Todesfälle
Nach Online-Kritik an Tatortreinigern – Institut für Rechtsmedizin krebst zurück

«Wohnungen, in denen Leichen gefunden wurden, brauchen keine spezielle Reinigung», hiess es bis vor Kurzem auf der Website des Instituts für Rechtsmedizin. Darunter litt das Image der Tatortreiniger. Nun hat das Institut die Empfehlung zurückgezogen.

Martina Rutschmann
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Sascha Torriani

Sascha Torriani

Kenneth Nars

Früher klingelte Sascha Torrianis Handy ständig. In letzter Zeit ist es ruhiger. Der «Tatortreiniger» vermutet, die Flaute könnte mit dem Institut für Rechtsmedizin zusammenhängen. Unter dem Titel «Sind Leichen giftig?» hat dieses im Herbst auf seiner Website geschrieben: «Leichen sind nicht giftig!»

Torriani sagt dies in seiner Funktion als «Tatortreiniger» ebenfalls – und zwar an all den Vorträgen, die er vor Polizisten und anderen Fachleuten hält. «Leichengift gibt es nicht.» Die Rechtsmedizin und der «Tatortreiniger» sind sich einig, trotzdem leidet Torrianis Firma unter dem Online-Text.

Denn bis vor zwei Wochen hiess es darin: «Wohnungen, in denen Leichen gefunden wurden, brauchen keine spezielle Reinigung. Spezialisierte ‹Tatortreiniger› unterscheiden sich von normalen Reinigungsunternehmen durch ihre aufwendigen Dienstleistungen stark in ihren Tarifbereichen.» Wenn jemand «Tatortreiniger Basel» googelte, kam er auf die Seite. «Das hat meinem Geschäft geschadet», sagt Torriani.

Plötzlich Spezialreinigung nötig

Inzwischen steht das Gegenteil auf der Website des Gesundheitsdepartements: «Wohnungen, in denen Leichen gefunden wurden, brauchen in jedem Fall eine spezielle Reinigung.» Der «Tatortreiniger»-Absatz wurde ersatzlos gestrichen. Grund für die Überarbeitung sei eine Anfrage der bz vor zwei Wochen gewesen, sagte Direktorin Eva Scheurer. Eine Frage lautete: «Der Geschäftsführer einer lokalen Tatortreinigungsfirma sagt, er habe seit dem Text weniger Kunden – was sagen Sie dazu?»

Als Antwort bekam die bz damals: «In die Entscheidungen von Kunden, ob im konkreten Fall ein Bedarf nach einer Tatortreinigung besteht und in welchem Ausmass, ist das Institut für Rechtsmedizin nicht involviert.» Den Online-Text, so sagte Scheurer am Montag, habe man «nach der bz-Anfrage auf die Verständlichkeit hin angepasst».

Sascha Torriani ist froh, dass sein «Beruf» auf einer offiziellen Seite nicht mehr in ein «schlechtes Licht» gerückt wird. Doch er weiss: Eine solche Geschichte könnte sich wieder zutragen.

Begonnen hat alles vor bald vier Jahren. Damals fand die Polizei eine Leiche in einer Basler Wohnung. Wegen des fürchterlichen Gestanks hatten Nachbarn die Behörden gerufen. Bald war klar: Die Person starb eines natürlichen Todes und lag etwa drei Wochen tot auf dem Sofa.

Der Hausbesitzer engagierte Torriani und sein Team, um den Gestank zu eliminieren und den Fundort zu reinigen. Torriani stellte eine Empfehlung für den Hausbesitzer zusammen – unter anderem die Entfernung des durchtränkten Parketts und der Tapete im Wohnzimmer. «Die Gefahr, dass der Gestank bereits wenige Wochen nach der Reinigung wieder auftritt, wäre sonst zu gross gewesen.» Und das, ist Torriani sicher, wäre für den neuen Mieter sehr unangenehm gewesen.

Nach jahrelanger Erfahrung wisse er, wann eine oberflächliche Reinigung nicht reiche. Der Besitzer gab grünes Licht. Erst, als er die Rechnung von 13 694.40 Franken erhielt, «fing er an, sich für das Thema zu interessieren», wie es im Bericht der Ombudsstelle heisst. Diese kam ins Spiel, nachdem der Hausbesitzer anfing, an der Notwendigkeit der «Tatortreiniger»-Massnahmen zu zweifeln.

Ombudsstelle veranlasst Eintrag

Normalerweise ist die Ombudsstelle nicht für private Fälle zuständig, aber: Die Beschwerde habe sich gegen den Kanton gerichtet, der damals noch keine verlässlichen Informationen zum Thema publiziert hatte, sagt Ombudsfrau Beatrice Inglin. Der Hausbesitzer habe «verbindliche schriftliche Informationen» gefordert, wie diese nun vorlägen. Torriani habe ihm mit Berichten über «gesundheitsgefährdende Bakterien» Angst eingejagt und er habe ihm wider besseren Wissens geglaubt.

Torriani widerspricht: «Ich habe ihn lediglich aufgeklärt, auch darüber, dass das Infektionsrisiko nicht auszuschliessen ist, da wir den Gesundheitszustand des Toten nicht kennen.» Christian Jackowski, Direktor des Berner Instituts für Rechtsmedizin, teilt die Meinung der Basler Kollegen, wonach «der Kontakt mit Leichen durch Berührung und Einatmung ungefährlich» sei – ergänzt aber: «Bei zu Lebzeiten infektiösen Personen erlischt die Infektionsgefahr mit dem Todeseintritt nicht unmittelbar.»

Ein Eintrag zur Frage «Sind Leichen giftig?» fehlt auf der Website des Berner Instituts. Auch die anderen rechtsmedizinischen Institute der Schweiz informieren nicht darüber – bis auf Basel.