Ein Gespenst geht um in Basel – das Gespenst der Scheinbesetzungen. Dreimal wurde die Basler Polizei in den letzten Wochen mit dem neuen Phänomen konfrontiert. Abbruchreife leere Liegenschaften an der Hardstrasse, der Elsässerstrasse und auf dem Dreispitz wurden von linksautonomen Kreisen scheinbar besetzt. Transparente wurden aufgehängt und auf einschlägigen Blogs Bekennerschreiben publiziert. Doch als jeweils die Polizei auftauchte, war von den Besetzern nichts zu sehen.

Die Idee der Scheinbesetzungen haben die regionalen Aktivisten offenbar in München abgeschaut. Dort machte vergangenen Sommer nach zehn Jahren ohne besetzte Häuser eine ähnliche Nachricht schnell die Runde: eine Hausbesetzung, mitten in der Stadt! Das ist in München, immerhin der Stadt mit den teuersten Mieten Deutschlands, eine seltene Angelegenheit.

Und so war die sofortige mediale Aufmerksamkeit garantiert. Die gut organisierten und medial versierten vermeintlichen Besetzer verkündeten stolz per Medienmitteilung, das ehemalige sogenannte «Schnitzelhaus» besetzt und dort einen «Umsonstladen» eingerichtet zu haben.

Jenes «Schnitzelhaus» gilt schon länger als Schandfleck im Münchner Westend: Das ehemalige Restaurant steht seit 2013 leer und rottet vor sich hin – die (anonymen) Besitzer haben sich
im ewigen Hin und Her mit der Stadt immer wieder Fristverlängerungen für die Sanierung und den Umbau geben lassen, sodass bis heute nichts passiert ist – ausser dass immer mehr Taubenfamilien es sich im Gebälk gemütlich machen und alles verdrecken.

Der Besetzergruppe war die Sympathie der Anwohner und auch der breiteren Bevölkerung vom Fleck weg sicher – ganz ähnlich wie aktuell in Basel. Die Bewegung ein Schlaglicht auf besonders stossende Verhältnisse.

Gewöhnungseffekt

Aber eben: So schnell, wie diese vermeintliche Hausbesetzung durch die Medien ging, so schnell war sie auch wieder weg – oder genauer: gar nie wirklich da. Kurz nach Bekanntwerden war die Polizei vor Ort und fand lediglich die Transparente an der Fassade vor.

In einem schriftlich und anonym geführten Interview mit dem Münchner Stadtmagazin «Mucbook»* erklärten die Aktivisten damals: «Grundsätzlich versuchen wir, der Konfrontation mit der Polizei aus dem Weg zu gehen. Das erspart uns Repression und wir bleiben handlungsfähig.»

Und sie handelten: Einen knappen Monat später vermelden die Aktivisten, das ehemalige «mediahaus» im Stadtteil Freimann besetzt zu haben. Wieder das gleiche Spiel: Es hängen Transparente, die Polizei kommt im Verlauf des Tages vorbei, schaut nach und wieder ist keiner da.

An dieser Stelle der Geschichte passieren zwei Dinge: Einerseits tritt bei den Medien (und auch bei den Medienkonsumenten) ein Gewöhnungseffekt ein, das Spiel wird durchschaubar und es gibt kaum noch mediale Beachtung. Andererseits hat auch die Polizei offensichtlich keine Lust mehr auf das Spiel und hat genügend Hinweise gesammelt, um Hausdurchsuchungen bei mutmasslichen Scheinbesetzern durchzuführen.

Lust an Provokation

Das provoziert wiederum die Aktivisten und die reagieren mit einer weiteren Scheinbesetzung am 9. September in den Räumen der ehemaligen Diskothek «Meinburk», die seit 2014 geschlossen ist. Jetzt sind es aber nicht nur Transparente an den Fassaden, sondern auch – wie die Aktivisten auf ihrem Twitter-Account @fuer_lau_haus dokumentieren – verbarrikadierte Treppenhäuser und Fotos von Flaschen, die wie Molotow-Cocktails aussehen. Eine gezielte Provokation.

Münchner Besetzer provozieren auf Twitter.

Die Polizei steigt darauf ein und rückt prompt mit einer 70 Mann starken Sondereinheit an, um das Haus zu räumen und natürlich wieder keine Personen vorzufinden.

Die Abläufe sind jetzt also eingeschliffen, der ursprüngliche Gedanke der Aktionen (auf Gentrifizierung und Leerstand aufmerksam machen) tritt in den Hintergrund und die Lust der Aktivisten an der Provokation wird immer grösser.

Auf die «Meinburk» folgt Ende September die Scheinbesetzung zweier Wohnhäuser, die gerade saniert werden – dazwischen hat die Polizei bei weiteren mutmasslichen Besetzern die Wohnung durchsucht. Rechtliche Konsequenzen drohten schlussendlich keinem der damals Verdächtigten, wie eine Nachfrage bei der Polizei knapp ein Jahr später ergibt.

Das deutliche Signal der Polizei aber kommt an, keine Besetzung dauert länger als 24 Stunden und die Hausdurchsuchungen bei mutmasslichen Besetzern schrecken zusätzlich ab. Noch ein letztes Mal werden Anfang November innerhalb von zwei Tagen zwei Liegenschaften am westlichen Stadtrand scheinbesetzt und gleich wieder von der Polizei besucht. Seither ist das «Für Lau Haus» nicht mehr aufgetaucht. Die scheinbesetzten Häuser stehen derweil natürlich immer noch leer.

 

* Jan Krattiger ist seit zwei Jahren Co-Chef des Stadtmagazins «Mucbook» in München. Zuvor war er Redaktor bei Telebasel und freier Journalist für diverse Medien in der Region Basel.