Nachruf
Josef Zindel, Doyen des Fussballjournalismus mit rot-blauem Herzen

Josef Zindel ist in der Nacht auf Sonntag im Alter von 68 Jahren verstorben. Der einst bekannteste Fussballjournalist der Schweiz und FCB-Vereinshistoriker starb in Unispital nach einer kurzen, schweren Krankheit aufgrund eines unbemerkten Hirntumors.

Bojan Stula
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Der FCB trauert um Josef Zindel. Vor etwas über einem Jahr stand er noch der «Schweiz am Wochenende» im «Nähkästchen»-Interview Rede und Antwort.

Der FCB trauert um Josef Zindel. Vor etwas über einem Jahr stand er noch der «Schweiz am Wochenende» im «Nähkästchen»-Interview Rede und Antwort.

Kenneth Nars

Ich gebe es zu: Seinen Wechsel zum FCB habe ich ihm damals übel genommen. Ausgerechnet «JoZ», ausgerechnet der grosse Josef Zindel kehrt dem Journalismus den Rücken und wird einer dieser «Kommunikatiönler»; einer, der sich als FCB-Medienchef nun mit jenen Medienschaffenden herumzankt, die so frech sein wollten, wie sie es von ihm abgeschaut zu haben glaubten.

Ich weiss nicht, wie viele Berufskolleginnen und -kollegen wegen Josef Zindel Sportjournalisten geworden sind. Klar war aber, dass alle so schreiben können wollten wie er. Scharf, kompromisslos, präzise. Aber vor allem mit dieser grandiosen Spitzzüngigkeit, diesen wahnsinnig witzigen Anspielungen und brillanten Wortspielereien, deren Fundament stets die Selbstironie war. Ganz zu schweigen von seinem makellosen Fach- und Allgemeinwissen, das aus jedem Text überquoll.

Seine zahllosen Matchberichte, die er zwischen 1982 bis 1996 in der «Basler Zeitung» über den FC Basel schrieb, waren darum Pflichtlektüre. Seine jahrelange satirische BaZ-Sportkolumne «Ratatouille» am Samstag ebenso Tischgespräch im «Pellemont» in der Freien Strasse wie am Stammtisch in der Sissacher «Krone». Die ganze Region wartete darauf, in welchem Zusammenhang er jetzt wieder den Lothar Matthäus durch den Kakao ziehen würde, sein erklärtes Lieblingsopfer und Sinnbild für unbedarftes Fussballer-Wesen und noch unbedarftere öffentliche Aussagen.

Legendäres Rencontre mit Didi Andrey

Jüngere Kolleginnen und Kollegen glaubten von ihm, er könne mit seinen kritischen Artikeln Trainerkarrieren beenden und Präsidenten stürzen. Trotz seiner unüberlesbaren Liebe zum FCB und seinem rot-blauen Herzen liess er nichts auf seine journalistische Unabhängigkeit kommen. Unvergessen ist sein Rencontre mit Didi Andrey: Wegen Zindels (berechtigter) Dauerkritik an Andreys Betonfussball rastete der Aufstiegstrainer an einer Pressekonferenz aus, Zindel aber parierte souverän all seine Beschimpfungen.

Wenig später flog Andrey wegen der Okolosi-Affäre, Zindel seinerseits machte sich mehr und mehr Gedanken über eine Luftveränderung. Den Wechsel als Sportchef zu Radio DRS beendete der gelernte Buchhändler selbst nach kurzer Zeit: Sein Medium war eben das gedruckte Wort, sein Werkzeug die spitze Feder. Wenn während der Euro 2000 Walter Andreas Müller im Schweizer Fernsehen Gilbert Gress parodierte, lieferte Zindel dazu die Texte.

Seine rot-blaue Liebe wird sein Arbeitgeber

2001 endlich, mitten in der Aufbruchstimmung um den neuen St. Jakob-Park, fanden Zindel und seine Liebe FCB als Arbeitgeber zusammen. Zuerst als Kommunikationschef, später als Buchautor, Klubhistoriker, Redaktor und Kolumnist des «Rotblau-Magazins». Als Pressesprecher konnte er mit seinem FCB endlich auch jene grandiosen sportlichen Erfolge feiern, die er als Journalist zu den Leidenszeiten in der Nationalliga B heimlich herbeigesehnt hatte.

Wenn die rot-blaue Elf in einer der unvergessenen «magischen Nächte» in der Champions League wieder einmal einen ganz grossen im europäischen Fussball besiegt hatte, strahlte «JoZ» über beide Backen und hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Dabei fing für ihn die Ära Gross alles andere als viel versprechend an. Bei der Riesenpleite zum Auftakt der Meistersaison 2001/2002, der 1:8-Blamage in Sion, stampfte Zindel nach dem sechsten Gegentreffer zehn Minuten vor Spielende frustriert aus dem Tourbillon; so sehr litt er mit seiner Elf.

In den Folgejahren leistete er für seinen Verein unschätzbare Dienste in den unterschiedlichsten Funktionen. Stets war er darauf bedacht, Spieler und Funktionäre auf die Aussenwirkung ihrer Auftritte und Aussagen zu sensibilisieren. Spätestens nach seinem Funktionswechsel vom Medienchef zum Vereinshistoriker gab es auch nichts mehr, das man als Journalist «JoZ» hätte nachtragen müssen. Niemand sonst hätte diese grosse Klubgeschichte in so lesenswerte Texte giessen können. Als ihr Autor bleibt er unvergessen.

In der Nacht auf Sonntag ist Josef Zindel im Alter von 68 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. In wenigen Monaten wäre er beim FCB pensioniert worden.

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