Eines vorweg: Ich habe weder ein Verbrechen begangen noch wurde ich von einem Richter zu irgendwas verurteilt. Schuldig machte ich mich offenbar höchstens in Sachen Verwirrung stiften: Nach den Medienberichten der letzten Tagen war die häufigste Frage, ob ich denn tatsächlich diese Fussfessel tragen muss. Nein, muss ich nicht! Das Fussfessel-Experiment ist rein journalistisch. Ziel ist aber, das ganze möglichst realistisch durchzuspielen.

Deshalb haben die Verantwortlichen des Basler Justiz- und Sicherheitsdepartements einen Straftatbestand für mich erfunden, die echten Dokumente erstellt und auch sonst alles getan, damit ich am eigenen Leib erfahre «wie es wirklich ist». Selbst mein Chef hat ein Telefon gekriegt.

Die zweithäufigste Frage, die mir diese Woche gestellt wurde, ist: «Was passiert eigentlich, wenn Du dich nicht an die Regeln hältst. Kommt dann die Polizei vorbei?». Auch hier: Nein. Die Fussfessel hält ja nur fest, ob ich mich zu Hause oder nicht zu Hause befinde. Wenn ich nicht rechtzeitig daheim bin, weiss die Polizei auch nicht, wo sie mich zu suchen hat. Die Vollzugsverantwortlichen reagieren in so einem Fall aber natürlich. Sie rufen an und fragen nach dem Grund meiner unerlaubten Abwesenheit. Das mag harmlos klingen, doch das Nichteinhalten der Regeln hat für die Fussfessel-Träger Konsequenzen.

Ähnlich wie im Gefängnis gibt es einen Massnahmenkatalog. Es kann zum Beispiel sein, dass der Ausgang am Wochenende gestrichen wird. Hilft alles nichts, wird die Sache abgebrochen und man muss den Rest der Strafe im Gefängnis absitzen. Das ist häufig mit dem Verlust des Jobs verbunden, weshalb Fussfessel-Klienten sich in den allermeisten Fällen an die Regeln halten. Die Gefängnisstrafe zu Hause abzusitzen, ist ein Privileg, das man nicht leichtfertig auf Spiel setzt, wenn man Beruf oder sogar Familie hat.

Auch ich halte mich an die Regeln. Wenn auch zunehmend mit Unlust. Was anfangs noch ein lustiges Spiel war, geht mit der Zeit ziemlich auf die Nerven. Die Schnalle am Fuss ist ein Fremdkörper, der auch in den privatesten Momenten an einem klebt. Sie raubt einem jede Spontaneität im Leben. Wobei Spontaneität das falsche Wort ist, wenn man gar keine Zeit hat, über die man selber verfügen kann. Morgens ziehe ich die Schuhe an und warte, bis die Uhr Viertel nach acht anzeigt und ich das Haus verlassen darf. Abends komme ich mit Schreiben in den Stress, weil ich ja noch einkaufen muss. Und immer mit der Zeit im Nacken.

So zum Beispiel am Mittwochabend: Ich war in der Migros am Claraplatz im unteren Stock. Da ging oben plötzlich ein Feueralarm los, woraufhin die Türen (warum auch immer) geschlossen und niemand mehr zur Kasse gelassen wurde. Was tut man in so einem Moment, wenn man in 20 Minuten zu Hause sein muss? Nichts einkaufen und Pizza bestellen? Denn wer würde eine Entschuldigung wie «Ich war in der Migros und der Feueralarm ging los» ernsthaft glauben? Zum Glück wars dann nur ein Fehlalarm.