Nachruf
David Schoenauer – Schausteller und Menschenliebender

Der Basler Theatermann und Schauspieler Helmut Förnbacher gedenkt seines kürzlich verstorbenen Freundes.

Helmut Förnbacher
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David Schoenauer (1956-2021)

David Schoenauer (1956-2021)

Bild: Guido Röösli/NLZ

David Schoenauer war ein Freund – und der «Götti» meines Sohns, Julian. Er war ein Mensch mit einem grossen Herzen. Ein Lebenskünstler mit einer überbordenden Fantasie. Er war ein Menschen-Liebender – und ein Menschen-Verführender, ein Träumer, der es verstand, seine Träume in anderen Menschen zu eigenen Träumen werden zu lassen. Und er hatte eine Vision. Und die Kraft, diese Vision umsetzen zu können – sein geliebtes, umwerfendes «letztes ambulantes Attractions-Theater» mit dem er über ein Vierteljahrhundert die Schweiz bezaubert und verzaubert hat.

Ausgebildet zum Bleisetzer und Grafiker, aber schon immer fasziniert von der Glitzer-Welt des Zirkus, kreiert er für die damalige «Grün 80» ein erstes aufsehenerregendes Varieté-Programm und verliebt sich in Jrma. Gemeinsam ziehen sie los, mit einer Feuer-Show, mit Kragenbären und mit Schlangen. Erst mal durchs Tessin. Dann geht es schnell aufwärts. Es folgen Engagements beim Circus Royal, beim Zirkus Stey, beim Circus Conelli und schliesslich der Traum aller Artisten – in Paris, im Circus-Mekka Bouglione mit seinen drei Manegen und mit bis zu 10000 Zuschauern pro Tag.

Jrma und David heiraten und kaufen vom legendären Jackie Steel, dem Freund und Mentor Davids, die kultige Schaubude «Broadway Varieté», ohne das in den 80-er Jahren «d Herbschd­mäss» in Basel nicht denkbar gewesen wäre.

Und in den nächsten beiden Jahren verwandeln sie – um die Tradition des altehrwürdigen Komödiantentums und des herumreisenden «Attractions-Theaters» aufrecht zu erhalten – die klapprige Jahrmarktsbude in ihr einmaliges Bijou. Statt tingeln auf den Chilbi-Plätzen war jetzt für das «Broadway» Dîner-Spectacle vom Feinsten angesagt. Ein Riesentross machte sich zur ersten Tournee inklusive erlesenem Drei-Gang-Menü auf den Weg: ein Dutzend Artisten, drei Köche («... man muss dem Körper Gutes tun, wenn die Seele Lust haben soll, darin zu wohnen»), Service-Personal, 15 Wohnwagen, Küchenwagen, Atelier-, Büffet- und WC-Wagen.

Das erste Programm schlug ein. Gewaltig! Eine fast verloren geglaubte Spielfreude, eine Atmosphäre im Spagat zwischen gnadenlos schwarzem Humor, sagenhaft üppigen Kostümen von Jrma und einmalig präsentierter Zirkus-Poesie. «Noch bevor die hochwohllöblichen Gäste zum dritten Gang ausholen, verspeist der Dirécteur sein Feuer, bis zum Dessert hat man das niedrigste Hochseil der Welt bestaunt, sich an den skurrilen Kellnern gefreut. Ganz zu schweigen von der schwebenden Direktoren-Gattin, der zersägten Frau, dem bärenstarke Herkules, oder der einmaligen Vermählung von Claudia Schiffer und David Copperfield», schrieb Rainer Luginbühl.

Davids Kreativität war unerschöpflich und seine Professionalität ein Markenzeichen. Sein Stil unverwechselbar. Sein Einfallsreichtum, sein Gespür für Menschen, für sein Publikum und seine schauspielerische Begabung ein ihm angeborenes, einmaliges Talent. Wir haben ihn alle schon vor ein paar Jahren verloren. Im Moment, in dem er seine Krankheit für sich realisieren musste. Seine Frau Jrma hat dafür gesorgt, dass er uns so in Erinnerung bleibt, wie er war: Der «gnadenlos» skurrile Principal des letzten ambulanten Attractions-Theaters der Schweiz: - Jetzt hat er uns endgültig verlassen. Mir fehlt er!

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