Harmos
Muss oder Musse: Der neue Musikunterricht spaltet die Gemüter

Durch die Harmos-Stundentafeln wird der Musikunterricht in Basels Volksschulen verändert. An einer Podiumsdiskussion debattierten Vertreter der Musik und der Kantone über den möglichen Abbau.

Tobias Gfeller
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Der Unionssaal im Volkshaus war am Mittwochabend voll besetzt. Das Thema brennt unter den Fingernägeln. Musiklehrkräfte und generell Musikinteressierte wollten wissen, ob und wieso es allenfalls wegen der Schulharmonisierung und den neuen Stundentafeln zu einem Abbau und einem Qualitätsverlust im Musikunterricht in Basel kommt.

Die Gäste, welche die Kantonale Konferenz Schulmusik zur Podiumsdiskussion einlud, wussten einiges zum Thema beizutragen. Stephan Schmidt, Direktor der Musikakademie Basel, sieht durch die Veränderungen auf lange Sicht die über die Jahre hinweg aufgebauten Qualitätsvorteile verschwinden. «Das wäre ein grosser Standortvorteil, der so verloren ginge.»

Befürchtungen nicht bewahrheitet

Zu Beginn der Debatte drehte sich vieles um die Musiklehrkräfte, die in Basel neu von den Volksschulen selber angestellt werden und nicht mehr von der Musikakademie kommen. «Die normalen Lehrpersonen haben keine Möglichkeit, diese tiefe Kompetenz zu entwickeln», glaubt Schmidt. Benno Graber war über viele Jahre hinweg Primarlehrer und liess immer wieder begleitend Musik in den Unterricht einfliessen.

Heute ist er Abteilungsleiter beim Amt für Volksschulen Baselland und stellt klar, dass sich Schmidt's Befürchtungen im Landkanton nicht bewahrheitet hätten. «Mittlerweile es ist völlig normal, dass Musiklehrer zur Schule gehören. Sie bekommen auch die nötigen Rahmenbedingungen geboten.»

«Demokratisierung und Humanisierung»

Über siebzig Klassen der Basler Orientierungsschule sind zurzeit sogenannte EMOS-Klassen. Diese Klassen mit erweitertem Musikunterricht soll es aber künftig nicht mehr geben. Diese Spezialklassen hätten laut Regina Kuratle von der Erziehungsdirektion Basel-Stadt zu einer Segregation zwischen Schweizer und ausländischen Schülerinnen und Schülern geführt. Die Projektleiterin für Harmos hatte im Volkshaus gegen den Aufmarsch der Musiklehrkräfte einen schweren Stand. Sie blieb aber stets sachlich und zeigte für die Ängste durchaus Verständnis.

Weniger diplomatisch als vielmehr angriffig zeigte sich Stéphanie Cron, Sekundarlehrerin in Binningen und Vertreterin der Kantonalen Konferenz Schulmusik Basel-Landschaft. «Was leistet Musikunterricht fürs Leben?», fragte sie und antwortete gleich selber. «Musik bringt den Menschen Demokratisierung und Humanisierung. Kein anderes Fach kann dies exemplarisch so leisten.»

Cron ärgerte sich massiv über die Möglichkeit, in der Ausbildung zum Primarlehrer künftig Musik abwählen zu können. «Lehrer ohne Musikbildung haben einen Mangel an Persönlichkeitsbildung», enervierte sie sich zusehends. Das Publikum, das sonst klar auf der Seite der Musik war, zeigte sein Unbehagen über Cron's Aussage mit einem Raunen.

Musik als Teil der Entwicklung

Musik verliert durch Harmos-Stundentafel an Bedeutung

Die vorliegenden Harmos-Stundentafeln bedeuten einen Umbau des Fachs Musik in der Sekundarschule 1. Musik und Bildnerisches Gestalten sind zusammen mit zwei weiteren Fächern in einem Block und erhalten den Status «Wahlpflichtfächer». So kann es bei einigen Schülern dazu kommen, dass sie in der achten und neunten Klasse keinen Musikunterricht besucht haben.

An Bedeutung gewinnen die baselspezifischen neuen natur- und lateinwissenschaftlichen Fächer MINT und LINGUA. Die Wahl eines der beiden ist obligatorisch. Für die restlichen vier Wahlpflichtfächer - darunter die Musik - bleiben somit nur zwei Lektionen übrig.

Im vergangenen Herbst hat sich das Schweizer Stimmvolk klar zur musikalischen Bildung bekannt und einer entsprechenden Vorlage mit 73 Prozent zugestimmt. Der Ja-Anteil war in den beiden Basler Halbkantonen sogar noch höher.

In der achten und neunten Sekundarstufe werden Bildnerisches Gestalten und Musik zusammen mit zwei weiteren Fächern zu Wahlpflichtfächern. So kann es sein, dass Schüler zwei Jahre lang keinen Musikunterricht haben. «Kreativität soll keine Sonderrolle spielen. Sie ist Teil der Entwicklung», stellte Musikakademie-Direktor Stephan Schmidt klar. «Musik dürfen wir nicht einfach nur nebenher machen.» Das Publikum gab ihm Recht und das Schlussvotum einer Frau sorgte allseits für Begeisterung: «Die Musikakademie ist der Schlüssel für die Qualität - und die soll erhalten bleiben.»