Wer bei Google nach «Nachhilfeunterricht in Basel» sucht, der muss weit scrollen, bis der erste echte Eintrag erscheint. Die Einträge eins bis vier sind allesamt bezahlte Werbung von professionellen Anbietern, und das bedeutet: Dieser Markt ist erstens lukrativ und zweitens heftig umkämpft. Welche Firmen sich alle in diesem Umfeld tummeln, das weiss nicht einmal Dieter Baur, Leiter Volksschulen beim Erziehungsdepartement. Er sagt: «Wir haben keinerlei Angaben zu den Nachhilfe-Angeboten in Basel oder zu ihrer Entwicklung.»

Jugendpsychologe Allan Guggenbühl erstaunt dies nicht. Er sagt im Interview dass er von einer hohen Dunkelziffer ausgehe. «Wenn die Lehrperson weiss, dass ein Schüler Nachhilfeunterricht besucht, dann könnte dies die Beurteilung beeinflussen.» Wisse der Lehrer hingegen nichts davon, belohne er Schüler für dieselben Fortschritte tendenziell mit besseren Noten.

Ein Blick auf die Websites der Anbieter zeigt, dass sich diese mit immer neuen Angeboten übertrumpfen. Und das heisst vor allem: immer frühere und immer intensivere Nachhilfekurse. So gibt es einen Anbieter, der bereits spezifische Prüfungsvorbereitungen für den P3-Check in der dritten Klasse der Primarschule anbietet. Intensiv-Kurse während sämtlichen Ferien (ausser den Weihnachtsferien) haben praktisch alle Anbieter im Angebot, ebenso Prüfungsvorbereitungen für den Übertritt in die Sek oder für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium.

Dies für all jene, die den erforderlichen Notendurchschnitt nicht erreicht haben und dennoch ans Gymnasium wollen – oder deren Eltern das wollen. Baur sagt dazu: «Gezielte Vorbereitungen zu P3-Checks sind ein absoluter Witz. Diese Prüfungen sind gar nicht beförderungsrelevant. Und Intensiv-Kurse während den Schulferien sind nicht gut für die Kinder, denn es ist kein Zufall, dass eine gewisse Anzahl Wochen pro Jahr schulfrei sind. Das ist angepasst an die Belastungsgrenze der Kinder.»

Während Nachhilfekurse in den Ferien Privatsache sind, können spezifische Prüfungsvorbereitungen die vom Kanton gewünschte Chancengleichheit beeinträchtigen. Baur sagt: «Eine Situation wie in Zürich, wo sehr viele Kinder vor der Gymi-Aufnahmeprüfung spezifischen Nachhilfeunterricht in Anspruch nehmen, das wollen wir auf jeden Fall verhindern. Das wirkt unseren Bemühungen zu mehr Chancengleichheit entgegen, weil sich einige Familien das leisten können und andere nicht.»

Lehrstellenmangel erhöht Druck

Genau diese gezielten Prüfungsvorbereitungen scheinen jedoch besonders beliebt zu sein. Das bestätigen Geschäftsleitungsmitglieder zweier professioneller Anbieter, die in Basel Nachhilfe anbieten. Pascal Ryf, Baselbieter CVP-Landrat und Schulleiter beim Nachhilfe-Anbieter «fit4school», sagt: «Wir stellen fest, dass die Nachfrage steigt.

Besonders vor den Leistungschecks nimmt sie zu.» Als Grund dafür nennt er die Heterogenität, die in den Primarschulklassen zugenommen habe. «Mit Harmos findet eine spätere Einteilung in die Sekundarschule als früher statt, das heisst besonders im letzten Primarschuljahr sind die Unterschiede zwischen den Schülern sehr gross.»

Die Firma «Learning Institute» verzeichnet ebenfalls eine stetig steigende Nachfrage, besonders bei Kursen in den Herbst- und Frühlingsferien. Co-Geschäftsleiter Benedikt Oberlin sagt: «Ich höre von den Leuten, dass die Aufnahmeprüfungen schwieriger werden und dass in gewissen Bereichen ein Lehrstellenmangel herrscht, was natürlich den Druck erhöht.»

Firma lockt mit alten Prüfungen

Nebst den zwei genannten bieten mindestens vier weitere Firmen in Basel Nachhilfeunterricht für Basler Schülerinnen und Schüler an. Auf ihren Websites kämpfen sie mit teilweise eindringlichen Werbebotschaften um die Gunst der Kinder – und vor allem um die Gunst der Eltern, die den Unterricht bezahlen. «Sommerferien sind die ideale Zeit, um eine Basis für zukünftigen Lernerfolg zu schaffen. So haben Schüler zu Beginn des neuen Schuljahres die besten Grundlagen und sind ihren Mitschülern einen Tick voraus», heisst es etwa auf der Website der «Tutor Akademie».

An anderer Stelle wird indirekt ein Wettbewerbsvorteil bei Aufnahmeprüfungen angetönt, weil in der Vorbereitung «alte Aufnahmetests berücksichtigt» würden. Dazu sagt Volksschulleiter Baur: «Dass irgend ein Institut unsere Prüfungsfragen kennt, das können wir ausschliessen. Diese sind nicht freigegeben. Schüler können einzig in den Sommerferien Einsicht nehmen. Allerdings ist es verständlich, dass solche Anbieter mit spezifischen Angeboten für Selektionsprüfungen zu punkten versuchen.»

Dass das Business boomt, sieht man daran, dass auch der Preiskampf entfacht ist. «Tutor24» heisst beispielsweise der Anbieter, der gemäss Website in Basel 911 Nachhilfelehrerinnen und -lehrer vermittelt – vom pensionierten Mathelehrer über die Germanistik-Studentin bis zur englischsprachigen Ehefrau eines Pharma-Expats.

Ähnlich wie Airbnb private Zimmer oder Uber private Fahrer vermittelt, tritt auch «Tutor24» lediglich als Plattform auf. Auf Anfragen dieser Zeitung reagierte die Firma gestern nicht – gegenüber der «Luzerner Zeitung» sagte der Marketingverantwortliche vor zwei Jahren allerdings, dass die Nachfrage schweizweit innert eines Jahres um mehr als die Hälfte auf 7500 Anfragen gestiegen sei. Wie bei Plattformen üblich, können die Schüler ihre Lehrer mit Sternen bewerten und die Lehrer können sich gegenseitig preislich unterbieten – ab 15 Franken ist dadurch eine Stunde Privatunterricht zu haben.

Solche Preise können professionelle Anbieter nur für Gruppenunterricht bieten – etwa mit Sommerferien-Lernkursen. Ein solcher ist mit maximal fünf Teilnehmern ab 450 Franken pro Woche zu haben, der nächste findet während den Osterferien statt. «Radio SRF» war im vergangenen Jahr in Basel beim erstmals angebotenen Mathenachhilfekurs von «fit4school» dabei und hat mit zwei Teilnehmern gesprochen, die eine Woche lang jeden Tag drei Stunde Mathe büffelten. Einer von ihnen war der zwölfjährige Noah, der sagte, dass er gerne am Unterricht teilnehme. «Damit ich dann in der Sekundar nicht ungenügend bin.»