Naturhistorisches Museum
Naturhistorisches Museum ändert nebst Standort auch Konzept

Museen setzen immer öfter auf Schaudepots oder öffentliche Sammlungen. Sie zeigen, was bisher in Lagerräumen verborgen blieb. Auch das Naturhistorische Museum entwickelt sich in diese Richtung.

Miriam Glass
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Direktor Christian Meyer erfindet das Naturhistorische Museum neu

Direktor Christian Meyer erfindet das Naturhistorische Museum neu

AZ

Christian Meyer, Direktor des Naturhistorischen Museums Basel, braucht Geduld. Seit Jahren ist klar, dass sein Museum aus dem denkmalgeschützten Berri-Bau an der Augustinergasse ausziehen muss, da dieser sanierungsbedürftig ist.

Doch erst vergangene Woche gab die Regierung bekannt, wo das Museum in Zukunft seinen Platz haben soll: Beim Bahnhof St. Johann ist ein Neubau vorgesehen, in dem auch das Staatsarchiv unterkommt.

Meyer muss sich nach diesem Entscheid aber noch weiter gedulden: Eröffnet wird der Neubau im Jahr 2020 oder 2021, sofern alles nach den Plänen der Regierung läuft. Bis dahin ist der heute 56-jährige Meyer in Pension oder steht kurz davor.

Doch auch wenn er im Neubau vermutlich nicht mehr oder nicht mehr lange als Direktor wirken kann, prägt Meyer den Auftritt des zukünftigen Naturhistorischen Museums. Denn am neuen Standort wird es sich mit einem neuen Konzept präsentieren, das längst in Arbeit ist.

Wie es aussehen wird, möchte Christian Meyer auf Anfrage des «Sonntag» nicht präzisieren. «Zuerst muss der politische Prozess abgewartet werden», erklärt er.

Bis zu den Sommerferien wird der Grosse Rat über einen Projektierungskredit von sieben Millionen Franken für den Neubau entscheiden. Philippe Bischof, Kulturbeauftragter des Kantons, hält sich ebenfalls bedeckt, was das Konzept betrifft.

Er sagt zwar: «Wenn ein Museum einen Neubau erhält, wäre es eine verschenkte Chance, nicht am Konzept zu arbeiten.» Er sagt aber auch: «Die parlamentarische Debatte zum Neubau soll auch offen sein für inhaltliche Anregungen. Wir haben natürlich ein Grundkonzept vorliegen, aber was konkret umsetzbar ist, wird sich erst im Lauf der Projektierung zeigen.»

Puplic Collection

In welche Richtung sich das Naturhistorische Museum entwickeln wird, ist dennoch erkennbar. Im heutigen Museumskonzept ist ein Grossteil der Sammlungen für das Publikum nicht zugänglich. Das soll sich ändern.

Im Kulturleitbild, das der Kanton im Frühling 2012 verabschiedet hat, ist zu lesen: «Ein Neubau soll den Wert der renommierten Sammlung optimal ausschöpfen und als ‹Public Collection› (Öffentliche Sammlung, Red.) präsentieren lassen.»

Schon im März 2010 gab Christian Meyer in einem Interview mit der «Basler Zeitung» Auskunft über seine Pläne und sprach ebenfalls von einer Public Collection: «Was wir wollen, ist die Sammlung begehbar, erlebbar und nutzbar machen.»

Auch im Ratschlag für das Parlament, mit dem die Regierung den Projektierungskredit für den Neubau beantragt, ist von der Public Collection die Rede. Das Betriebskonzept sieht Räume für Dauer- und Sonderausstellungen vor. Dazu sind Teile der Geowissenschaftlichen und der Biowissenschaftlichen Sammlung ebenfalls als Publikumsbereiche markiert.

Das heisst: Was heute von den insgesamt über 7,7 Millionen Objekten der Sammlung in vier Untergeschossen des Berri-Baus und zwei externen Depots lagert, soll zu einem grösseren Teil sichtbar werden, auch ausserhalb der kuratierten Dauer- und Sonderausstellungen.

Oder wie Meyer im «BaZ»-Interview sagte: «Die Leute sollen selbst Schubladen herausziehen können.» Das passt zum ArchivCharakter, den das Museum mit seinem Slogan «Archive des Lebens» betont. Von der zusätzlichen Fläche von 3800 Quadratmetern, die das Museum mit dem Neubau bekommen soll, sind 1000 für die Public Collection vorgesehen.

