Museum Tinguely
Museum Tinguely zeigt doppeldeutige Kunst von Edward Kienholz

Während des Aufbaus der Ausstellung spricht Nancy Reddin Kienholz über die Arbeit mit ihrem verstorbenen Ehemann, dem Künstler Edward Kienholz. Der Amerikaner provozierte zeitlebens.

Christian Fluri
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Nancy Reddin Kienholz im Museum Tinguely vor dem Werk «The Ozymandias Parade» (1985). Kenneth Nars

Nancy Reddin Kienholz im Museum Tinguely vor dem Werk «The Ozymandias Parade» (1985). Kenneth Nars

Edward Kienholz
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Edward Kienholz

Keystone

Die Witwe des 1994 verstorbenen Künstlers Edward Kienholz, Nancy Reddin Kienholz, beaufsichtigt den Aufbau der Ausstellung «Kienholz – Die Zeichen der Zeit» im Museum Tinguely in Basel, die eine Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist. Da schraubt eine Handwerkerin die unzähligen Glühbirnen in den schiffsartigen Sockel des Werks «The Ozymandias Parade» (1985), dieser eindrücklichen bitterbösen Anklage einer kriegstreibenden, unmenschlichen Politik, die die Gelder der Staaten auffressen. Tableaus nennt Kienholz die plastischen Werke, die er ab 1972 gemeinsam mit seiner Frau geschaffen hat. Sie gleichen stummen theatralischen Szenen. Jedes Tableau erzählt eine Geschichte, die die dunkeln Seiten unserer Gesellschaft ausleuchtet, die unter der Oberfläche eines sauberen Spiessertums verdrängten Abgründe einer pervertierten Sexualität. Hier werden Machismo, Gewalt und Rassismus blossgestellt.

Tableaus und Objets trouvés

Die freundliche und zugleich distanziert wirkende Nancy Reddin Kienholz erläutert im Gespräch mit der bz, weshalb Kienholz seine Environments Tableaus nennt. «Kienholz begegnete in seiner Kindheit den Patchworks, welche die Farmer bei ihrem Treffen in der Weihnachtszeit im Gemeindehaus ausstellten. Diese wurden Tableaus genannt.» Es waren szenische Darstellungen aus ihrer eigenen Welt. Der Begriff geht letztlich zurück auf frühe christliche Kunst.

Kienholz suchte all die Objekte, die er für seine Tableaus verwendete, auf Schrottplätzen und vor allem auf Flohmärkten zusammen. «Manchmal hatte er eine Idee zu einem Tableau und er suchte nach bestimmten Gegenständen, manchmal gaben ihm Fundstücke auf dem Flohmarkt die Idee zu einem Tableau.» Ab 1972, dem Jahr ihrer Heirat gingen sie gemeinsam auf die Suche. Gemeinsam schufen sie die Kunstwerke aus den Fundstücken und aus extra angefertigten Gipsfiguren. Idee, Konzept, Ausführung hätten sie stets zusammen diskutiert.

Es ist nicht allein das Ordinäre, die spiessige Hässlichkeit, die Kienholz an den Objets trouvés faszinierte. «Sie habe eine Patina», merkt Reddin Kienholz an. Es ist das Muffige, von denen viele Szenerien von Kienholz erzählen, so «The Eleventh Hour final» (1968): In einer 50er-Jahre-Stube flimmern auf dem Bildschirm vor einem abgeschlagenen Babykopf die Zahlen der Opfer im Vietnamkrieg.

Auf unserem Gang durch den Ausstellungsraum bemängelt Nancy Reddin Kienholz, dass es noch zu hell sei für die Kunstwerke. Die Tableaus entfalten ihre gespenstische, schauerliche Seite erst im schwachen Licht. Zur Vernissage von heute Abend wird der grosse Ausstellungsraum des Museums abgedunkelt, erklärt Andres Pardey, der Kurator der Ausstellung im Museum Tinguely.

