Wäre da kein Netz zwischen den Gehegen, es würde brenzlig: Zehn Meter über dem Boden klammert sich ein Orang-Utan an den Seilen fest. Sein Gegenüber lässt er nicht aus den Augen. Der junge Schimpanse auf der anderen Seite ist ebenfalls auf der Hut. Er beobachtet seinen rothaarigen Nachbarn. Dann plötzlich springt er auf gleicher Höhe ans Netz und hält sich kurz fest, um gleich darauf wieder einen Satz zurück auf den Baum zu machen. So sieht es aus, wenn sich die Tiere gegenseitig imponieren wollen.

Die Menschenaffen erkunden im Basler Zolli nicht nur ihr neues Aussengehege – sie lernen auch ihre Artgenossen, von denen sie bisher von einer Betonwand getrennt waren, endlich kennen. «Die Tiere interagieren hier draussen», sagt Heidi Rodel, Projektleiterin der Affen-Aussenanlage. «Nicht immer freundlich zwar, aber sie nehmen Kontakt auf.» Das können sie seit vergangenem Freitag, als die Geigy-Anlage nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde.

Angst vor dem Revier verteidigen

Für die Zolli-Besucher ist die neue Anlage eine Wucht. Aber fühlen sich die Affen selber auch wohl hinter den Netzen? Den Schimpansen scheint es zu gefallen: Bereits am ersten Tag haben sich alle ins neue Territorium gewagt. Die Ausnahme macht der 50-jährige Chef Eros. Er hat bis heute noch keinen Fuss an die Luft gesetzt: «Es kann sein, dass er meint, er müsse sein Revier verteidigen», sagt Rodel. Für die Anführer der Gruppe ist es ja immer ein Risiko, das Revier zu wechseln. «Eros weiss nicht, dass hier draussen kein anderes Männchen wartet.» Man habe drinnen nun Ausstiegshilfen platziert, aber: «Wenn er noch nicht will, dann will er halt nicht.» Eros ist nicht der einzige «Schisshase». Auch Gorilla-Chef Kisoro hat sich bisher noch nicht getraut – wohl aus demselben Grund, vermutet Rodel.

Die Materialien, mit denen die Gehege gebaut und ausgestattet worden sind, kommt bei den Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans gut an. Die Betonpfeiler habe man absichtlich rau gelassen, erklärt Rodel. Auf den Schrägen können die Affen problemlos hoch und runter laufen und an die Senkrechten hängen sie sich.

Kein Interesse an Hängematten

Die Orang-Utans gewinnen zudem mit jedem Tag mehr Vertrauen in die Anlage, erzählt Heidi Rodel. «Die Seile kennen die Tiere ja bereits von drinnen.» Die hohen Stangen seien elastisch und beugen sich, wenn sich ein Affe dranhängt. Und auch auf den Holzplattformen vertreiben sie sich gerne die Zeit. «Einzig die Hängematten sind noch nicht so beliebt. Vielleicht müssen die Orang-Utans diese erst noch entdecken.»

Rodel beobachtet zudem, dass das neue Umfeld dem jungen Schimpansen-Männchen Colebe Selbstvertrauen gibt. «Bereits als er zum ersten Mal draussen war, hat er Sand in die Hand genommen und rumgewirbelt. Im Affenhaus drinnen galt er eher als ‹Mammeditti›.» Spannend zu beobachten sei auch, dass jedes Tier auf die Holzspäne, das Gras, das Wasser oder den Sand anders reagiert. Nicht jeder mag jeden Untergrund. «Ich habe mal einen Gorilla beobachtet, der vom einen Eichenstamm auf den anderen gesprungen ist, weil er nicht über den Sand laufen wollte.»

Schimpansen sind sorgfältig

Auch mit der Bepflanzung gehen die Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen unterschiedlich um. Erstere reissen Bambus und Büsche aus und fressen sie ab, die anderen lassen sie wachsen. «Ich bin überrascht, wie schonungsvoll die Schimpansen mit den Pflanzen umgehen», freut sich Rodel. Es wachsen sogar noch Himbeeren im Gehege. «Mal schauen, wie lange es dauert, bis sie die entdecken.» Sollte sich herauskristallisieren, dass sich etwas im Gehege nicht bewährt oder fehlt, könne man Änderungen vornehmen. «Wir sind flexibel in der Gestaltung», sagt Rodel.