Vogel Gryff

Mystisch und märchenhaft: Die bz-Praktikantin aus Bern nimmt zum ersten Mal am Vogel Gryff teil

Eigentlich bin ich keine grosse Freundin von alten Bräuchen und Volksfesten. In meiner Heimatstadt Bern haben wir auch keine überzeugenden traditionellen Feste: Die Berner Fasnacht ist nicht der Rede wert und dann gibt es da noch den Zibelemärit. An diesem Tag im November geht es lediglich darum, massenhaft Zwiebelkuchen und Glühwein zu konsumieren. Beides tolle Dinge, versteht sich – aber niemals würde ich dafür um halb fünf Uhr morgens aufstehen. Nun bin ich aber seit kurzem nicht mehr in Bern, sondern in Basel. Und ich möchte diese Stadt so richtig kennen lernen, mit allem, was dazugehört, inklusive Volksfeste. Also folge ich dem Chefredaktor zu seinem offiziellen Vogel-Gryff-Apéro-Termin.

Druggedde und Seilziehen mit der Polizei: Zur Mittagszeit eilen die Schaulustigen zum Tanz auf der Mittleren Brücke.

Druggedde und Seilziehen mit der Polizei: Zur Mittagszeit eilen die Schaulustigen zum Tanz auf der Mittleren Brücke.

Kanonenschüsse unter der Mittleren Brücke

Den Begriff «Vogel Gryff» hatte ich schon vor Jahren einmal in irgendeinem seltsamen Zusammenhang gehört, ich glaube, es war in einem Video auf Youtube. Erst vor zwei Wochen erfuhr ich dann, was es damit tatsächlich auf sich hat. Um 10.30 Uhr also zu Fuss los in Richtung Kleinbasel. Als die ersten Böller knallen, sind wir erst beim Marktplatz. Ich renne dem Chef hinterher und wir kommen knapp rechtzeitig bei der Mittleren Brücke an, wo sich bereits Hunderte von Menschen versammelt haben. Sie schauen alle flussaufwärts.

Stadtromantik auf der Talfahrt: Wild Maa, Münster, Wettsteinbrücke.

Stadtromantik auf der Talfahrt: Wild Maa, Münster, Wettsteinbrücke.

Noch ist nicht erkennbar, was für Gestalten sich auf dem Floss befinden, das sich da nähert, aber es sind immer wieder Kanonenschüsse hörbar. Ich versuche, einen guten Blick auf das Floss zu erhaschen. Auf der Brücke weht plötzlich ein eisiger Wind, die Sonne dringt ganz knapp durch die graue Decke am Himmel, das Floss kommt immer näher, das Geknalle wird lauter, und nun kann ich schon die Umrisse des baumartigen Wesens, des Wild Maa, wie ich später erfahre, erkennen. Doch wir sind im Verzug und nach wenigen Minuten auf der Brücke muss ich wieder dem Chef nachrennen, zum Apéro im Kloster Klingental, das sich gleich gegenüber von der Stelle am Rheinufer befindet, wo das Floss anlegt.

Während er Leuten die Hand schüttelt, suche ich mir einen Platz am Fenster. Und da, endlich: Der Wild Maa geht an Land und die drei Ehrenzeichen führen ihre Tänze auf. Zum ersten Mal sehe ich den Vogel Gryff aus der Nähe. Und den Leu. Und den Wild Maa, der es mir richtig angetan hat: Das Kostüm, die kleine Tanne, die er dabei hat und die Choreografie, die er hüpft und tanzt – es gefällt mir. Die drei Figuren versprühen eine märchenhafte, mystische Atmosphäre. Gleichzeitig würde mindestens der Wild Maa auch gut an eine Klimademo passen.

Eine Choreografie der Kleinbasler Tradition: Showtime für Vogel Gryff, Wild Maa und Leu auf offener Strasse.

Eine Choreografie der Kleinbasler Tradition: Showtime für Vogel Gryff, Wild Maa und Leu auf offener Strasse.

Im nächsten Jahr am Glühweinstand

Händeschüttelnd verlassen wir den Apéro. Wieder draussen in der Kälte folgen wir dem Umzug zu ein paar Standorten und landen schliesslich wieder auf der Mittleren Brücke. Langsam könnte ich einen Glühwein vertragen, es weht nämlich immer noch ein eisiger Wind. Für diesen laut geäusserten Wunsch ernte ich nur Kopfschütteln. Anscheinend geht es bei dieser Veranstaltung nicht primär ums Trinken.

Aber worum denn? Um Tradition, sagt der Chef. Das gäbe den Leuten Halt, wenn sich alles um sie herum verändert. Kann ich irgendwie nachvollziehen, auch wenn ich diese Form von Halt nicht brauche. Der Chef muss zu einem Mittagessen und ich gehe auch zurück, den Tanz beim Käppelijoch lasse ich aus.

Vielleicht bleibe ich im nächsten Jahr ein bisschen länger. Ich würde es aber sehr begrüssen, im nächsten Jahr einen Glühweinstand bei der Mittleren Brücke vorzufinden.

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