Herr Chrétien, wann erfuhr Pro Natura vom neuen Standort für das Schwingfest?

Urs Chrétien: Gestern wurden wir von Regierungsrat Thomas Weber informiert. In die Machbarkeitsstudie der Schwinger einbezogen wurden wir aber nicht.

Und wie ökologisch wertvoll ist der Standort Leimen?

Nicht besonders. Heikel sind die Gewässer, aber diese sollen ja mit Zäunen geschützt werden. Im August fliesst meist wenig Wasser. Da würde es für die Fische noch schwieriger, wenn Festbesucher die Bäche zur Abkühlung, zur Abfallentsorgung oder als WC brauchen würden. Hätten die Organisatoren keinen Zaun vorgesehen, hätten wir einen verlangt.

Gemäss Machbarkeitsstudie ist das Gebiet Leimen für Vögel ein «Defizitgebiet», ähnlich für Reptilien. Heisst dass, dass man auf diese Tiere keine besondere Rücksicht nehmen muss?

Das kann man so sagen. Dies umso mehr, als im August die Brutzeit in der Regel vorbei ist. Zudem ist die Gegend bereits durch Autobahn und Bahnlinie belastet, die Vögel sind dort Lärm gewohnt. Reptilien gibt es dort vermutlich gar keine. Allerdings werden wir uns die Fläche noch genauer ansehen. Gemäss Machbarkeitsstudie werden die Naturschutzverbände bei der Erarbeitung des Detailkonzepts einbezogen.

Wie kann man sicherstellen, dass die Organisatoren die Schutzmassnahmen auch wirklich umsetzen?

Ich vertraue den Organisatoren, dass sie es mit dem Naturschutz ernst meinen und die vereinbarten Massnahmen umsetzen. Zudem gelten Schwingerfestbesucher als disziplinierter als zum Beispiel Fussballfans.

Laut Veranstaltern wird man bereits im Frühling 2023 nichts mehr vom Fest sehen. Ist das realistisch?

Das kann man sich als Ziel setzen, aber nicht versprechen. Falls es regnet, sind die Schäden grösser als bei trockenem Wetter und Spuren davon wohl auch im nächsten Jahr noch zu sehen. Die Hecke, die ausgerissen wird und neu gepflanzt werden muss, besteht im Frühling sicher erst aus frisch gepflanzten kleinen Sträuchern. Das Ziel sollte sein, dass nach dem Schwingfest das Areal ökologisch wertvoller ist als vorher. Ein derart grosser Anlass ist auch an diesem Standort eine Belastung für die Natur. Man nimmt etwas von der Natur – also sollte man ihr etwas zurückgeben. Das Gebiet hat ökologisches Aufwertungspotenzial, dieses sollte man nutzen. Insbesondere sollte die Durchgängigkeit für Wildtiere verbessert werden.

Die Bauern in Pratteln sind bereit, ihr Land herzugeben. Kann da Pro Natura überhaupt noch gegen den Anlass in Pratteln sein?

Wenn es wirklich klare Gründe dagegen gäbe, würden wir sie schon benennen. Aber ich freue mich, dass sich die Anstrengungen der Schwingerverbände gelohnt haben und sie – nicht zuletzt dank unserem Widerstand – einen auch für sie besseren Standort gefunden haben, offenbar mit weniger Fläche als in Aesch.

Haben Sie wirklich keine Kritik am vorliegenden Projekt?

Doch. Vorgesehen ist, dass nur 66 Prozent der Besucher mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, der Rest mit dem Auto. Das ist nicht gerade sportlich. Bei einer so guten Verkehrsanbindung lägen 90 bis 95 Prozent drin.