«Die Schweiz hat aus dem Zweiten Weltkrieg nichts gelernt. Es herrscht ein bäuerlicher Faschismus.» Mit solch provokanten Sätzen meldete sich gestern das russische Ehepaar Oleg Vorotnikov und Natalya Sokol in einem Video zu Wort. Die beiden – bekannt als anarchistisches Künstlerkollektiv Woina – sind aktuell beteiligt an einer Verhandlung am Basler Strafgericht. Das Paar war mit seinen drei Kindern in den Genossenschaftshäusern an der Wasserstrasse untergekommen. Nachdem es zum Streit gekommen war, stürmte eine Gruppe Maskierter die Wohnung und warf das Ehepaar und dessen Kinder gewaltsam aus dem Haus. Zehn Personen müssen sich deshalb vor Gericht verantworten.

Obwohl sie als Geschädigte und Zeugen geladen waren, tauchte das Ehepaar nicht auf. Stattdessen lancierten sie im Internet eine Kampagne. Kurz vor dem Prozess stellten sie die gesamte Anklageschrift, inklusive Namen aller Beschuldigter ins Netz. Für Aufsehen sorgte ein heimlich aufgezeichnetes Video, dass den Rauswurf aus der Wohnung zeigte. Pikant: Das Video ist Teil der Beweise und eigentlich geheim. Vorotnikov hatte es vor dem Prozess seinem damaligen Rechtsvertreter vor laufender Kamera gestohlen.

«Sogar Sommaruga geschrieben»

«Die Polizei hat meiner Frau die Kamera aus der Hand gerissen», rechtfertigt er sich nun im Interview mit dem russischen Fernsehsender REN-TV, das offenbar bereits vor rund zwei Wochen aufgezeichnet wurde. Die Kamera hätten sie nur installiert, um Familienaufnahmen zu machen. Die Verteidiger der Angeklagten warfen ihm vor Gericht vor, die Eskalation provoziert zu haben, um sich zu inszenieren.

Über seine Rolle spricht Vorotnikov nicht viel. Stattdessen wirft er mit Vorwürfen um sich: «Die Polizei hat nicht die verhaftet, die angegriffen haben, sondern die, die angegriffen wurden.» Er sei in ein Ausschaffungsgefängnis gekommen und später mit seiner Frau in eine Asylunterkunft in Aesch. Ausführlich beschreibt Vorotnikov anschliessend die aus seiner Sicht unhaltbaren Zustände in seiner damaligen Unterkunft, aus der er «geflohen» sei.

Nach eigenen Angaben wohnt die Familie aktuell in Berlin auf einem Boot. Das Video wurde in einem Treppenhaus aufgenommen; offenbar deshalb, weil dies der einzige Ort war, wo sie eine offene WLAN-Verbindung fanden. Nun suche er Unterstützung, so Vorotnikov. Er habe sogar Bundesrätin Simonetta Sommaruga angeschrieben, aber da diese zu den Linken gehöre, wie die Wasserstrasse-Bewohner, passiere nichts, so Vorotnikovs These.