Lummerland Schweiz

Nachrichten aus der Lummerland-Schweiz

«Die Fiktion, es gehe ohne das Ausland, ist das Lummerland-Bild der Schweiz.»

«Die Fiktion, es gehe ohne das Ausland, ist das Lummerland-Bild der Schweiz.»

Die Diskussionen um den Vorschlag, das Schengen-Abkommen anzugreifen, insbesondere Kommentare im Internet, geben Einblick in drei Missverständnisse: früher war die Welt besser; die Schweiz ist eine Insel in einer bösen Welt; die EU bringt Unheil.

Und es geht gleich weiter: Die Auns, die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz, will nach dem Ja zur SVP-Initiative das Schengen-Abkommen angreifen. Die Diskussionen rund um diesen Vorschlag, insbesondere die Kommentare im Internet, geben Einblick in drei grundlegende Missverständnisse:

1 Das Leben hinter den sieben Geleisen

Früher war die Welt besser und wir können dahin zurückkehren. So schreibt ein Kommentator auf unserer Website: «Unsere Väter hatten Arbeit, wir konnten uns in einem freien Land bewegen und die Frauen wurden nicht an jeder Ecke belästigt, uns wurden auf der Strasse keine Drogen und geklauten Handy angeboten.»

Einmal abgesehen davon, dass es nicht möglich ist, durch eine einfache Massnahme das Rad der Zeit zurückzudrehen – es war früher nicht einfach besser. Der Blick in die Vergangenheit glorifiziert das Leben hinter den sieben Geleisen oder in der Bäckerei Zürrer, bewacht von Polizischt Wäckerli.

Diese Welt in schwarz-weiss, ganz ohne Computer, Handy und Internet, hatte auch gewaltige Nachteile. Und bei Lichte besehen ist der sehnsüchtige Blick zurück selbst falsch.

Denn nicht nur unsere Väter hatten Arbeit, das haben wir auch (respektive es gab früher viel schlimmere Epochen der Arbeitslosigkeit), wir können uns heute eher freier bewegen als früher und wo heute Drogen konsumiert wurden, herrschte früher Alkoholismus.

2 Lummerland-Bild der Schweiz

Die Schweiz ist eine Insel in einer bösen Welt. So schreibt ein Kommentator auf unserer Website: «Die Grenzen müssen dicht gemacht werden, auch wenn das für uns Nachteile hat. 50 % der Ausländer müssen raus und rein kommen nur noch solche, welche uns nützlich sind. Dann ist die Schweiz wieder schön!»

Die Fiktion, es gehe ohne das Ausland, ist das Lummerland-Bild der Schweiz. Die Schweiz war nie eine Insel, heute ist sie es schon gar nicht mehr. Wir leben in einer vernetzten Welt, ohne das «Ausland» könnte die Schweiz keinen Tag überleben.

3 «Cum hoc ergo propter hoc»

Die EU bringt Unheil. So schreibt ein Kommentator auf unserer Website: «Seit dem Beitritt zu Schengen ist die Kriminalität, besonders Einbrüche stark gestiegen. Überfüllte Gefängnisse sind ein reales Indiz.»

Dass das Schengen-Abkommen für die Kriminalität im Land verantwortlich ist, das ist ein Fehlschluss, den die Lateiner als «Cum hoc ergo propter hoc» bezeichnen. Nur weil das eine vor dem anderen liegt, heisst es nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist.

Es lässt sich auch das Gegenteil behaupten, dass also ohne die polizeiliche Zusammenarbeit, die Schengen bringt, die Kriminalität noch viel höher wäre. Die Ursache der Kriminalität liegt anderswo, zum Beispiel in der Wirtschaftskrise oder in der gestiegenen sozialen Ungleichheit der Menschen.

Antreten gegen Lummerland-Schweiz

Diese drei Missverständnisse haben einen grossen Nachteil: Die Argumente sprechen nur den Kopf an. Die Gefühle, die für die Fehlschlüsse verantwortlich sind, lassen solche Argumente kalt. Genau da müssen die Befürworter einer offenen Schweiz ansetzen: Sie brauchen ein starkes Schweiz-Bild mit interessanten Figuren, die antreten können gegen die Lummerland-Schweiz mit Heidi und Wilhelm Tell.

Das mag in einigen Teilen der Schweiz schwierig sein. Doch die weltoffenen Städte Basel und Genf hätten einiges an Personal dafür zu bieten. Henri Dunant und Guillaume-Henri Dufour zum Beispiel oder Wibrandis Rosenblatt und Erasmus von Rotterdam. Diese starken Figuren aus der Vergangenheit würden beweisen, dass auch früher, als alles «besser» war, die Schweiz viel Offenheit bewiesen hat.

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