Ständig auf Abruf. Immer mit den gleichen Leuten an einem Ort. Im Hinterkopf das Wissen, dass man sterben könnte. Cyrill Wunderlin war für ein Jahr in Mexiko. Seit 2006 wütet dort ein Drogenkrieg. Die Angehörigen der Drogenkartelle kämpfen gegen den Staat, die Bevölkerung ist wehrlos und mittendrin. Die Behörden sprechen von über 185'000 Todesopfern, die der Krieg bereits gefordert hat. Das hat auch Wunderlin mitbekommen und wollte etwas ändern. Während des Studiums, das der heute 31-Jährige in Sozialanthropologie absolviert hat, hörte er von der Organisation Peace Brigades International (PBI).

PBI setzt freiwillige Helfer in verschiedenen Ländern als Menschenrechtsbeobachter ein. Diese begleiten Aktivisten und Aktivistinnen, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzen und für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen. Wegen dieses Engagements sind diese Personen gefährdet und können sich oft nicht gefahrlos im öffentlichen Raum bewegen. Wunderlin wollte den Leuten helfen und etwas verändern. Zudem fand er die freiwillige Arbeit in diesen Ländern sehr wichtig. Also bewarb er sich bei PBI.

An einem Bewerbungsgespräch wurde überprüft, ob er sich überhaupt für die Arbeit eignet. «Nicht jeder kann das machen», sagt Wunderlin heute, wieder zu Hause in Basel. Viele könnten nicht mit der konstanten Belastung umgehen und sich nicht von den schlimmen Dingen distanzieren. Für ihn sei dies nie ein Problem gewesen: «Ich wusste, wie ich die Erlebnisse einordnen kann.» Also wurde er angenommen. In einer Trainingsphase übten die Freiwilligen, wie man heikle Gespräche führt. Zudem gaben Leute, die bereits in einem Land für PBI gearbeitet hatten, Inputs weiter an die Neulinge.

Arbeit in vier Bereichen

Nach dem zehntägigen Training und einigen Monaten Wartezeit ging es los: Am 1. September 2016 stieg der Basler ins Flugzeug, um ein Jahr lang für eine bessere Welt zu arbeiten. Die Arbeit eines Menschenrechtsbeobachters ist vielseitig und anspruchsvoll. Wunderlin teilt die Arbeit in vier Bereiche ein, um zu erklären, was es heisst, sein Leben aufs Spiel zu setzen: Kommunikation, die Netzwerkarbeit im Hintergrund, Sicherheitsanalysen und das physische Begleiten.

«Die Leute, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, sind oftmals im Weg.» Deshalb sei das Begleiten der bedrohten Personen sehr wichtig. Zudem sprechen die Mitarbeitenden von PBI mit den Behörden, um die Situation der begleiteten Person zu verbessern. Auch die Aufklärung sei ein zentrales Thema. «In Mexiko wird viel mit Einschüchterung und direkter und indirekter Gewalt gearbeitet.» Deshalb wolle PBI der Bevölkerung zeigen, dass sie nicht alleine sei, und dass es einen Ausweg gibt.

Explizite Beispiele von Fällen, die er behandelt hat, kann Wunderlin keine nennen. PBI arbeitet mit vertraulichen und sensibeln Informationen. Er spricht jedoch über einen Fall, den PBI behandelte, der um die Welt ging: Rosendo Radilla. Vor 43 Jahren verschwand der Lehrer im Bundesstaat Guerrero. Von einem Tag auf den anderen. Niemand wusste, was passiert sein könnte. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrecht fällte 2009 ein Urteil. Der Staat Mexiko wurde für das Verschwinden des Mannes verantwortlich gemacht. Bis heute weiss niemand, was mit dem Mann passiert ist und warum er nicht mehr da ist. Seine Tochter Tita Radilla wird von PBI begleitet. Seit mehr als 30 Jahren engagiert sie sich für verschwundene Menschen und deren Angehörige.

Prägende Erfahrungen

Und was es für die Angehörigen bedeutet, wenn ein Mensch einfach so verschwindet, hat Wunderlin erlebt: «Es war für mich wohl die intensivste und auch prägendste Erfahrung. Mit Leuten zu arbeiten, die ihre Angehörigen vermissen und keine Informationen über deren Verbleib haben.» Im Drogenkrieg von Mexiko verschwinden immer wieder Menschen. Die Behörden sprechen von mehreren zehntausend Personen. Es wird jedoch vermutet, dass die Zahl um einiges höher ist, da sich viele Menschen nicht getrauten, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Aus Angst vor den Konsequenzen. Wie Wunderlin erzählt, benutzen die Einheimischen die symbolische Zahl 100.043. Die Nummer 43 für die 43 verschwundenen Studenten, von denen seit drei Jahren jede Spur fehlt.

Die freiwilligen Menschenrechtsbeobachter von PBI sind immer in Gruppen vor Ort. Fünf bis zehn Helfer betreuen die Fälle gemeinsam und tauschen sich unter einander aus.

Sogar Götti geworden

Seit mehr als einem Monat ist Wunderlin wieder zu Hause in Basel. Nachdem er ein Jahr in Mexiko gewesen war, habe es sich «speziell» angefühlt, zurück in der sicheren Schweiz zu sein. Aber: «Ich habe gute Freunde hier, die mir Rückhalt geben.» Während seiner Zeit in Mexiko wurde er sogar Götti von einem Jungen, den er nach vier Monaten zum ersten Mal sehen konnte. Trotz der vielen schlimmen Dinge, die Wunderlin erlebt und mitbekommen hat, hat er seine positive Weltanschauung nicht verloren. «Ich konnte dort sein und helfen.» Ebenso schön ist es für ihn, wieder zu Hause zu sein. Sein Ziel ist es, sich in er Zukunft weiterhin freiwillig zu engagieren.