«Wer mir schlecht gestimmt ist, den mache ich kaputt», sagt Frosch. Der Wortführer der Ultras steht mit seinen Kumpels in einer Baugrube. Aufgedreht und selbstbewusst gibt das Quartett Schlägerparolen von sich. Das Fernsehpublikum reibt sich verwundert die Augen, die Bilder aus Alain Godets Dokumentarfilm gehen durchs Land. Das war 1993. Hooligans, die das Faustrecht zum Prinzip ihres Handelns erheben, zählten im hiesigen Fussball noch nicht zu den wöchentlichen Begleiterscheinungen.

Körper wirken wie Schlachtfelder

Nun, knapp 20 Jahre später, hat Filmemacher Godet Frosch seine Ultra-Brüder Jimmy, Gök und Nevio dazu bewegen können, vor der Kamera ihre Schlägerkarriere zu reflektieren. «Hurra, hurra, die Ultras die sind da»: So lautete ihr Schlachtruf in den 90er-Jahren. Vom Übermut, vom übersteigerten Selbstbewusstsein und Gehabe jener Tage ist kaum etwas geblieben, wie der knapp 50-minütige Film zeigt. Die ehemaligen Ultras wirken, mittlerweile über 40, angeschlagen, ja teilweise angezählt.

Nur einer aus dem Quartett hat die Kurve gekriegt. Sinnbildlich präsentiert er seinen durchtrainierten Körper, den er mit Boxen fit hält. Daneben sehen wir in langen Kameraeinstellungen dicke Bäuche, Tattoos mit Totenköpfen. Die Körper wirken wie Schlachtfelder. «Sieht so die Signatur des Bösen aus?», fragt Godet aus dem Off.

Keine Bewunderung mehr

«Narben der Gewalt» ist ein wichtiger Film. Trotz der erschreckenden Gewaltbereitschaft übten die in Godets früheren Arbeiten mit den Ultras gezeigte Zusammengehörigkeitsgefühl und Glückseligkeit während der FCB-Spiele im alten Joggeli eine gewisse Faszination aus: Die Streifen «Faustrecht» und «Fussball-Fieber» geniessen in Fankreisen denn auch Kultstatus. Aus dem nachdenklichen, teilweise beklemmenden Folgewerk «Narben der Gewalt» lässt sich nun keinerlei Bewunderung für das Leben der Gang-Brüder mehr ablesen.

Die Kamera ist auf einen schüchternen Jimmy gerichtet, der Fotos aus seiner Kindheit zeigt und von einem erschütternden Schlüsselerlebnis berichtet: wie der Vater vor seinen Augen die geliebten Appenzeller-Welpen erschoss. «Wenn ich Trauer spüre, dann flüchte ich in die Gewalt», bekennt Jimmy kleinlaut. Er stand kürzlich wegen Körperverletzung vor Gericht und muss ins Gefängnis.

Die Ultras als Ersatz-Familie

Auch Gök sehen wir mit Tränen in den Augen, als er über seinen gescheiterten Versuch als Club-Betreiber und über den Kampf um die Anerkennung seines Vaters spricht. Gök erwähnt zudem – und das verleiht dem Film eine interessante gesellschaftliche Komponente – den «Multikulti-Stress.» Als er Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre die Schule besuchte, war er einer der ersten Türken. «D Tschingge, die stingge, d Türgge chasch würge.» Solche Sprüche gehörten damals an den hiesigen Schulen noch zur Tagesordnung.

«Narben der Gewalt», zeigt die verletzlichen, menschlichen Seiten dieser nicht mehr so jungen Männer. Godet zeigt auf, dass die Ultras weniger als Fun-Truppe, denn als Ersatz-Familie und gar als Technik zum Überleben funktionierten. Der Film kann auch als Plädoyer für Familien-Werte gesehen werden. Die Beziehungen zu Vater, Mutter, Ehefrau, Kinder: Sie sind massgebend, ob es den Ultras gelingt, in Beruf und Gesellschaft wieder Fuss zu fassen.

DOK: Narben der Gewalt Basler Ultras und ihre Schlägerkarrieren 1990 bis 2011. Heute Abend, 20.05 Uhr, SF1