Auf eine «Schausammlung» oder ein «Schaudepot» setzen in Basel mehrere Museen, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Das bekannteste Beispiel in der Region ist das Schaulager in Münchenstein, das die Sammlung der Emmanuel-Hoffmann-Stiftung beherbergt - die für die Öffentlichkeit aber nicht zugänglich, sondern Forschern vorbehalten ist. Den Begriff Schaulager hat die Laurenz-Stiftung markenrechtlich schützen lassen.

Das Sportmuseum Basel nennt seine Ausstellungsform Begehlager. Es lagert seine Sammlung nicht in einem geschlossenen Depot, sondern macht das Depot selbst zur Ausstellung, ohne eine zusätzliche Dauerausstellung dazu anzubieten.

Eine Art Schaudepot planen die Architekten Herzog und de Meuron auf dem Dreispitz-Areal: In einem Turm, der 2014 fertig sein soll, werden sie ihr Archiv als «offenes Lager» aufbereiten. Ob es für die Öffentlichkeit zugänglich wird, ist offen.

Das Konzept des Schaudepots ist immer wieder in Diskussion

«Es ist eine interessante Idee, die man durchdenken muss. Zum Beispiel, wenn es um das Museum für Wohnkultur im Haus zum Kirschgarten geht», sagt Museumsdirektorin Marie-Paule Jungblut. Sie bezweifle allerdings, ob es wirklich passend für ihr Museum sei: «Historische Objekte brauchen eine Kontextualisierung. Die schaffen wir in kuratierten Ausstellungen.»

Das Museum der Kulturen hat sich für ein Konzept entschieden, das gegenteilig ist zu dem des Schaudepots. Statt auf eine verstärkte Präsentation der Sammlung setzt Direktorin Anna Schmid auf reduzierte Sonderausstellungen.

Sie hat dafür in Fachkreisen und beim Publikum viel Interesse und Lob bekommen, aber auch Schelte eingesteckt: Von der «Demontage des Museums» war in den Medien die Rede, von «malträtierter Schönheit» der Sammlung.

Doch macht es ein Museum umgekehrt und zeigt alles, auch das nicht mit kuratorischer Absicht Zusammengestellte, gibt das ebenfalls Anlass zur Kritik: Zur «Mogelpackung» wurde das Sportmuseum wegen seiner Präsentationsformen kürzlich von Politikerseite verschrieen. Zugleich wird das Konzept des Schaudepots oder Begehlagers europaweit seit den 90er- Jahren erprobt und in verschiedenen Varianten umgesetzt.

Museumskonzepte polarisieren, denn es geht bei der Präsentation auch immer um die Frage: Was soll ein Museum? Alles zeigen, was es hat, und den Besucher selber entscheiden lassen, was wichtig ist in dieser Vielfalt?

Oder herauspicken, was sich an einen roten Faden reihen lässt, und es präsentieren, unter Ausschluss all dessen, was auch noch da wäre?
Fachleute sind sich einig, dass diese Frage nicht pauschal beantwortet werden kann und oft beide Ansätze kombiniert werden, wobei die Form der Vermittlung eine grosse Rolle spielt.

Die Vorteile einer Schausammlung sind nicht immer rein inhaltlicher Natur, wie Museologe Samy Bill sagt. Bill hat in Basel das Nachdiplomstudium Museologie aufgebaut und arbeitet als Museumsberater.

«Mit einer Schausammlung wird der Hintergrund der Museumsarbeit sichtbar», sagt er. «Dadurch lässt sich legitimieren, warum ein Museum Geld, Platz und Arbeitskräfte braucht.»

Oder, wie es im Ratschlag ans Parlament heisst: «Die Zugänglichkeit der Sammlung für das Publikum führt zu einer optimierten Ausschöpfung der Sammlungsbestände und rechtfertigt damit die jahrzehntelangen Investitionen in das wertvolle und weltweit beachtete Universitätsgut».

Setzt das Naturhistorische Museum auf eine Public Collection, erfüllt es damit den Anspruch des kantonalen Kulturleitbildes.

Dieses hält kritisch fest, dass «zentrale Aspekte der Museumsarbeit wie Sammeln, Forschen und Bewahren» von der Öffentlichkeit «kaum wahrgenommen» würden. Wenn Christian Meyer im Neubau bisher verborgene Schätze zeigen kann und noch mehr Käfer ans Licht holt, mehr Federn und Fische, Hörner und Knochen, dürfte sich das ändern.