Es ist das Ende einer langen Leidensgeschichte, als Regierungspräsident Guy Morin am Mittwoch an einer Quartierinformation die Einrichtung eines temporären Durchgangsplatzes für Fahrende beim Bahnhof St.  Johann verkündete. «Wir sind sehr zufrieden, es ist eine Toplage, sehr zentral gelegen», so Andreas Geringer vom Verband der Sinti & Roma Schweiz, der mit dem Präsidialdepartement zusammen rund 20 mögliche Standplätze in Basel evaluiert hat.

Doch ein Blick vor Ort zeigt, das Areal besteht aus Schotter und Asphalt. Es liegt zwischen Bahn- und Tramgeleisen alles andere als idyllisch. «Wir sind es uns gewohnt, dass ein Standplatz nicht wie ein Campingplatz mit englischem Rasen aussieht. Wir haben viele Brachen oder Parkplätze. Oft sind wir an Autobahnausfahrten oder neben der Eisenbahn», so Geringer, der selber in der Schweiz, Deutschland und Frankreich unterwegs ist. Nur knapp 10 Prozent der rund 35'000 schweizerischen Jenischen und Sinti seien noch Fahrende, pflegen also den traditionellen nomadischen Lebensstil der Vorfahren.

Basel ist spät dran

In Basel seien Fahrende vor exakt 602 Jahren zum ersten Mal nachgewiesen, so der Jenischen-Historiker Venanz Nobel von der Organisation «Radgenossenschaft der Landstrasse». Doch erst jetzt erhalten sie hier zum ersten Mal einen Ort zum Bleiben. Und dabei sieht schon der kantonale Richtplan einen 2000 Quadratmeter grossen Standplatz mit zehn Stellplätzen vor, der bis 2018 geschaffen werden muss. Das wäre 20 Jahre nach dem Europäischen Rahmenabkommen zum Schutz nationaler Minderheiten, das die Schaffung von Standplätzen vorschreibt.

Standplätze sind seither nicht etwas, was Bund und Kantone gnädigerweise gewähren können, sie sind ein einklagbares Recht, das vom Bund ins Kulturfördergesetz von 2009 aufgenommen wurde. Dort heisst es: «Der Bund kann Massnahmen treffen, um den Fahrenden eine ihrer Kultur entsprechende Lebensweise zu ermöglichen.» Umso mehr erstaunt es, dass es ausgerechnet in der traditionell liberalen und seit vielen Jahren linksgrün regierten Stadt Basel so lange ging.

Bern zum Beispiel kennt seit rund 100 Jahren Standplätze für Fahrende, wie Venanz Nobel betont. «Wir haben es viele Jahre lang versucht, Basel war ein hartes Pflaster», so Geringer. «Basel ist halt ein Stadtkanton mit begrenzter Fläche.» Die Stadt habe zwar keinen offiziellen Standplatz gehabt, aber jahrzehntelang die Fahrenden informell am Stadtrand geduldet, fügt Nobel hinzu. «Basel hat sich aber sicher schwer getan». Guy Morin entgegnet: «Wir sind weit in der Frist des Bundes.» Die von Bern gesetzte Deadline für die Einsetzung von Standplätzen sei 2025.

Fünf Wohneinheiten

Und so funktioniert der provisorische Standplatz: Die 750 Quadratmeter grosse Parzelle an der Entenweidstrasse wird so gestaltet, dass fünf Wohneinheiten Platz haben. Dabei kann eine Einheit auch aus mehreren Wohnwagen bestehen. Die Stadt erschliesst das Gelände mit Strom, Wasser, Abwasser und Müllabfuhr. Die Fahrenden zahlen hierfür Miete.

Zuständig für den «temporären Durchgangsplatz», wie das Areal von nun an offiziell heisst, ist ein Platzwart, der dauernd anwesend ist. Bei ihm melden sich die potenziellen Mieter. Er ist auch Anlaufstelle für die Quartierbevölkerung. Allfällige Konflikte sollen so rasch gelöst, Immissionen vermieden werden, wie es an der Informationsveranstaltung hiess. Überhaupt wurde am Mittwoch demonstrativ Einvernehmen zwischen Fahrenden und Verwaltung sowie Transparenz gegenüber der Quartierbevölkerung demonstriert. Dies kam im Quartierzentrum unter den etwa 40 Anwesenden auch gut an.

Nicht immer aber war das Verhältnis zwischen Stadtkanton und Fahrenden in den letzten Wochen und Monaten so entspannt. So mussten die Fahrenden immer wieder Plätze verlassen; zuletzt auf Betreiben von Pro Natura, die auf einer Geröllhalde auf dem Gelände der Deutschen Bahn den Lebensraum von Pflanzen und Kriechtieren gefährdet sah. In Allschwil, wohin sich einige der Fahrenden begaben, kam es in der Folge gar zu einer Attacke. Zuvor waren die Fahrenden bereits vom Basler Hafengelände entfernt worden, nachdem sie dort eine Weile geduldet worden waren. Wohnen sei im Hafen aufgrund zonenrechtlicher Vorschriften nicht möglich, hatte ihnen die Stadt mitgeteilt. Das sorgte für Kritik, weil der Kanton auf dem gleichen Areal auf dem sogenannten «Wagenplatz» Aussteiger in Wohnwagen und Bretterbuden seit längerem toleriert.

Provisorium bis 2017

Doch nun das Happy End, allerdings vorerst als Provisorium. Auf dem Areal sollen schon bald das neue Staatsarchiv und das neue Naturhistorische Museum gebaut werden. Der Standplatz soll offiziell nur vom 1. April 2016 bis zum 31.  Juli 2017 in Betrieb sein. «Es ist ein Pilotprojekt und dient Fahrenden und Verwaltung dem Sammeln von Erfahrungen für den dauerhaften Standplatz», so Regierungspräsident Guy Morin. Der definitive, 1,5 Millionen Franken teure Standplatz soll ab 2017 an der Friedrich Miescher-Strasse nahe der Universitären Psychiatrischen Kliniken eröffnet werden. Er bietet 10 Wohneinheiten Platz .