Ori Harmelin, der Lautenist aus Israel würde gerne in Basel bleiben.

Ori Harmelin, der Lautenist aus Israel würde gerne in Basel bleiben.

Ori Harmelin ist Lautenist, Mitglied und Gründer zahlreicher Ensembles wie etwa der erfolgreichen Basler Gruppierung «Profeti della Quinta», und er lehrt an einer Musikschule in St. Gallen Gitarre und Laute. Geboren ist er in Haifa, Israel, seit vier Jahren lebt er in Basel. Dies wird sich nun ändern müssen, hat das Amt für Wirtschaft und Arbeit rund 55 Musikern Anfang September mitgeteilt.

«Wir haben uns erst still verhalten», erklärt Harmelin. An die Öffentlichkeit gegangen seien sie erst, als es hiess, man werde für Härtefälle eine «humanitäre Lösung» finden. «Das löst doch das Problem nicht», sagt er.

Er hatte sich entschieden, in Basel zu leben, obwohl er zunächst in Zürich sein Studium beendete. «In Basel gibt es eine sehr lebendige Szene für Alte Musik und ich liebe die Stadt einfach, so wie viele andere Musiker.»

Fehlende Perspektiven schaden

Er ist der Überzeugung, dass mit dieser buchstabengetreuen Umsetzung des Gesetzes, viele hervorragende Studenten nicht mehr nach Basel kommen werden, weil sie hier keine Perspektiven haben. Wer aus einem Drittstaat (das sind alle Länder ausser der EU- und den Efta-Staaten) kommt, muss nach der Ausbildung eine 75 Prozent Anstellung nachweisen, oder das Land verlassen. Für Projekte sind kurzzeitige Aufenthaltsbewilligungen möglich.

Abgesehen davon, dass es nur wenige feste Orchesterstellen gibt, wollen viele Musiker auch keine. «Ich kenne nur sehr wenige Schweizer Musiker, die so eine Festanstellung anstreben.» Zumal sehr viele Instrumente, gerade diejenigen, die an der Schola Cantorum Basiliensis unterrichtet werden, nur bei Bedarf beigezogen werden oder in Orchestern mit Festanstellungen gar nicht vorkommen. Und die Barockorchester in Basel sind Projektorchester. Zudem gelten andere Berufe nicht, nicht einmal seine Lehrtätigkeit in St. Gallen liesse sich mit einem Orchesterengagement aufrechnen, erklärt Harmelin.

Am Verdienst liegt es nicht

Dabei erreicht er mit seiner Arbeit ein normales Einkommen, kreiert gar Projekte, von denen wiederum Schweizer Musiker und Komponisten profitieren. So schafft er unter Umständen Jobs für andere Musiker. Strebte er hingegen, beispielsweise an seiner Schule, eine 75-prozentige Anstellung an, würden drei andere Lehrer ihre Teilzeit-Stelle verlieren. Harmelin kann es verstehen, dass die Schweiz nicht jeden ins Land lassen will, aber er fühlt sich nicht als Gegner. Vielmehr empfindet er sich als Teil einer kulturellen Schweiz, die von Offenheit geprägt ist, und, die eine Dichte an hervorragenden Musikern hat, wie man sie selten trifft. Exzellenz entsteht durch Austausch, ebenso kulturelle Vielfalt. Der wirtschaftliche Nutzen, der manchmal als Argument angeführt werde, lasse sich für Kultur nicht so einfach beziffern, sei aber grösser, als man auf den ersten Blick denke.

Grosses Vertrauen setzt er in den Basler Kulturchef Philipp Bischof: «Ich bin überzeugt, dass er im Hintergrund alles tut, was er kann.»

Maruta Staravoitava lebt seit sieben Jahren in Basel.

Maruta Staravoitava lebt seit sieben Jahren in Basel.

Maruta Staravoitava ist Querflötistin, Mitgründerin des Ensembles «Inverspace» und Lehrerin an einer Privatschule in Wil. Sie stammt aus Weissrussland und lebt seit sieben Jahren in Basel. Sie hat hier studiert, obwohl sie das wegen der Kosten eigentlich nicht wollte. Die Rahmenbedingungen und die Dozenten waren aber so gut, dass sie sich für Basel entschied. «Es ist doch absurd, dass man so viel Geld in unsere Ausbildung investiert und uns dann rausschmeisst.»

Danach hängte sie ein Studium für «Theatre Musicale» in Bern an, um bessere Chancen in der Neuen Musik zu haben. «Irgendwann habe ich begriffen, Orchester interessieren mich nicht.»

Und gerade weil die Schweiz grossartige Möglichkeiten und Freiheiten bietet, eigene Projekte zu entwickeln, blieb sie hier. «Die Schweiz hat ein unglaubliches kulturelles Klima», betont sie. Den Brief vom September hat Staravoitava gar nie erhalten. Sie hatte schon im Juni nachgefragt, ob ihr nach der Studenten-Bewilligung (B), die Anfang November ausgelaufen ist, eine neue Bewilligung (L) erteilt werden würde und da hiess es, das sei kein Problem. Von der drohenden Ausweisung hat sie auf einer Tournee in Brasilien erfahren. «Ich dachte zuerst, das betrifft mich ja nicht.» Als sie jedoch feststellte, dass sie keine Bewilligung bekommen würde, stand sie vor grossen Problemen. Diverse Konzerte waren bereits geplant und ohne Schweizer Ausweis konnte sie theoretisch auch nicht einfach ins europäische Ausland reisen. Erst als der Direktor ihrer Schule nachfragte, erhielt sie eine Mail, dass sie bis August 2015 weiter unterrichten dürfe. Kein Wort zu ihren Konzerten und bis heute keine offiziellen Papiere. Theoretisch könnte sie von der Polizei aufgegriffen werden. Daher wird sie in Zukunft eine Kopie der E-Mail bei sich tragen. Staravoitava ist bestens integriert, spricht fliessend Deutsch und Französisch, gestaltete die Basler Tage in Moskau mit, wurde als Repräsentantin der Schweiz in Minsk empfangen – und darf nicht bleiben. «Nach sieben Jahren fühle ich mich als Schweizer Kulturschaffende», sagt sie. Auch sie vergibt Aufträge an Schweizer Komponisten und Musiker.

Gegen Lösung in der «Grauzone»

Gerade jetzt, wo es interessant werde, geht die Tür zu», sagt sie enttäuscht. «Ich habe eigentlich keine grosse Lust mehr hierzubleiben.» Weg kann sie unter diesen Umständen aber auch nicht, mit einem hängigen Bewilligungsverfahren. Denn auch wenn die Musiker gehen müssen, für Projekte dürfen sie jederzeit wiederkommen. «Ich würde vom Arbeitsamt wenigstens eine Entschuldigung für die Verzögerung erwarten.» Staravoitava gibt sich kämpferisch. «Gnadenfrist? Hätte ich davon gewusst, wäre ich schon längst nicht mehr hier.» Auch die Gründung einer Firma, die alle Betroffenen zu 75 Prozent anstellt, hätten sie sich überlegt. Der Aufwand und die rechtliche Grauzone war ihnen dann aber zu heikel, zumal das Grundproblem damit nicht gelöst wäre, dass nämlich Kulturschaffende aus Drittstaaten nicht ins administrative Raster passen, obwohl wir uns gerne mit deren Leistungen schmücken.