Darauf hätte niemand gewettet. Seit 16 Jahren sitzt Dieter Salomon (57) als erster grüner Oberbürgermeister einer deutschen Grossstadt in Freiburg im Breisgau fest im Sattel. Alle acht Jahre wird gewählt und 2010 bestätigten ihn die Freiburger schon im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent der Stimmen im Amt.

Dieses Jahr aber sieht alles anders aus. Gegenüber der letzten Wahl verlor Salomon am 22. April beim ersten Wahlgang mehr als 19 Prozent und kam nur auf 31,3 Prozent. Er musste sich hinter dem Nobody und Europareferenten des Städtchens Sindelfingen bei Stuttgart, Martin Horn, mit dem zweiten Platz begnügen. Dieser erhielt 34,7 Prozent. Horn ist parteilos, wird aber von der SPD unterstützt.

Noch schlimmer aus Salomons Sicht: Monika Stein (48), Lehrerin und Kandidatin eines links-grünen Bündnisses, gelang es, tief in Salomons Hochburgen einzudringen. So erreichte sie im Öko-Viertel Vauban mehr als 50 Prozent der Stimmen. Die grüne Stammwählerschaft Salomons durchzieht ein tiefer Riss.

Immerhin 26,2 Prozent erhielt Stein und entschied sich, wie Salomon und Horn, am zweiten Wahlgang am 6. Mai wieder anzutreten. Um Oberbürgermeister zu werden, reicht nun die einfache Mehrheit. Der vierte Kandidat, der parteilose Softwarespezialist Anton Behringer, rief seine Wähler, immerhin 3,7 Prozent der Stimmen, dazu auf, Horn zu wählen.

Zu selbstherrlich, zu abgehoben

Obwohl Salomon von der CDU unterstützt wird, die selber keinen Kandidaten aufstellte, ist es keineswegs sicher, dass es ihm gelingt, die Tendenz im zweiten Wahlgang zu kehren. Der Oberbürgermeister gilt als selbstherrlich und abgehoben und wird als realpolitischer Machtmensch definiert.

Neben Problemen mit der Kriminalität und dem Mangel an günstigen Wohnungen kämpft die Universitätsstadt mit ihren 230'000 Einwohnern mit keinen tief greifenden Schwierigkeiten. Es geht ihr gut. Dennoch wünschen sich viele Freiburger nach 16 Jahren einen Wandel. Im links-grünen Freiburg hat sich eine diffuse Stimmung gegen das Establishment breitgemacht, zu dem Salomon mittlerweile gehört.

Auf seiner Internetseite kommt Salomon mit dem Slogan «Dieter wählen» mittlerweile ohne Krawatte betont leger daher. Sein Konkurrent Horn hat dafür Anzug und Krawatte angezogen. Die drohende Niederlage Salomons hat auch seine Partei aufgerüttelt. Baden-Württemberg wird von einer schwarz-grünen Koalition regiert.

Ministerpräsident ist der Grüne Winfried Kretschmann und als ein möglicher Nachfolger wurde bereits Salomon gehandelt. Salomons Scheitern könnte landespolitische Auswirkungen haben. Die grünen Spitzenpolitiker haben die Warnung verstanden und versuchen zu retten, was zu retten ist. Anfang Mai war Landesvater Kretschmann zur Unterstützung Salomons in Freiburg. Kurz vor ihm kam Cem Özdemir, gefolgt von Claudia Roth, die eher der Parteilinken angehört. Beide waren zeitweise Parteivorsitzende.