Silvia Schenker, worüber reden wir?

Mode ist das Thema.

Was ist gerade Mode?

Oh, darüber weiss ich nicht Bescheid. Ich war nie sehr trendaffin. Aber ich habe ein Faible für schöne Kleidung, trage gerne Schlichtes und Elegantes und unterstreiche damit meine Weiblichkeit. Das war nicht immer so.

Inwiefern?

Meine Mutter war Schneiderin. Ich bin quasi in der Nähkästchen-Welt aufgewachsen (lacht). Als Kind durfte ich fast nie Hosen tragen, höchstens im Wald zum Spielen. Ich beneidete meine drei Brüder darum. Meistens trug ich von ihr genähte, im Grunde genommen hübsche Kleider– aber ich fühlte mich darin nicht wohl.

Davon träumt doch jedes Mädchen.

Ja, aber ich wollte das Gleiche wie meine Brüder, dazu gehören. Ich hatte diese Aussenseiterrolle. Was dazu führte, dass ich als Erwachsene lange Zeit einen praktischen, eher maskulinen Stil hatte und die Haare kurz trug.

In Ihrer Anfangszeit im Nationalrat vor 15 Jahren wirkten sie schon ein bisschen bieder, sorry....

...ich weiss! Die «Verwandlung» kam bald danach. Als ich in Bern nicht mehr so arg um meinen Platz kämpfen musste, begann ich, den männlichen Stil loszulassen. Liess die Haare wachsen, fing an, meine weibliche Seite mehr zu mögen und zu betonen.

Sie sind bekannt dafür, stets gut gekleidet zu sein. Wer berät Sie?

Ich vertraue unter anderem einer Verkäuferin im Globus, die mich mittlerweile sehr gut kennt und mich immer wieder «chützelet», etwas zu tragen, das ich nicht wählen würde. Weil ich zum Beispiel denke, dass ich zu alt dafür bin. Aber wenn ich es dann trage, sieht es erstaunlich gut aus.

Was zum Beispiel?

Ein Ensemble aus weissen Shorts und weissem Blazer von Hugo Boss. In der Freizeit trage ich das gerne. Im Beruf oder in der Politik wäre das aber fehl am Platz.

Wieso?

Es wirkt so jugendlich. In Bern kommt es immer wieder vor, dass mich ein Fernsehjournalist spontan um ein Statement vor der Kamera bittet. Ein solches Outfit würde falsche Signale aussenden. Aber grundsätzlich kleide ich mich in Bern nicht anders als sonst.

Wie wichtig ist es in der Politik, gut gekleidet zu sein?

Sehr wichtig. Wenn eine Person in ausgebeulten Hosen oder quietschbuntem Outfit daher kommt, wirkt das unseriös. Es kann auch vom Inhaltlichen ablenken oder gar irritieren. Ein gutes Outfit wiederum kann dem Politiker eine grosse Sicherheit geben.

Wer sticht für Sie positiv heraus?

Speziell, aber stilsicher unterwegs ist Doris Fiala von der FDP. Ich finde sie sehr mutig. Sehr gut angezogen ist Ruth Humbel von der CVP, und bei den Männern gefallen mir Beat Jans, Cédric Wermuth und Matthias Aebischer von der SP.

Wem geben Sie den Kaktus?

Ich nenne keine Namen. Aber es gibt einige, die oft daneben greifen.

Können Sie sich an Ihren grössten modischen Faux-pas erinnern?

Oh ja! Das war in den 1970er-Jahren, ich war in der Lehre und hatte ein Date mit... Giovanni hiess er. Da wählte ich einen Hosenanzug mit ausgestelltem Hosenbein und lila Karomuster. Aus Giovanni und mir ist dann nichts geworden. Hat nicht gepasst, der Hosenanzug auch nicht.

Und das FCB-Trikot, passt das Ihnen?

Nein, ich trage nie ein solches «Liibli». Das passt nicht zu mir, es würde aufgesetzt wirken. Aber einen FCB-Schal habe ich.

Auf Twitter ist nicht zu überlesen, dass Sie Fan des Clubs sind. Schon lange?

Fussball hat mich immer interessiert. Mein Vater kickte für den FC Grenchen, ich ging oft mit ihm mit. Und als ich vor 25 Jahren nach Basel zog, nahmen mich Arbeitskollegen hin und wieder an einen Match mit, bis ich vor etwa 15 Jahren eine Saisonkarte löste. Seither habe ich fast kein Heimspiel verpasst, diese Termine sind mir heilig. Da mache ich nicht mal eine Ausnahme bei meinem Enkelkind. Meine Tochter weiss das (lacht).

Was halten Sie von Modefans?

Hauptsache Fan. Ich bin da nicht so rigide. Ich wurde selbst schon von einem Twitter-Nutzer gefragt, warum ich auch noch über den FCB tweeten müsse. Nur weil ich jeden Match besuchen würde, sei ich längst kein richtiger Fan. Was macht denn ein richtiger Fan aus? Darauf wusste er dann auch keine Antwort.

Werden Sie manchmal belächelt, weil Sie als Frau für den FCB fanen?

Nein, das Geschlecht spielt hier keine Rolle, wie mir scheint. Die Männer sind im Stadion aber klar in der Überzahl. Wahrscheinlich deshalb passt mir das auch: Ich fühle mich in Männerwelten wohl. Da haben mich meine Brüder sehr geprägt.

