Eine alte Diskussion flammt am Lehrplan 21 wieder auf: Die Stundentafel, also die Zuteilung der Lektionen auf die Fächer, die die beiden Basel 2012 verabschiedet haben. «Wir haben damals schon darauf hingewiesen, dass es auf der neuen Sekundarstufe zu einem Abbau im Fachbereich Musik, Kunst und Gestaltung kommen könnte», sagt Fabienne Rebetez, Präsidentin der Sektion Basel-Stadt und Baselland des Verbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer für bildnerische Gestaltung/Bild und Kunst (LBG). In der Vernehmlassung zum Lehrplan 21 (LP 21) stelle man fest, dass im musischen Bereich nicht alle Schüler die vorgesehenen Kompetenzen erreichen könnten, weil zu wenig Stunden vorgesehen seien.

Anschluss nicht gewährleistet

Das Problem: Musik, Bildnerisches Gestalten, Technisches und Textiles Gestalten sind in der Stundentafel in der 8. und 9. Klasse Wahlpflichtfächer. Zwei Wahlpflichtfächer können die Schülerinnen und Schüler wählen. Allerdings haben die Progymnasiale und die Erweiterte Abteilung nur in einem Fach eine echte Wahl. Für sie soll es Pflicht sein, entweder Lingua (Latein, sprachliches Grundwissen) oder Mint (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zu belegen. «Das sind kantonseigene Fächer, die nicht im LP 21 erscheinen», kritisiert Rebetez. Bleibt als Nummer zwei Musik, Bildnerisches Gestalten oder Textiles und technisches Gestalten.

Die Konsequenz: Die im Lehrplan 21 empfohlene Lektionenzahl für den Fachbereich Musik, Kunst und Gestalten wird bis Ende der obligatorischen Schulzeit unterschritten. «Es kann sein, dass die Schüler den Anschluss an die weiterführenden Schulen verpassen.» Denn im Gymnasium sind die Fächer wieder Pflicht. Und wer sich für eine handwerkliche, technische Berufslehre entscheide, brauche gestalterische Kompetenzen. Mit einem Brief an alle Parteien hat der LBG im Rahmen der Vernehmlassung zum Lehrplan 21 auf sein Anliegen aufmerksam gemacht.

Angriff auf Regierungsentscheid

Einen Schritt weiter geht die Kantonale Konferenz der Basler Schulmusiklehrer. «Wir verschwinden mit der Schulreform im Nebenfachbereich», sagt Co-Präsident Martin Metzger, selber Musiklehrer am Gymnasium Bäumlihof. Darum starten die Musiklehrer einen Angriff auf den Entscheid, den die Regierungen von Basel-Stadt und Baselland vor über einem Jahr gefällt haben: «Wir werden nächsten Frühling in Basel eine Initiative für die Abschaffung des Lingua- und Mint-Obligatoriums lancieren.» Damit wollen die Lehrer erreichen, dass die Stundentafel der beiden Basel den Vorgaben des neuen Lehrplans entspricht. Ob und in welcher Form sie dabei von anderen Verbänden unterstützt werden, sei momentan Gegenstand von Verhandlungen, erklärt Metzger. Sicher ist aber, dass auch die Kantonale Schulkonferenz Basel-Stadt (KSBS) und die Freiwillige Schulsynode (FSS), also die Lehrergewerkschaft, den Abbau der musischen Fächer kritisieren. «Das ist ein deutlicher Abbau zugunsten kopflastiger Fächer», sagt Gaby Hintermann, Präsidentin der KSBS. In ihrer zweiten Funktion, als Mitglied der Geschäftsleitung der FSS, sieht sie eine mögliche Verbesserung ebenfalls in der Aufhebung des Mint- und Lingua-Obligatoriums. «Das würde sechs gleichberechtigte Fächer schaffen und die Wahlfreiheit der Lernenden erhöhen», sagt Hintermann. Darüber, ob die FSS die Initiative unterstützen wird, werde der Vorstand Ende Monat befinden.

Hintermann gibt zu bedenken, dass es sehr schwierig sei, eine ausgewogene Stundentafel zusammenzustellen. «Da prallen viele Interessen aufeinander.»

Kantone beharren auf Tafel

Bei der Baselbieter Erziehungsdirektion war niemand für eine Stellungnahme erreichbar. In Basel-Stadt relativiert man die Bedenken: «Die Stundentafel ist ein extremer Kampfplatz», sagt Pierre Felder, Leiter der Basler Volksschulen. Die beiden Basel hätten einen Kompromiss «möglichst nahe an den Möglichkeiten des Lehrplans 21» verabschiedet. Er weiss um die Kritik am Resultat und den Wunsch, das Pflichtobligatorium Mint und Lingua abzuschaffen. Doch er winkt ab. Denn dort würden äusserst wichtige Kompetenzen vermittelt – auch für die Arbeitswelt.

Und Felder warnt: «Das Resultat wäre sehr ungewiss, würde das Fass erneut geöffnet.» Die beiden Basel seien die ersten Kantone, die die neue Stundentafel verabschiedet hätten. «Ich glaube, wir sind nicht am Ende der Musik», sagt Felder. Es gebe Wege ausserhalb der Stundentafel, diese Kompetenzen zu stärken, zum Beispiel in Projekttagen. Und er betont: «Wir möchten nicht, dass die Kantone auseinander driften – und Musik und Gestalten sind uns sehr wichtig.»