Basler Initiative

Nach dem Suizid: Wende in der Hinterbliebenen-Hilfe – mit Wirkung

Kleine Broschüre, grosse Wirkung: Die Hinterbliebenen-Selbsthilfe stösst auch in Kliniken auf grosses Interesse.

Eine Basler Initiative für Angehörige und Betroffene stösst auf grosses Bedürfnis – und verzeichnet Wirkung bis auf Bundesebene.

Die Suizidrate in der Schweiz ist hoch. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2016 nehmen sich jährlich 17,2 von 100'000 Personen das Leben. Im Europäischen Aktionsplan für psychische Gesundheit fasst die WHO ihre Erkenntnisse so zusammen: «Die Suizidraten in der Europäischen Region sind im Vergleich zum Rest der Welt sehr hoch. Durchschnittlich liegt die Suizidrate bei 13,9 pro 100'000 Einwohner im Jahr.» Keine Ausnahme bildet die Region Basel, auch hier nehmen sich jährlich mehrere Menschen das Leben.

Doch ein Suizid hat viel weitreichendere Folgen als der Tod eines einzelnen Menschen. Er stösst die Hinterbliebenen in eine tiefe Krise – eine Krise, in der sie weitgehend allein sind. Erst langsam beginnt sich ein Bewusstsein und ein Umgang damit zu bilden, auch dank einer Basler Initiative, die für eine stärker sensibilisierte Hinterbliebenenhilfe kämpft. Das Projekt «Suizid – wie weiter?» hat sich 2018 gegründet, und richtet sich von Betroffenen an Betroffene.

Über 10'000 Broschüren und grosses Interesse

Der Name des Programms erinnert nicht von ungefähr an den gleichlautenden Titel des 2014 erschienenen Buchs des Basler Kriminalkommissärs Peter Gill, Experte für sogenannte Todesfalleröffnungen und Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft. Gill war es auch, der die Verantwortlichen ermutigte, ihr Projekt weiter in die Öffentlichkeit zu tragen.

Eine der treibenden Kräfte ist die Baselbieter Psychotherapeutin Beatrice Tenger. Sie ist selbst Hinterbliebene eines Suizids: Ihre Mutter nahm sich das Leben. Auch heute noch arbeitet sie den Vorfall auf, unter anderem als Mitglied einer Selbsthilfegruppe, aus der das Projekt schliesslich entstand: «Das Trauma, das ein Suizid auslöst, ist von anderer Art als ein Tod nach schwerer Krankheit oder aufgrund eines Unfalls», sagt Tenger. «Es gibt keine Umstände, denen man eine Schuld zuweisen könnte.» Man beginne, bei sich selbst danach zu suchen. Man traut sich selbst nicht mehr, nicht einmal der eigenen Wahrnehmung, umso mehr, wenn der Suizid unangekündigt geschieht. Unter anderem deshalb würden sich Hinterbliebene – und das müssen nicht nur Familienangehörige sein, das gesamte soziale Umfeld gehört dazu – auch so schwer tun, zu sprechen und Hilfe zu suchen.

Hier greift die Kampagne, die vom 2. bis 29. September auch in den Basler Trams ausgeschildert ist. Das Projekt «Suizid – wie weiter?» vermittelt in erster Linie Informationen zum Umgang mit dem Trauma sowie Kontakte zu Fachleuten. Was vergangenes Jahr mit Flyern begann, die unter anderem von der Basler Staatsanwaltschaft und dem Fahndungsdienst an die Hinterbliebenen Suizidierter übergeben werden konnten, ist deutlich gewachsen. Laut Tenger sind mittlerweile über 10'000 dieser Broschüren im Umlauf. Der Gesundheitsdienst Basel-Stadt ist darauf aufmerksam geworden, das Projekt wurde von den Psychiatrischen Kliniken der beiden Basel begrüsst, die Flyer gehören mittlerweile zum Inventar der Kliniken. Nicht zuletzt, weil auch Mitarbeitende nach dem Suizid eines Patienten zu den Betroffenen gehören.

Zudem konnten die Freiwilligen, die finanziell von einer privaten Stiftung unterstützt werden, ihre Anliegen in den Aktionsplan Suizidprävention Schweiz des Bundesamts für Gesundheit (BAG) einbringen. Eines der zehn Ziele lautet, Hinterbliebene und beruflich Involvierte zu unterstützen.

Berührt und bewegt von der Ernsthaftigkeit

Für die Gruppe um Beatrice Tenger ein grosser Erfolg. Zwar wurde der ursprüngliche Wunsch, ein Care Team einzurichten, das sich bei Todesfalleröffnungen durch die Behörden um die Hinterbliebenen kümmert, noch nicht erfüllt. Dafür fehlen gesetzliche Grundlagen. Doch die Dynamik und die Öffentlichkeit, die durch das Projekt entstanden sind, seien von einer Ernsthaftigkeit geprägt gewesen, die «berührt und bewegt» habe. Insbesondere nach den bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Hinterbliebenen nach Suiziden. Zurzeit konzentriert sich «Suizid – wie weiter?» auf die Sensibilisierung von Betroffenen, Behörden, Firmen, Schulen und Institutionen. Da es sich beim Projekt allerdings um Freiwilligenarbeit handle, beschränkt es sich vorerst auf die Kampagne mit den Flyern und Broschüren, um den Betroffenen eine Orientierung und Kontakte zu verschaffen.

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