Kienholz’ drastische Bildsprache

«My Country ‹Tis of Thee›» ist eine radikale Satire auf die Politik und Beispiel für die drastische Bildsprache des Künstlerpaares Kienholz. Vier Parlamentarier stehen um ein Fass, auf dem die US-Flagge thront. Die vier drehen sich gleichsam im Kreise darum und befriedigen sich gegenseitig. «Tis of Thee» meint ein Handeln, das letztlich dem Politiker Vorteile bringt. Reddin Kienholz geisselt Selbstverliebtheit und Eigensucht der Politiker, die sie auf dem Buckel der Menschen betreiben. Sie stellt mit ironischem Blick die Gegenfrage, ob es denn in Europa anders sei. «In den USA spaltet die Politik heute das Land noch mehr als während des Vietnamkriegs. Ideologisch und atmosphärisch sind die USA in die 50er-Jahre zurückgefallen».

Es war 1966 in Los Angeles, als Kienholz’ Kunst noch einen Skandal hervorrief – vor allem «Back Seat Dodge» mit dem Liebespaar auf dem Hintersitz eines Dodge. Sogar ein Verbot der «pornografischen und blasphemischen Kunst» wurde verlangt. Die Gesellschaft reagierte genau mit der Doppelmoral, die Kienholz in seinen dreidimensionalen Standbildern so schamlos aufdeckte: «die falsche Moral», von der die USA förmlich durchtränkt seien.

Kienholz-Schau 1971 in Zürich

Die erste grosse Kienholz-Ausstellung in der Schweiz, 1971 im Kunsthaus Zürich, machte künstlerisch Furore. Die radikal politische Kunst, die auch durch ihre formale Innovation bestach, wurde hier besser aufgenommen als in den USA. Reddin Kienholz, die mit ihrem Mann in den Sommermonaten auf dem Land im kleinen Ort Hope in Idaho und in den Wintermonaten in Berlin wohnte, sieht den Grund in der anderen Tradition Europas, die eine andere Diskussionskultur hervor gebracht habe. Die Europäer hätten die Weltkriege in ihren eigenen Ländern in ihrer ganzen Härte erfahren. Das habe sie anders sozialisiert, ist Reddin Kienholz überzeugt, die 1972 gemeinsam mit ihrem Mann die USA fast fluchtartig Richtung Berlin verlassen hatte.

Wir wecken die Erinnerung an zwei zentrale Werke in Zürich, an «Portable War Memorial» von 1968: Hier verknüpft er patriotische Propaganda mit der sich im Massenkonsum entpolitisierenden Gesellschaft. In «The Beanery» von 1965 zeigt in einer muffigen Bar Menschen, deren Köpfe Uhren sind: «Ein Zeichen dafür, wie für nichts hier Zeit totgeschlagen wird», erklärt Reddin Kienholz.

Eines der ersten Werke, an dem sie gemeinsam mit ihrem Mann mitgewirkt habe, ist «Five Car Stud», das auf der documenta 5 gezeigt wurde und danach lange in einer japanischen Sammlung verschwunden war, wie Reddin Kienholz berichtet. Die Szene mit fünf Autos und Menschenskulpturen ist die drastische Darstellung, wie Weisse einen Schwarzen exekutieren. Das riesige Tableau ist ein vehementer Appell gegen den Rassismus und nahm mit prophetischem Blick den Mord von 1980 in Los Angeles vorweg: Vier Polizisten erschlugen einen Schwarzen.

«Kienholz’ Kunst zeigen»

Wie sieht Nancy Reddin Kienholz heute ihre Rolle? «Ich sehe es als meine Aufgabe, die Werke von Kienholz und von uns beiden am Leben zu erhalten und der Welt zu zeigen». Verschmitzt merkt sie an: «Kienholz’ Tableaus auf Ausstellungsreise zu schicken, das ist etwa so, als würde man Elefanten verschieben.» Kuratieren wolle sie die Ausstellungen indes keinesfalls. Aber sie wirkt als Beraterin an den Ausstellungen, bringt ihre eigenen Vorstellungen mit. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt gab es zuerst Spannungen zwischen ihr und der Kuratorin Martina Weinhart: «Sie musste mir ihre Konzeption schon sehr gut verkaufen,»