Sobald der Eingang mit dem roten, schweren Vorhang durchschritten ist, knistert’s. Die Spannung ist gross, überall tuscheln Kinder, alle warten gespannt. Vorne nimmt Christoph Bosshard-Zimmerman seinen Platz auf einem einfachen Holzstuhl ein.

Mit seiner tiefen ruhigen Stimme begleitet von einer Gitarre begrüsst er die Kinder: «Ich bitte die Grossen, den Kleinen die Geschichte nicht lauter zu erklären, als der Kasper spricht und die Kleinen auf den Schoss zu nehmen, wenn sie zappelig werden.»

Dann geht er hinter die Bühne, um zu schauen, ob der Kasperli und die anderen Puppen schon bereit sind für ihren grossen Auftritt. Als sich vorne schliesslich der Vorhang öffnet, ist die Spannung für die Kinder kaum mehr auszuhalten.

Die etwa 20 Kinder rutschen auf den kleinen Holzbänken herum und rufen laut nach dem Kasperli. Dieser taucht denn auch auf, die Freude der Kinder ist riesig und kann wohl von keinem Erwachsenen nachempfunden werden. «Hoi mitenand», sagt der Kasper, dessen Puppe Christoph Bosshard selbst geschnitzt hat – wie auch die anderen rund 250 Puppen die Silvia Bosshard-Zimmerman und er für ihr eigenes Puppentheater, die Tokkel-Bühne, besitzen. Eltern oder Grosseltern, die in den hinteren Bänken und am Rand sitzen, winken ihren Schützlingen zu, wenn diese sich suchend umschauen.

Erfolg mit Eigenproduktionen

Als der Kasper erzählt, dass es heute um das Salz der Erde geht und eine böse Hexe, die es stehlen möchte, rufen viele Kinder: «Ich bin schon oft hier gewesen» oder «Kasperli, ich kenne dich schon lange.» Als die böse Hexe, geführt von Silvia Bosshard-Zimmermann, schliesslich im Fenster vorne auftaucht, rufen die Kinder laut durcheinander und schreien dem Kasper zu, er solle aufpassen und sich verstecken.

Die nächsten 40 Minuten sind wohl etwas vom Süssesten und Berührendsten, was man an der Herbstmesse erleben kann. Das Stück «Dr Kasper schlooft ii», welches das Ehepaar wie die meisten seiner Stücke selbst produziert hat, kommt grossartig bei den Kindern an. Immer wieder helfen sie dem Kasper und lachen, wenn er umfällt oder tanzt.

Bereits seit 40 Jahren touren die Schauspielerin und der gelehrte Bühnenbildner mit ihrem selbstgebauten Zelt durch die Schweiz. «Die Herbstmesse war aber schon immer unser Herzstück», sagt er. Die 40 Jahre lassen sich wohl am eindrucksvollsten in Zahlen ausdrücken. Über 6200 Aufführungen haben die beiden vorgezeigt, mehr als 320 000 Zuschauer und Zuschauerinnen haben bei ihren Stücken geweint, gelacht und viel geklatscht.

Ihr grosses Zelt haben sie 1264 Mal auf- und abgebaut. Im Alter von 69 Jahren gehen sie nun zu letzten Mal auf Tournee und treten an der Messe auf. «Das Spielen verlangt körperlich sehr viel und das 40-Jahr-Jubiläum schien ein guter Moment, um aufzuhören.»

Beide verlassen die Tokkel-Bühne mit einem weinenden und einem lachenden Auge: «Ich versuche, die Aufführungen möglichst bewusst wahrzunehmen und zu geniessen», sagt die Stimme des Kaspers. Auch Silvia Bossard möchte noch so viele Eindrücke aufnehmen, wie sie kann. Sie versucht aber auch zu vergessen, dass das Ende naht. «Es wird für uns ein denkwürdiger Moment sein, wenn wir das Theaterzelt zum letzten Mal abbauen», sagt Silvia, die auf dem Bauernhof in einer Grossfamilie aufgewachsen ist.

Tournee mit Kind und Kegel

«Bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sonnenschein draussen unter freiem Himmel zu leben und zu arbeiten, war für mich immer erfülltes Sein», meint sie zur Frage, was das Schönste an ihrem Beruf gewesen sei. Auch Christoph Bosshard war das immer wichtig. «Wir leben für das Theater», sagen beide. Und das merkt man. Als sie von ihrem Leben erzählen und den zahlreichen Geschichten, die sie unterwegs erlebt haben, leuchten ihre Augen.

«Einmal spielten wir mit den Puppen ein Hochzeitsfest und beim Ja-Wort, begannen draussen Kirchenglocken zu läuten.» Für Silvia Bosshard war das einer der eindrücklichsten Momente.

Als ihre beiden Töchter noch klein waren, sind sie immer gemeinsam mit ihnen und ihren Freundinnen auf Tournee gegangen. «Alle haben ihren Schlafsack genommen und auf den Bänken im Theaterzelt übernachtet. Die Stimmung war immer sehr gemütlich», erinnert sie sich.

Im Leben der beiden, hat sich vieles immer gefügt, oder wie Christoph es ausdrückt: «Wir hatten immer viel Glück.» Am 14. November lassen die beiden zum letzten Mal ihre Puppen lebendig werden. Sie verlassen die «Mäss» mit einem Bündel voller Erfahrungen, glücklicher Stunden und dem Klang von Kinderlachen in den Ohren.