Wie stark wird die Region Basel vom Brexit betroffen sein?

Reto Krummenacher: Im Moment sind die Auswirkungen eher kurzfristiger Natur, wie wir schon gestern früh mit dem Kursverlust des Pfundes und dem Anstieg des Frankens gesehen haben. Die Aufwertung des Frankens, diese Geschichte kennen wir, spätestens seit vergangenem Jahr, als die Nationalbank die Anbindung des Frankens an den Euro aufgab. Es wird nochmals vermehrt Einkaufstourismus geben, und die Exportwirtschaft wird davon betroffen sein, weil sich die Exporte verteuern. Gerade auch im Kanton Baselland hat es einige kleine und mittelgrosse Betriebe, die darunter leiden werden. 

Die Exportbranche hat bereits zuvor darunter gelitten – kommt jetzt eine zweite Welle?

Eine Unternehmensbefragung, welche wir zusammen mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank gemacht haben, hat gezeigt, dass viele Firmen weitere Massnahmen nicht ausschliessen. Offen ist, zu welchem Zeitpunkt und bei welchem Wechselkurs diese umgesetzt werden. Im Moment ist der Wechselkursanstieg aber nicht sehr hoch. Wir können heute noch nicht abschätzen, wohin sich die Wechselkurse bewegen.

Haben die Firmen die Wechselkurse abgesichert?

Ich hoffe es! Wir haben dies aber nicht näher untersucht.

Ist in die Industrie ein weiterer Abbau zu befürchten?

Dies ist denkbar.

Welche Branchen sind besonders anfällig?

Es sind die klassischen Firmen der Exportbranchen (Beispiel Metallindustrie), interessanterweise aber auch Firmen aus dem Dienstleistungssektor – sprich: Einkaufstourismus. Viele Massnahmen sind auch im Fahrzeughandel geplant, weil gerade dieser Sektor unter den Wechselkursdifferenzen leidet. Auch Autoreparaturen sind in Deutschland deutlich günstiger.

Ein weiteres Thema ist die Personenfreizügigkeit. Bis anhin konnten die Briten – und ja auch die Schweiz – von der Personenfreizügigkeit profitieren.

Man könnte das auch anders sehen. Wir wissen ja noch nicht, wie die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt wird. Grossbritannien ist, wenn der EU-Vertrag gekündet ist, ähnlich aufgestellt wie die Schweiz. Die Briten wissen auch nicht, wohin die Reise geht. Die Schweiz muss nun ihre Hausaufgaben erledigen, dazu gehören die Verhandlungen mit der EU, die sich unter diesen Prämissen schwierig gestalten könnten.

Was läuft mit der Pharmaindustrie?

Es ist die wichtigste Branche unserer Region. Und gerade auch in England ist sie sehr wichtig. Es wäre natürlich sehr schön, wenn Firmen in die Schweiz kommen könnten. Aber da sieht man wieder das gleiche Problem: So lange die Schweiz den Marktzugang mit der EU nicht geregelt hat, haben wir diesbezüglich keinen Wettbewerbsvorteil. Wenn wir das Problem mit der EU rasch lösen , dann wird die Schweiz für Firmen, die in die EU gehen wollen, plötzlich attraktiv.

Unsicherheit ist Gift, und das Gift wird länger wirken, weil die Ursache für dieses Gift andauert.

Absolut, wir kennen das. Beispielsweise werden Investitionsentscheide hinausgeschoben oder zurückgehalten.

Verschlimmert sich jetzt die Lage nicht, weil die Schweiz bei der EU eine tiefere Priorität besitzt?

An der Situation mit der Schweiz hat sich faktisch nichts geändert, wir haben noch keine Lösung. Dazu kommt die EU-Unsicherheit. Die Zeit drängt und es besteht Handlungsbedarf.