Weltweit kommen mehr Frauen durch häusliche Gewalt ums Leben als durch Kriege und Bürgerkriege. Wie gehen die Betroffenen und Angehörige damit um? Was bedeutet das für eine Gesellschaft? Und vor allem: Was kann man dagegen tun? Iamaneh Schweiz und und Terre des Hommes Schweiz initiierten für die Wanderausstellung über häusliche Gewalt, «Willkommen zu Hause», ein zusätzliches Ausstellungselement: die internationale Dimension der häuslichen Gewalt.

Frau Loncarevic, weltweit erlebt jede dritte Frau häusliche Gewalt. Wieso gibt es so viele Opfer?

Maja Loncarevic: Der ökonomische Druck innerhalb einer Familie spielt eine grosse Rolle. Aber auch die Veränderungen durch die Globalisierung. So haben sich in vielen Entwicklungsländern die Arbeitsmärkte verschoben. In der Textilindustrie arbeiten nun auch die Frauen. Als Erwerbstätige sind sie aber nicht mehr gleich in den Familien präsent und bringen Geld nach Hause. In dieser Neuordnung fühlen sich viele Männer bedroht. Verlieren sie ihren Job, können sie ihre Rolle als Familienoberhaupt noch weniger aufrechterhalten. Das kann zu extremen Spannungen führen, die in häuslicher Gewalt enden.

In Basel erhält die Ausstellung eine internationale Perspektive. Wieso wurde diese initiiert?

Sowohl Terre des Hommes Schweiz als auch Iamaneh Schweiz arbeiten seit Jahren in verschiedenen Projekten zur Verhütung von Gewalt. Die Fragestellungen dieser Ausstellung sind auch im Ausland ein Thema. In anderen Ländern gibt es aber zusätzliche Facetten. Es ist uns ein grosses Anliegen, diese darzustellen.

Welche Facetten der häuslichen Gewalt gibt es primär im Ausland?

In Westafrika, insbesondere in Mali, ist die Beschneidung und Genitalverstümmlung ein grosses Problem. Über 90 Prozent der Frauen sind beschnitten. Weitere Formen der Gewalt sind auch die Unterdrückung der Frauen als Dienstmädchen, als Sexsklavinnen oder im Mädchen- und Frauenhandel. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Gewalt an Frauen in aktuellen oder ehemaligen Konfliktgebieten. Dort gibt es unter anderem eine Vielzahl von Traumatisierungen durch Vergewaltigungen.

Was wollen Sie den Basler Besuchern mit dieser internationalen Dimension vermitteln?

Wir wollen die Besucher anregen, sich Gedanken über verschiedene Formen von Gewalterfahrungen zu machen. Zudem wollen wir darauf hinweisen, dass viele Menschen kaum Möglichkeiten haben, sich Hilfe zu suchen. In vielen Regionen ist es schwierig, einen Ausweg zu finden. Da reicht es nicht, funktionierende Schutzmechanismen aufzubauen, sondern braucht viel breiter abgestützte Interventionen. Beispielsweise der Erlass von Gesetzen oder die Veränderung der Geschlechterrolle.

Die Weltkarte in der Ausstellung zeigt, dass Frauen je nach Gebieten unterschiedlich stark betroffen sind. Unter welchen Umständen steigt die Anzahl der Opfer?

Allgemein lässt sich sagen, dass die Gewalt – in der Schweiz wie anderswo – in allen gesellschaftlichen Schichten auftritt. Wir wissen aber, dass wirtschaftlich schwierige Verhältnisse in Kombination mit verändernden Rollenbildern zu mehr Gewalt führen. Massiv nimmt die häusliche Gewalt auch in Ländern nach einem Krieg zu. In diesen Gesellschaften hat sich die Erfahrung mit Gewalt zementiert. Die Frauen mussten durch die Krisensituation mehr Verantwortung für die Familie übernehmen. Diese Rolle wollen sie nach dem Krieg beibehalten, was zu gewalttätiger Unterdrückung führen kann.

In welchen Ländern ist das Problem der häuslichen Gewalt am grössten?

In den Gesellschaften, worin Frauen aufgrund eines traditionellen Denkens stark untergeordnet sind. Afghanistan oder Indien sind bekannte Beispiele. Dort bestehen hierarchische Familienstrukturen, die stark patriarchalisch geprägt sind. Aber auch in Südafrika ist der Prozentsatz der erlebten Gewalt enorm hoch. Es gibt Quartiere, wo jede zweite Frau massive häusliche oder sexuelle Gewalt erleidet. Das hängt mit der allgemein hohen Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zusammen. Südafrika kämpft immer noch mit dem Erbe des Apartheid-Systems und den riesigen Unterschieden zwischen Arm und Reich.

Wie können Regierungen oder NGO die Frauen schützen?

Es braucht entsprechende Gesetze und auch ein Budget für deren Umsetzung. Meistens ergreift eine NGO oder eine Frauenorganisation die Initiative. Mit bescheidenen Mitteln mieten sie ein Zimmer oder eine kleine Wohnung und schaffen damit eine erste Anlaufstelle. Gelingt es ihnen, sich als Organisation zu formieren und Gelder aus dem Ausland zu generieren, übernehmen sie häufig die Anwaltschaft für diese Themen. Eine Allianz mit Juristen ist enorm wichtig, um Druck auf den Staat zu machen. Meistens hat dieser die internationalen Konventionen ja unterschrieben, setzt sie aber nicht um.

Iamaneh Schweiz unterstützt Frauen in Westafrika und im Westbalkan. Wie ist die Situation dort?

In Bosnien-Herzegowina und Albanien gibt es Gesetze, erste staatliche Frauenhäuser und eine Zusammenarbeit der NGO. Gemeinsam mit den Regierungen beginnen wir nun, Angebote in der Täterarbeit aufzubauen. Das ist eine neue Entwicklung. Allerdings herrscht in Bosnien-Herzegowina auch 20 Jahre nach dem Krieg immer noch eine Kultur des Schweigens. In ganz vielen Familien erzählen sich die Angehörigen noch nicht, was sie im Krieg erlebten. Dieses Schweigen führt zu vielen psychischen Problemen und verursacht wiederum Gewalt.

Und in Westafrika?

Dort ist die Situation schwieriger. Die Rolle der Frau ist stark traditionell geprägt. Gesetze, die eine Gleichstellung fördern, sind hängig. In Mali sind zudem die Beschneidungen nicht verboten. Auch für Frauen, die eine Opferberatungsstelle aufsuchen, gibt es häufig keine Lösungen. Es ist gesellschaftlich undenkbar, dass sie ihren Mann verlassen. Zurück in ihre Herkunftsfamilie können sie auch nicht, da ihre Eltern Geld für ihre Heirat erhielten. Zudem bleiben in jedem Fall die Kinder beim Mann. Deshalb müssen andere Lösungswege gesucht werden.

Was für Auswege sind denkbar?

Häufig arbeiten die NGOs in solchen Situationen mit den Dorfältesten zusammen. Diese können mit ihrem Einfluss einiges bewegen. Damit sie sich für die Frauen starkmachen, braucht es aber auch eine Veränderung in ihrer Denkweise. Genau um solche Community-Ansätze geht es auch beim Podiumsgespräch am Donnerstagabend in Basel.