Strafgerichtsfall
Mutmasslicher Täter folterte und bedrohte Paar wegen Drogengeldern

Zwei Männer überfielen im April 2013 ein Paar am Clarahofweg auf der Suche nach Drogengeldern. Einer der Täter wurde gefasst. Jetzt soll er für elf Jahre ins Gefängnis.

Patrick Rudin
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Die Basler Staatsanwältin Simone Lustenberger forderte wegen der grausamen Behandlung der Opfer eine Freiheitsstrafe von elf Jahren für den Angeklagten. (Archiv)

Die Basler Staatsanwältin Simone Lustenberger forderte wegen der grausamen Behandlung der Opfer eine Freiheitsstrafe von elf Jahren für den Angeklagten. (Archiv)

Kenneth Nars

«Ich bin darüber schockiert, was dort passiert ist. Wir sind nur hingegangen, um miteinander zu reden», beteuerte der 50-jährige Angeklagte gestern vor dem Strafgericht. Auf dem Gerichtsprogramm stand wieder einmal ein Kriminalfall der abstossenden Art.

Aus der Sicht der Wohnungsinhaber klang die Geschichte allerdings völlig anders: An jenem Morgen im April 2013 klingelten zwei Männer bei der Wohnung am Basler Clarahofweg, drängten sich rein und überfielen das Paar brutal: Die Frau wurde von den böswilligen Eindringlingen minutenlang mit einem Elektroschock-Gerät bearbeitet, ihr Lebensgefährte mit einem an seinen Hals gehaltenen Messer bedroht. «Wo ist das Geld, wo sind die Drogen?», schrien die Männer dabei mehrmals. An alle Details erinnerte sich die Frau gestern vor dem Basler Strafgericht nicht mehr, zumal sie während der Attacken wohl bewusstlos wurde.

Das Institut für Rechtsmedizin diagnostizierte diverse Hautverbrennungen und weitere blutende Oberhautverletzungen. Die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass die Frau damals rund 50 Elektroschocks erhalten hat. Die zwei Männer verliessen nach ein paar Minuten wieder die Wohnung, sollen dabei aber gedroht haben, ihren Sohn umzubringen, wenn sie nicht innerhalb einer Woche das Geld auftreibe. Dabei liessen sie noch ein teures Mobiltelefon mitlaufen.

Schulden des kriminellen Ex

Die Frau sagte gestern vor Gericht aus und betonte dabei, sie habe keine Ahnung gehabt, von welchem Geld die Männer gesprochen hätten. Den 50-Jährigen kannte sie allerdings von früher. Tatsächlich hatten die zwei Männer die Wohnung nicht zufällig ausgewählt: Der Ex-Mann der überfallenen Frau hatte offenbar früher mit Drogen gehandelt und ebenfalls Verbindungen zum 50-jährigen Angeklagten. Wenige Wochen vor dem Überfall war der Ex-Mann von einem Zürcher Gericht zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden und damit von der Bildfläche verschwunden.

Die Basler Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 50-Jährige aus einem gemeinsamen Geschäft rund 40 Kilo Heroin, oder zumindest den Gegenwert dessen, einkassieren wollte und wohl dachte, die Frau verfüge über das Geld.

Komplizen nicht verpfiffen

Der 50-Jährige bestritt dies gestern vor Gericht allerdings heftig. Er habe rund 82'000 Franken an legalen Forderungen aus einem Geschäft offen gehabt und habe deshalb mit der Frau «reden» wollen. Auch habe er den Lebenspartner nicht mit einem Messer bedroht und bei der «Rangelei» nur zugesehen. Am Ende habe er seinem Kumpel sogar das Elektroschockgerät weggenommen, um der Frau zu helfen, wie er betonte. Wer dieser ominöse Kumpel gewesen war, wusste er allerdings nicht. Er hätte ihn erst kurz vor der Tat kennen gelernt. Dieser Mittäter ist weiterhin flüchtig. Der 50-Jährige hingegen wurde an seinem Wohnort in Polen festgenommen und an die Schweiz ausgeliefert. Ursprünglich stammte er aus der Türkei. Wegen illegalen Waffenbesitzes ist er bereits mehrmals vorbestraft. Eine weitere siebenjährige Freiheitsstrafe, zu der er in Deutschland wegen Drogenhandels verurteilt wurde, liegt allerdings schon 20 Jahre zurück und darf vom Gericht darum nicht mehr berücksichtigt werden.

Staatsanwältin Simone Lustenberger forderte wegen der grausamen Behandlung der Opfer eine Freiheitsstrafe von elf Jahren für den Angeklagten: «Ihm war das Leben und die Gesundheit der Opfer völlig gleichgültig. Man kann hier von Folter sprechen», sagte sie.

Die Verteidigerin hingegen verlangte einen Freispruch. Dies, weil die Opferaussagen über die Rolle des Mannes beim Überfall nicht eindeutig seien. Die fünf Richter fällen ihr Urteil am Mittwoch.