Schule für Gestaltung

Nackt für die Kunst: Aktzeichnen geniesst noch heute grosses Ansehen

Der 35-jährige Daniel Wyss posiert vor rund 15 Zeichnern und Zeichnerinnen. Hier steht er im Blickfeld von Noemi Scherrer.

Der 35-jährige Daniel Wyss posiert vor rund 15 Zeichnern und Zeichnerinnen. Hier steht er im Blickfeld von Noemi Scherrer.

Hinter geschlossenen Türen ziehen sich Aktmodelle für Nachwuchskünstler aus. Wir haben einen Blick in den Aktsaal der Schule für Gestaltung in Basel geworfen.

Im Aktsaal ist es still. Nur das Kritzeln von bewegten Bleistiften auf Papier ist zu hören. Die Konzentration ist deutlich spürbar. Um kein störendes Geräusch zu verursachen, betreten wir den Saal auf Zehenspitzen. 15 Zeichner und Zeichnerinnen sitzen in einem Halbkreis um ein kleines Bühnenpodest in der Schule für Gestaltung in Basel.

Sie schauen immer wieder von ihrer Staffelei hoch, zum Podest hin. Sie halten Bleistifte in die Höhe, messen aus und führen die Hand wieder zum Papier. Darauf erstrecken sich feine Striche, sie wachsen mit jeder Handbewegung, formen Füsse, Knöchel, Beine und einen männlichen Brustkorb. Es ist der Körper von Daniel Wyss. Nackt steht er vor den Zeichnern, inmitten eines grossen Raums, in der konzentrierten Stille. Er blickt gelassen zum Fenster. Dort formen Regentropfen diagonale Striche auf dem Fensterglas, Tauben fliegen vorbei und in der Ferne gleiten Flugzeuge durch die Wolken.

Hauptsächlich weiblich

Daniel Wyss ist eines der Modelle, die der Zeichenlehrer Helmut Germer für seinen Kurs Akt- und Figurenzeichnen an der Schule für Gestaltung in Basel bucht. Daniel Wyss ist eine Seltenheit, denn die Mehrheit der Modelle ist weiblich. Germer beauftragt elf Modelle, darunter sind nur zwei Männer. Weshalb das so ist, kann er nicht erklären. Er suche sich die Modelle nicht aus, sie würden sich freiwillig melden.

«Ich sehe es als eine spannende Abwechslung», sagt Wyss in singendem Walliser Dialekt. Der 35-Jährige arbeitet normalerweise als Physiotherapeut, fährt mit dem Fahrrad Kurier und wird demnächst zum zweiten Mal Vater – da hat das Posieren kaum mehr Platz. Deshalb arbeitet er nur noch zwei- bis dreimal im Jahr als Modell. Heute beginnt die Stunde um Viertel vor drei und dauert bis in den Abend hinein. Das erfordert körperliche Kraft und geistigen Willen. «Ich bin heute Morgen auf der Kurierfahrt extra sparsam mit meinen Kräften umgegangen, damit mein Bein nicht gleich in der ersten Minute des Unterrichts zittert», sagt Wyss.

In den ausgestreckten Armen beginnt es zu kribbeln, manchmal brennt der Oberschenkel und sitzend schmerzen die Sitzhöcker nach einer Weile. 15 Minuten im Schneidersitz zu verharren, kann zur Folter werden. Da hilft es, den Atem zu zählen, aus dem Fenster zu schauen und zu meditieren.

Am Anfang bewegte ihn die Neugierde auf den Sockel der Entblössung. Eine Freundin arbeitete als Modell und führte ihn in die Aktkunst ein. Das schnell verdiente Geld war damals, während des Studiums, auch ein überzeugendes Argument. 210 Franken verdient Wyss beispielsweise an der Schule für Gestaltung. Dafür steht er sieben Stunden nackt vor der Klasse.

Mut zur körperlichen Präsenz

Beim Aktstehen geht es vor allem um die körperliche Präsenz – und die hat sich Wyss als Physiotherapeut zum Beruf gemacht. Hemmungen habe er darum nie gehabt. «Etwas vorsingen oder einen Vortrag halten bereiten mir eher Mühe», sagt er.

