Nachfolger

Nach 42 Jahren wäre es wieder an der Zeit für einen Bundesrat aus der Region

Die Bundesräte Emil Frey (1838–1922) und Hans Peter Tschudi (1913–2002) waren die bisher letzten Mitglieder der Landesregierung aus den beiden Basel.

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Kaum sind am Sonntag National- und Ständerat neu gewählt, geht auch schon das Gerangel um die Neubestellung des Bundesrates los. Die Gesamterneuerung der Landesregierung durch die Vereinigte Bundesversammlung ist für den 9. Dezember angesetzt. Die Gefahr, dass die beiden Basel dabei einmal mehr leer ausgehen ist gross.

Bundesrat ohne beide Basel

Andere Kantone scheinen auf den Bundesrat abonniert zu sein. So hat Zürich seit der Gründung des modernen Bundesstaates im Jahr 1848 20 Bundesräte gestellt. Aus Bern und der Waadt kamen je 14. Solothurn hatte bisher sechs Vertreter in der Landesregierung, der Aargau fünf und sogar die beiden Appenzell hatten zusammen vier Bundesräte.

Die zweitstärkste Wirtschaftsregion der Schweiz bleibt indessen kontinuierlich vom Zentrum der Macht ausgeschlossen. Immer wieder kommen so die Interessen der beiden Basel unter die Räder, etwa bei der Verteilung der Gelder für Nah- und Schienenverkehr, der Modernisierung der Nationalstrassen, dem trinationalen Flughafen, der Preispolitik für Medikamente und dem Ausbau des Hafens. Die Anliegen von Basel und Liestal werden oft nur wenig berücksichtigt. Zu fern scheint Bundesbern unsere Ecke der Schweiz zu sein. Dazu kommen die periodisch aufbrechenden Gegensätze von Stadt- und Landkanton und das beschränkte Gewicht der vierzehn Basler und Baselbieter Bundesparlamentarier gegenüber den grösseren Delegationen anderer Kantone und Regionen. Es ist daher höchste Zeit, dass 42 Jahre nach Hans Peter Tschudi und 118 Jahre nach Emil Frey wieder ein Vertreter der beiden Basel in der Landesregierung Einsitz hält.

Wer waren die letzten zwei?

Emil Frey wurde 1838 in Arlesheim geboren als Sohn des Juristen und Politikers Emil Remigius Frey, eines der Gründungsväter des Kantons Baselland. Das Elternhaus war liberal und radikal-demokratisch. So soll der badische Revolutionär Friedrich Hecker im Hause Frey Zuflucht gefunden haben. Hecker hatte im Zuge der Revolution von 1848 einen bewaffneten Aufstand gestartet, um eine erste liberale deutsche Republik zu errichten. Auf der Scheideck bei Kandern nicht weit von Basel unterlag er aber am 20. April 1848 monarchistischen Kräften und floh nach Muttenz. Vom Baselbiet aus ging er in die USA ins Exil. Hecker muss auf den jungen Frey einen tiefen Eindruck hinterlassen haben, denn er sollte den badischen Revolutionär in den USA bald wieder treffen.

Doch zunächst durchlief Emil Frey eine wechselvolle Schulkarriere, die ihn von Therwil über Waldenburg und Basel bis nach Ulm führte. Weil er immer wieder mit Lehrern und Schulleitungen in Konflikt kam, konnte er die Matura nicht machen. Dennoch studierte er in Jena Agrarwissenschaften, auch dies ohne Abschluss. Im Dezember 1860 wanderte er dann in die USA aus, um in Illinois im mittleren Westen auf einer Farm zu arbeiten, die Friedrich Hecker gehört haben soll.

Offizier der US-Army

Kaum vier Monate später brach 1861 der Sezessionskrieg aus. Frey meldete sich freiwillig zum «24th Illinois Volunteer Infantry Regiment» der Armee der Nordstaaten. Das Regiment war von Friedrich Hecker aufgestellt worden und wurde von ihm kommandiert. Als Hecker 1862 zum «82nd Illinois Infantry Regiment» wechselte, folgte Frey ihm dorthin, dies im Rang des Captain. Das Regiment vereinte vor allem deutschsprachige Liberale, darunter viele Revolutionäre von 1848, sowie schweizerische, deutsch-jüdische und skandinavische Emigranten.

Kampf gegen Sklaverei

Vereint waren sie durch ihre liberale Haltung, die vehemente Ablehnung der Sklaverei und ihren Glauben an die Vereinigten Staaten als Hort der Freiheit und Demokratie.

Die hoch motivierten Freiwilligen des «82nd Illinois» erlitten bei zahlreichen Einsätzen grosse Verluste. Frey war immer zuvorderst. Während der entscheidenden Schlacht von Gettysburg wurde Emil Frey im Juli 1863 von den Konföderierten gefangen genommen. Die nächsten eineinhalb Jahre war er Kriegsgefangener der Südstaaten. Acht Monate davon verbrachte er unter erschwerten Bedingungen und ernährte sich gar von Ratten.