Wo ist Ihr Platz im Stadion?

Im Sektor C. Es ist spannend, wie da Menschen regelmässig zusammen kommen, sich irgendwie kennen und irgendwie doch nicht. Der hinter mir links regt sich stets über den Schiri auf, der rechts flucht jeweils wie ein Rohrspatz. Aber keine Ahnung, wie die beiden heissen.

Fluchen Sie hin und wieder auch?

Nein, niemals! Dafür juble ich umso mehr.

FCB-Fans hatten vor einer Woche wieder Grund zum Jubeln, beim Sieg gegen GC, mit dem neuen Trainer Marcel Koller. Kann er den Titel zurückholen?

Möglich ist es, weil er viel Erfahrung hat. Ich habe übrigens nichts gegen ihn.

Das sagt auch niemand.

Ja, aber ich habe mich nach dem Rauswurf von Raphael Wicky auf Twitter sehr dezidiert geäussert. Mir gefiel die Art nicht, wie man ihn rausgeworfen hat. Ich weiss nicht, ob Präsident Bernhard Burgener der richtige Mann für den Club ist. In dieser Krise trat er fast nie in Erscheinung. Bei so einem Club geht das einfach nicht.

Bald werden Sie mehr Zeit haben, sich mit dem FC Basel zu beschäftigen. Im kommenden Jahr geht Ihre vierte und letzte Legislatur im Nationalrat zu Ende. Wie fühlen Sie sich dabei?

Es ist eine komische Vorstellung. Die Politik wird weiterhin Teil meines Lebens sein, ich bleibe sicher auch Mitglied der SP. Aber ich freue mich auch darauf. Es gibt drei Dinge, die ich im Leben gemacht haben muss, das habe ich mir als junge Frau vorgenommen: Das Klarinettenspiel zu lernen, zu reiten und ein Buch zu schreiben. Mit Ersterem habe ich bereits begonnen.

Und worüber wollen Sie schreiben?

Das weiss ich eben noch nicht. Ein Krimi wird es aber nicht.

Ach, schade. Es könnte von Eifersuchtsdramen und Intrigen in der Politik handeln.

(lacht) Nein, sicher nicht!

Apropos: Parteikollege Ruedi Rechsteiner hat Sie im Februar in sehr harschem Ton auf Facebook aufgefordert, frühzeitig zurückzutreten, um Platz zu machen für Jüngere. Ist das jetzt Mode in der Politik, solche «Schlammschlachten» öffentlich auszutragen?

Ich hoffe nicht. Das wirft überhaupt kein gutes Bild auf eine Partei. Die aggressive Art und Weise, wie er geschrieben hat, hat mich sehr getroffen. Ich bin ja nicht aus Teflon. Es kam für mich zwar nicht überraschend. Ich hatte schon einige Zeit davor angekündigt, dass ich die Legislatur beenden wolle. Das goutierten einige nicht. Ich spüre heute noch an Versammlungen eine gewisse Missbilligung von Parteikollegen.

Haben Sie seither mit Rechsteiner geredet?

Nein, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Es kam nie zu einer Aussprache. Ich konzentriere mich jetzt auf meine letzte Legislatur.

Sie setzen sich gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 ein. Laut einer Studie haben 73 Prozent der Schweizer nichts dagegen. Und viele meinen, wer studiert hat, könne auch länger arbeiten. Wie sehen Sie das?

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Eigentlich würde ich im 2019 pensioniert. Aber ich werde sicher noch ein Jahr bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde als Sozialarbeiterin anhängen.

Widerspricht das nicht Ihrer Haltung?

Überhaupt nicht, ich mache das ja freiwillig. Für Frauen in körperlich anstrengenden Pflegeberufen, im Service oder im Verkauf ist länger arbeiten keine Option. Sie würden das weitere Jahr nicht schaffen. Ich bin für ein flexibilisiertes Modell.

Und wenn Sie dann pensioniert sind: Bleiben Sie in Basel oder könnten Sie sich vorstellen, wegzuziehen?

Nein. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das hat auch mit meiner Wohnung am St. Johanns-Parkweg zu tun. Ich wohne im obersten Stock, die Aussicht ist grandios.

Ihr Wohnblock war kürzlich in den Schlagzeilen: Zwei Architekten äusserten die Idee, ihn abzureissen und durch ein ansehnlicheres Gebäude zu ersetzen. Was ist hier der Stand?

Klar, architektonisch ist das Haus keine Meisterleistung. Aber die Wohnungen sind gut ausgebaut – und zahlbar. Als ich vor 20 Jahren als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern da einzog, war das ein Segen. Jedenfalls muss ich keine Angst haben, dass ich bald ausziehen muss: Das Haus wurde im Baurecht erstellt, und der entsprechende Vertrag läuft bis 2035.

Es hat mich überrascht, dass Sie da wohnen. Sie, die ein Faible für Schönes haben. Ich dachte, das sei nicht nur in der Mode so.

Es ist ja schön, irrsinnig schön am Rhein. Ich brauche diese Weite. Und unter den Nachbarn herrscht ein gutes Verhältnis, man schaut zueinander. Es ist eine sehr heterogene Mieterschaft, das ist spannend.