Islam

Mustafa Nasar lebt als junger Muslim im christlichen Studentenheim

Mustafa Nasar ist im bernischen Niederbipp aufgewachsen und lebt seit drei Jahren in Basel. Nicole Nars-Zimmer

Mustafa Nasar ist im bernischen Niederbipp aufgewachsen und lebt seit drei Jahren in Basel. Nicole Nars-Zimmer

Mustafa Nasar wohnt in einem christlichen Studentenheim in Basel und sein bester Freund ist Atheist. Dennoch ist für den 22-jährigen Studenten der Glaube zentral. Diesen in seinem Alltag auszuleben, ist aber kein Problem.

«Äuä», Mustafa Nasar winkt ab: «Die fünf Gebete pro Tag kann ich im Alltag problemlos einhalten.» Entweder gehe er ins Gebetszimmer der Uni, in eine Moschee oder er sei sowieso zu Hause. Der Student ist praktizierender Muslim. Er isst kein Schweinefleisch, trinkt keinen Alkohol, betet täglich fünf Mal und hält sich an das rituelle Waschen. «Das ist es auch schon. Der Islam ist ziemlich offen», sagt Mustafa Nasar und zuckt lachend die Schultern. Wir sitzen in einem Café im Gundeli zur Mittagszeit. Hinter ihm gehen Gäste rein und raus, die Kaffeemaschine pfeift, am Nebentisch hört eine Frau unserem Gespräch interessiert zu. Nichts lenkt Mustafa Nasar ab. Er erzählt von Afghanistan, dem Herkunftsland seiner Eltern. Von seiner Kindheit im bernischen Niederbipp. Von seinem Studium und seiner Faszination für Religionen.

Religiös konservative Erziehung

«Für mich ist der Glaube etwas sehr Privates, fast schon Intimes. Schliesslich finde ich darin Antworten auf bestimmte Fragen des Lebens», sagt Mustafa Nasar. Seine Eltern, die vor 23 Jahren in die Schweiz kamen, haben ihn religiös konservativ erzogen. «Sie haben uns den Islam immer ohne Wahrheitsanspruch vermittelt. Sie lehrten uns, dass wir für uns selber Antworten finden müssen – für niemanden sonst.» Heute ist sein bester Freund ein Atheist, der mit Religionen nichts anfangen kann. «Unsere Einstellung zum Glauben ist für uns beide persönlich. Natürlich kennen wir die jeweilige Haltung des anderen, aber aneinandergeraten sind wir deshalb noch nie», sagt der 22-jährige Afghane, der am Wochenende im Sicherheitsdienst von Clubs oder Events arbeitet.

Nicht nur seine Freunde gehören unterschiedlichen – oder gar keinen – Religionen an. Auch seine Familie lebt den Glauben unterschiedlich. Seine Mutter sei sehr fromm, seine Schwester hingegen praktiziere den Islam kaum. Mustafa Nasar begann im Alter von zehn Jahren regelmässig die Moschee zu besuchen. Dort lernte er das arabische Alphabet und sprach die Gebete mit. Was für ihn als Kind zum normalen Alltag gehörte, wollte er als junger Erwachsener vertieft kennenlernen. Er las viel – religiöse Schriften und die Debatten darüber: «Wir Muslime haben keine Institution wie die Kirche, wo man beim Pfarrer klingeln und nachfragen kann. Deshalb ist es für mich wichtig, eine eigene Meinung zu bilden.» Auch Texte über die vermeintliche Religionsgrenze hinaus verschlang er. So inspirierte ihn ein Schulausflug zur Lektüre des Alten Testaments.

Kleines Dorf als Chance

Seit einem halben Jahr lebt der Student der Religionswissenschaften und Nahoststudien im Studentenheim Borromäum. Getragen wird dieses von einem jesuitischen Orden. «Äuä», lacht Mustafa Nasar, «mein Glaube hat dort, wie auch sonst irgendwo, nie eine Rolle gespielt.» Benachteiligt oder diskriminiert habe er sich nie gefühlt. Auch nicht in Niederbipp, wo er aufgewachsen ist. Obwohl die dortigen Einwohner mehrheitlich konservative Stimmen in die Urnen legen, habe seine Familie keine Ablehnung erfahren. Im kleinen Dorf kannte man sich. Sein Vater arbeitete bei einem Gemüsegrossisten und nahm unter anderem die Lieferungen der Bauern entgegen. «Die Leute im Dorf wussten, wer wir sind. Gerade die Kleinräumigkeit der Gemeinde erlebte ich als grosse Chance.»

Seit dem Erstarken des Islamischen Staates muss Mustafa Nasar mehr Auskunft über den Islam geben. Das stört ihn nicht: «Ich weiss ja, dass man eineinhalb Milliarden Muslime nicht in ein und denselben Topf werfen kann.» Wütend macht ihn die politische Instrumentalisierung der Geschehnisse. «Rechtspopulistische Parteien in ganz Europa profitieren von den Umständen im Nahen Osten.» Als er von den Anschlägen in Paris hörte, sei deshalb sein erster Gedanke jener der politischen Vereinnahmung gewesen.

Aber was sagt er dazu, wenn junge Männer in seinem Alter und im Namen seiner Religion morden? «Ich rechtfertigte mich nicht und fühle mich auch nicht davon betroffen. Nachvollziehen kann ich es auch nicht, schliesslich kann ich Gewalt nicht verstehen.» Entspannt lehnt Mustafa Nasar an die Stuhllehne, stellt sein leeres Glas auf den Tisch, fährt sich durch die Haare. Er lacht: «Äua!»

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