Wer beim Aktzeichnen an eine erotisch aufgeladene Stimmung denkt, irrt sich. Im Unterricht wird diese Magie entzaubert und in ihrem Zweck entlarvt. «Man fühlt sich eher als Gegenstand, der ausgemessen und analysiert wird – nicht als Person», erläutert Wyss. Das sei aber nicht negativ zu deuten: «Es ist schön, dass es keine Rolle spielt, wer ich bin; der direkte und unmittelbare Kontakt zwischen Zeichner und Modell ist wichtiger».

Noemi Scherrer, eine 24-jährige Literaturstudentin erklärt, wieso sie ein lebendiges Modell einer hölzernen Gliederpuppe vorzieht: «Man hat mehr Respekt vor dem Menschen, und das wirkt sich in der Zeichnung aus.» Dieser Meinung ist auch ihr Lehrer. Dick oder dünn spiele keine Rolle. Massgeblich sei, wie sich ein Modell präsentiere. Ein unmotiviertes Modell ermüde die Zeichner und das widerspiegle sich tatsächlich in ihren Arbeiten.

Vom Holzklotz zur Nacktheit

Noch vor einigen Jahren durften angehende Gestalter bloss an Holzklötzen ihre Wahrnehmung schulen. Die Aktmodelle wurden ihnen erst zugemutet, wenn sie eine «sittliche Reife» erreicht hatten. Seither hat sich vieles verändert. Im Kurs nehmen nun auch blutige Anfänger teil, die erst 16 Jahre alt sind. «Bisweilen kann es schon einmal sein, dass Junge bei der ersten Begegnung mit einem Aktmodell vielleicht leer schlucken müssen; nach einer halben Stunde hat sich diese Nervosität aber bereits verflüchtigt und die Nacktheit des Modells ist selbstverständlich», sagt der Lehrer Helmut Germer.

Die jungen Schüler besuchen den Vorkurs oder die Grafikfachklasse an der Schule für Gestaltung; Akt und figürliches Zeichnen zählt zu ihrer Grundausbildung. Allen anderen gestalterischen Ausbildungen liegt er als fakultativer, öffentlicher Unterricht vor. Und trotzdem ist er komplett überbucht. Rund 100 Zeichner und Zeichnerinnen kommen wöchentlich in den Unterricht, drei Generationen nehmen daran teil. Davon haben viele unterschiedliche Berufe: Sie sind Architekten, Kunststudenten, Illustratoren, Objekt-Designer oder bereits Rentner.

Analoges bewährt sich

Viele erkennen die Notwendigkeit, auch noch im digitalen Zeitalter von Hand zu zeichnen. In einer Zeit, wo vieles flüchtig ist und per Mausklick erschaffen werden kann, sind 60 Minuten eine lange Stunde, um sich einer Skizze zu widmen. Es fordert Geduld, sich dieser Aufgabe zu stellen. Wer sich zum Ziel macht, das Modell in seiner realen Erscheinung abzubilden, ist schon bei der Formulierung des Gedankens gescheitert. Richtig ist das Ergebnis nie. Falsch ist es auch nicht.

Es geht im Unterricht nicht darum, der uralten Tradition mehr Bedeutung beizumessen und im Gegenzug zeitgenössische Sichtweisen auszuklammern. Vielmehr wird das Augenmerk auf den Entstehungsprozess gelegt: Kann der Zeichner den Menschen objektiv wahrnehmen? Hat er den Mut, sich gestalterisch zu äussern? Wo wird der erste Strich gesetzt und wie soll man vorgehen: flächig, linear, analytisch, intuitiv?

Ermüdende Arbeit

Noemi Scherrer arbeitet mit einem weichen Bleistift. Ihre Skizze hat sie in wenigen Strichen grosszügig auf ein A3-Papier gebracht. Ihre Nachbarin schraffiert derzeit mit einem schwarzen Filzstift ihre Version von Wyss aus. Scherrers Bild gemahnt an griechische Skulpturen – muskulös und erhaben. Dasjenige ihrer Nachbarin erinnert an einen Protagonisten eines düsteren Comics – traurig und klein.

Dieser interpretatorische Spielraum ist kein selbstverständlicher. Germer erzählt, wie er Zeichnungen von ehemaligen Schülern gefunden habe, die alle gleich aussahen. Die Schulung der Wahrnehmung beschränkte sich dort auf das genaue Hinschauen. Gezeichnet wurde die reine Geometrie. Mit Kunst hat das wenig zu tun.

Das genaue Hinschauen entblösst gnadenlos die Schwachstellen des Körpers. Den Bauch wolle Wyss dennoch nicht einziehen – das sei viel zu anstrengend.

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