Interview

Nähkästchen: «Der Vogel Gryff wird nie langweilig»

25 Jahre Migros, ein Leben lang Vogel Gryff: «Veränderungen können in beide Richtungen erfolgen», sagt Andreas Lehr.

25 Jahre Migros, ein Leben lang Vogel Gryff: «Veränderungen können in beide Richtungen erfolgen», sagt Andreas Lehr.

Er sorgt seit Jahren dafür, dass sich das über 700 Jahre alte Brauchtum nicht verändert: Der Spielchef Andreas Lehr.

Andreas Lehr, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Veränderung.

Für das neue Jahr nimmt man sich doch oft etwas vor, man will etwas verändern. Sie auch?

Das habe ich aufgegeben. Seit etwa 20 Jahren will ich ein paar Kilo abnehmen und habe es bis jetzt nicht geschafft. Also mache ich mir auch nichts mehr vor.

Etwas verändern, begleitet Sie das in Ihrem Leben?

Im beruflichen Alltag, ja. Beinahe täglich verändert sich das Geschäft bei der Migros. Handel ist Wandel und das gilt auch bei uns. Ich bin schon seit 25 Jahren dabei. Mir gefällt es, vielleicht gerade wegen der permanenten Veränderungen.

Seit acht Jahren sind Sie Spielchef beim Vogel Gryff. Gilt Ihr Motto auch dort?

Nein, hier sprechen wir von einem uralten Brauchtum. Es lebt davon, dass es sich nicht verändert.

Der Tanz auf der Mittleren Brücke. (Archivbild 2018)

Der Tanz auf der Mittleren Brücke. (Archivbild 2018)

Dann hat es sich überhaupt nicht verändert?

Doch, es gab in den vergangenen 700 Jahren immer wieder kleinere Veränderungen. Aber ich finde trotzdem: Je weniger Veränderungen, desto besser. Wir stecken in einer sich sehr schnell verändernden Welt, da gewinnt das Bodenständige, das Immer-Gleiche an Wert. Schweizweit stelle ich fest, dass der Zuspruch zu alten Bräuchen zunimmt, dass die Menschen das Bodenständige und die Wurzeln wieder suchen und wertschätzen. Vielleicht gehen wir manchmal auch bewusst zurück zum Alten.

Zum Beispiel?

Vor vier Jahren brauchten wir einen neuen Vogel-Gryff-Kopf. Der alte aus den 60er-Jahren hatte ausgedient. Für die Erarbeitung des Kopfs gingen wir weit zurück in der Geschichte. Wir wollten das Fabelwesen Vogel Gryff wieder in seine Ursprungsform bringen. Bei der Recherche landeten wir in der Zeit um 3000 Jahre vor Christus im Gebiet zwischen Euphrat und Tigris.

Wie lange arbeiteten Sie an diesem Projekt?

Wir nahmen uns drei Jahre Zeit. Einerseits für die Recherche, andererseits mussten wir die Fachleute suchen, die heute noch nach alter Handwerkskunst und mit natürlichen Materialien arbeiten können. Der Kopf ist mit Leder überzogen, die Form aus Metall geschlagen. Nur schon eine Ledergerberei zu finden, war nicht einfach. Es gibt meines Wissens nur noch einen einzigen Betrieb im Emmental.

Der Begriff Veränderung gefällt Ihnen schon ein bisschen, nicht?

Ja, sicher. Als ich ihn mit dem Vogel Gryff in Verbindung bringen wollte, dachte ich zuerst, das funktioniert nicht. Aber doch, es geht. Denn Veränderungen können in beide Richtungen erfolgen.

Gehört der Brauch denn zu Ihren Wurzeln?

Ja, ich war auch einer der mutigen Buben, die sich dem «Wild Maa» in den Weg stellten und versuchten, einen Apfel zu stehlen. Ich habe aber nie einen erwischt. Später war ich beim kleinen Spiel vom Jugendfestverein Kleinbasel dabei und habe dort den «Leu» getanzt. Schon als Bub wurde ich vom Vogel-Gryff-Feuer angesteckt. Schliesslich liegt der Brauch in der Familie. Schon mein Vater war Spielchef.

Was gibt Ihnen der Vogel Gryff?

Vielleicht bin ich etwas altmodisch. In unserer dynamischen Welt halte ich mich gerne hin und wieder am Bodenständigen fest. Das ermöglicht mir der Vogel Gryff, gerade weil er immer gleich ist.

Wird das nicht irgendwann langweilig?

Nein, für mich nicht. Einerseits weil mir der Freundeskreis im Spiel enorm wichtig ist. Wir sind Gleichgesinnte, die zusammen etwas auf die Beine stellen, das schweisst zusammen. Andererseits kommt der Vogel Gryff nur ein Mal pro Jahr, an einem Tag. Der Spuk beginnt am frühen Morgen mit der Talfahrt des «Wild Maa» auf dem Floss und endet abends mit dem letzten Tanz im Meriansaal. Langweilig wird es nie. Im Gegenteil: Die Vorfreude steigt bereits im Spätsommer für das nächste Jahr. Wenn wir mit den Proben beginnen, mit den BVB die Route besprechen und mit der Polizei zusammensitzen.

Als Spielchef sind Sie am Montag von Anfang bis Ende mit dabei.

Ja, ich bin verantwortlich dafür, dass wir das Brauchtum, wie wir es von unseren Vorfahren erhalten haben, eben nicht verändern, sondern so weitergeben, wie wir es gelernt haben.

Dazu gehört auch, dass der Brauch den Männern vorbehalten ist. Braucht es im Jahr 2020 hier keine Veränderung?

Der Vogel Gryff findet primär auf der Strasse stattfindet. Dort spielt es keine Rolle, woher die Leute kommen, wer sie sind, welche Hautfarbe sie haben, ob Mann oder Frau. Einzig am Gryffe-Mähli dürfen nur Gesellschaftsbrüder teilnehmen. Ich kann Ihnen aber sagen, auf der Strasse ist es viel toller. Dort spielt das Leben.

Sind Sie schon nervös?

Ja, sehr. Gerade an den letzten Spielproben fängt es an zu Knistern, da steigt die Aufregung. Am Dienstagabend kamen die Altherren zur Probe und schauten genau, ob der «Wild Maa», der «Leu» und der Vogel Gryff die Tanzschritte beherrschen. Ich will natürlich, dass am Montag alles reibungslos und perfekt über die Bühne geht.

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