukunft nicht übergangen werde.

Eines der Probleme sei, so Wetzel, dass die Kultur bisher unter der Sparte Freizeit behandelt wurde. «Dabei sollten wir sie doch, wie die Schulen, zur Bildung zählen. Da stimmt die Einordnung nicht. Gerade in einer solchen Krise sollte den kulturellen Inhalten eine grössere Bedeutung beigemessen werden.»

«Kunst ohne Menschen ist wie ein Wald ohne Vögel»

Aber kommt diese Initiative nicht reichlich spät? Josef Helfenstein, Direktor am Kunstmuseum Basel verneint: «Das würde ich so nicht sagen. Ich möchte da taktvoll gegenüber allen sein, denen es in dieser Krise noch schlechter geht. Uns geht es zum jetzigen Zeitpunkt darum zu verhindern, dass wir bei den ersten Lockerungsschritten vergessen gehen.»

«Wir wollen bei den Ersten sein, die wieder öffnen dürfen, wenn die Bestimmungen hoffentlich Ende Februar gelockert werden.»

Dass die Museen nun an die Öffentlichkeit träten, sei auch mit dem Präsidialdepartement abgesprochen und werde dort unterstützt.

Auch Helfenstein betont, dass Museen zu den sichersten Räumen überhaupt gehörten. Sie seien gerade jetzt der perfekte Ort. Er bekomme erstaunlich viele Mails, oft von älteren Menschen, die unglücklich über die Schliessung seien. «Sie fragen sich, warum gerade die Museen, die so sicher wären, geschlossen sind.»

Aber auch die Jugend werde von diesem nun beinahe ein Jahr lang anhaltenden Zustand extrem hart getroffen. «Ich würde mit unserem Museum sehr gerne die Schulen unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten», so Helfenstein. «Vielleicht gäbe es beispielsweise eine Möglichkeit, unsere Häuser für Schulklassen zu öffnen. Das wäre möglicherweise für die Lehrer und Schüler eine willkommene Abwechslung. Wir haben hier schlafende Ressourcen. Unsere Räume sind leer. Kunst ohne Menschen, das ist wie ein Wald, in dem die Vögel und die Insekten fehlen.»

Das «Basler Modell»

Am Montag erhielt Bundesrat Berset Besuch von der Taskforce Culture, einem schweizweiten Zusammenschluss der Kultursparten. Die Taskforce fordert einerseits Verbesserungen bei den Entschädigungen. Die Unterstützungslücken müssten geschlossen und der Massnahmendschungel gelichtet werden. Anstatt vier Bundesämter solle es in Zukunft eine Ansprechperson für Anliegen aus dem Kulturbereich geben. Zudem wird der Bundesrat aufgefordert, nach elf Monaten Ungewissheit Perspektiven aufzuzeichnen. Die Taskforce möchte, dass Massnahmen im Kulturleben in Zukunft differenzierter getroffen werden. Vor allem was die Bewertung der Höchstbesucherzahl betrifft. Den Schlüssel dazu liefert der Taskforce das «Basler Modell», das von 19 Basler Kulturinstitutionen in Zusammenarbeit mit einem Arbeitshygieniker entwickelt wurde. Darin wird versucht, nach infrastrukturellen Begebenheiten und Veranstaltungsarten unterschiedliche Modelle für Schutzkonzepte zu entwickeln.