Zurück nach Liestal

1865 kam er frei und wurde zum Major befördert. Nach Kriegsende kehrte Emil Frey ins Baselbiet zurück, wo er als Kriegsheld gefeiert wurde. Was als kurzer Erholungsurlaub in der Heimat gedacht war, wurde verlängert, als Frey im Oktober 1865 vom Landrat zum Landschreiber gewählt wurde. Schon 1866 wurde der Bürgerkriegsveteran Regierungsrat und Baselbieter Militärdirektor. 1872 trat Frey aus der Regierung aus und wurde Redaktor der Basler Nachrichten.

Im selben Jahr wurde er in den Nationalrat gewählt. Innerhalb der grossen freisinnigen Fraktion gehörte er zu den führenden Persönlichkeiten der demokratischen Strömung, die sich für den Ausbau der Volksrechte einsetzte. Regional setzte er sich für die Wiedervereinigung der beiden Basel ein. Auf Bundesebene war er ein scharfer Kritiker der Neutralität. Sie sei eine Chiffre für die Knechtung des Landes und gehöre deshalb aus dem politischen Vokabular eines freien Landes gestrichen, so Frey, der 1876 Nationalratspräsident wurde.

Botschafter und Bundesrat

1882 ernannte der Bundesrat den amerikanisch-schweizerischen Doppelbürger zum ersten schweizerischen Botschafter in Washington. Nach seiner Rückkehr wurde er wieder Nationalrat und schliesslich 1890 Bundesrat. Dort übernahm er das Eidgenössische Militärdepartement (EMD). Der ehemalige US Major, der in der Schweizer Armee den Rang eines Obersten bekleidete, richtete somit die ersten Festungen im Gotthardmassiv und bei St. Maurice im Wallis ein. So legte er den Grundstein zur schweizerischen Verteidigungsdoktrin bis zum Ende des Kalten Kriegs. Er setzte ein umfassendes Rüstungsprogramm durch, samt Einführung der Radfahrertruppe. Nachdem er an der Urne mit einer Armeereform gescheitert war, trat er 1897 zurück. Den Rest seiner Karriere verbrachte er als Direktor der Internationalen Telegrafen-Union in Bern.

«Vater der AHV»

Als Sozialpolitiker ist Hans Peter Tschudi im Gedächtnis geblieben, der nach Ernst Brenner (1856-1911) erst der zweite und bisher letzte Bundesrat aus Basel-Stadt.

Als Vorsteher des Departements des Inneren (EDI) gilt der sozialdemokratische Jurist als Vater der modernen schweizerischen Sozialversicherungen. Zwar war die AHV schon früher beschlossen worden. Tschudi aber etablierte die Ergänzungsleistungen, verankerte das Drei-Säulen-Prinzip in der Verfassung und gab der Sozialversicherung ihre heutige Form. Hans Peter Tschudi wurde 1913 in Basel in eine Lehrerfamilie geboren. Im Gegensatz zu Emil Frey galt er als Musterschüler. Nach der Matura am Humanistischen Gymnasium in Basel und dem Jura-Studium wurde er 1938 mit nur 25 Jahren Chef des Basler Gewerbeinspektorats. Seine Amtszeit fiel in die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der hohen Arbeitslosigkeit, der sozialen Misere, des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland und den Fronten in der Schweiz.

Gemässigter Sozialdemokrat

All dies sollte ihn prägen, sowohl in seinem sozialen, als auch in seinem politischen Engagement. Schon Tschudis Vater war SP-Grossrat und auch Hans Peter Tschudi trat 1936 der Partei bei. 1943 wurde er in der Gewerkschaft VPOD tätig. Dabei blieb er trotz Krise und Krieg immer gemässigt, was ihm bei seiner politischen Laufbahn half. 1944 wurde Hans Peter Tschudi für die SP in den Grossen Rat gewählt, wo er bis 1953 Einsitz hatte. Von 1953 bis 1959 war er Regierungsrat, 1956 wurde er in den Ständerat gewählt, 1959 schliesslich in den Bundesrat. Dabei bevorzugte ihn die vereinigte Bundesversammlung als gemässigten Sozialdemokraten gegenüber dem ehemaligen Kommunisten Walter Bringolf aus Schaffhausen. Tschudis Wahl gilt als Geburtsstunde der «Zauberformel», die bis zur Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat galt.

Hans Peter Tschudi sei, wie der langjährige Bundeshauskorrespondent der «Basler Nachrichten», Arnold Fisch, bemerkte, «überall, wo er Hand angelegt hat, von beneidenswertem Erfolg begünstigt gewesen». So machte er parallel zu seinem politischen Aufstieg auch an der Universität Karriere, wo er als Jurist eine Professur für Arbeits-und Sozialversicherungsrecht innehatte.

Als Innenminister in Bern erfolgte in seiner Amtszeit aber nicht nur der Ausbau der AHV, sondern auch der massive Ausbau des Nationalstrassennetzes. Nach der Zeit im Bundesrat kehrte Hans Peter Tschudi an die Universität zurück und wirkte als Stiftungsratspräsident der Pro Senectute und als Mitglied des IKRK. Er verstarb 2002.

Historische Leistungen

Die Leistungen von Emil Frey und Hans Peter Tschudi waren historisch. Bis heute haben sie keine Nachfolger gefunden. 115 Jahre nach dem Amtsantritt von Emil Frey und 56 Jahre nach Hans Peter Tschudi ist es daher höchste Zeit, dass wieder ein Vertreter der beiden Basel in den Bundesrat gewählt wird. Am 9. Dezember wäre wieder einmal Gelegenheit.

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