Strafgericht
Nach Sturz vom Spitalbalkon: Zuständiger Arzt wird freigesprochen

Ein unbeaufsichtigter Psychiatriepatient stürzte sich von einem Balkon des Bruderholzspitals und ist seither gelähmt. Der zuständige Arzt habe das nicht vorhersehen können, sagt das Basler Strafgericht und spricht denn Mann frei.

Patrick Rudin
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Der Psychiatriepatient fiel aus dem dritten Stock des Bruderholzspitals und verletzte sich dabei schwer. (Archiv)

Der Psychiatriepatient fiel aus dem dritten Stock des Bruderholzspitals und verletzte sich dabei schwer. (Archiv)

Martin Toengi

Der Sturz hatte tragische Folgen: Der heute 25-jährige Mann überlebte den Fall vom dritten Stockwerk am Bruderholzspital, leidet aber an einer unvollständigen Querschnittlähmung und wird wohl bis zum Lebensende inkontinent bleiben. Bereits in jungen Jahren war er an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt, konnte aber bislang meistens von seiner Familie zuhause versorgt werden und plante gar einen Berufseinstieg als Gärtner.

Doch an jenem Tag im Juni 2012 rief die Schwester des 25-jährigen Mannes beim Externen Psychiatrischen Dienst (EPD) des Bruderholzspitals an, weil es ihrem Bruder an dem Tag deutlich schlechter ging. Seit Jahren hatte er guten Kontakt zu einer Pflegefachfrau, doch diese war in den Ferien, so landete die Familie beim diensthabenden 37-jährigen Assistenzarzt. Dieser stufte den Fall als ernst ein, sah aber keinen akuten Notfall. Nach einem kurzen Gespräch bat der 25-Jährige um eine Rauchpause. Der Arzt erlaubte dem 100 Kilogramm schweren Mann, zusammen mit der Schwester und Mutter auf den Balkon zu gehen. Währenddessen telefonierte er mit dem Oberarzt, um eine stationäre Aufnahme und die Änderung der Medikation zu klären.

Weshalb war der Mann auf Balkon?

Was auf dem Balkon genau geschah, ist unklar. Die Schwester schilderte, er habe sich vom Geländer fallen lassen, während eine Mitarbeiterin des Stocks darunter aussagte, der Mann sei ein Moment lang am Geländer gehangen und habe in ihr Büro geguckt. Nach dem Sturz aus zehn Meter Höhe versuchte er, trotz seiner Verletzungen gar noch davonzurennen.

Die Staatsanwaltschaft sah den Arzt in der Verantwortung und klagte ihn wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung an. «Er hätte den Mann ins Parterre zum Rauchen schicken können. Bei seinem Ausbildungsstand hätte er erkennen müssen, dass eine konkrete Gefährdungssituation vorliegt», sagte Staatsanwalt Mark Balke und forderte eine bedingte Geldstrafe für den Arzt.

Der Verteidiger hingegen warnte, die Verantwortung des Psychiaters derart zu erhöhen. «Wenn Sie je psychiatrische Probleme haben, dann kommen Sie sofort in die geschlossene Anstalt. Wollen wir das wirklich?», fragte er. Einzelrichterin Jacqueline Kiss betonte dazu gestern, es sei nicht geklärt, ob der Mann gesprungen sei oder ob es ein Unfall war. «Viele Fragen sind hier nicht geklärt. Im Zweifel müssen wir zugunsten des Angeklagten davon ausgehen, dass es auch ein Unfall gewesen sein könnte», so Kiss. Sie fällte daher für den Arzt einen Freispruch.

Schwester war bei ihm

Auch habe die Schwester die Lage nicht als dramatisch eingeschätzt, im Gegensatz zu früheren Vorkommnissen habe sie keine stationäre Einweisung gefordert. «Der Arzt sorgte dafür, dass der Patient nicht alleingelassen wurde. Er hat seine Hauptbezugsperson – seine Schwester – gebeten, ihn auf den Balkon zu begleiten. Man dürfe ein erhöhtes Gefährdungspotenzial nicht automatisch gleichsetzen mit einer akuten Suizidalität. «Sonst kann man keine psychiatrische Ambulanz mehr führen», sagte Kiss.

Der Anwalt der Opferfamilie hatte eine Genugtuung von 50'000 Franken gefordert. Bei einem Freispruch wird dies normalerweise abgewiesen, die Richterin verwies die Forderung aber auf den Zivilweg: Es stelle sich die Frage nach einer Haftung des Spitals. Tatsächlich bestehen für das ausgegliederte Bruderholzspital noch Übergangsfristen punkto Staatshaftung. Die Staatsanwaltschaft wie auch die Privatkläger können das Urteil weiterziehen. Das in ein Ambulatorium umgewandelte ehemalige Personalhaus des Bruderholzspitals wurde inzwischen gesichert: Die Balkone sind nun alle vergittert.