«Dies ist eine enorme Chance für uns», schwärmt der sichtlich begeisterte Basler Kantonsarchäologe Guido Lassau. «Wir werden sehr viel Neues erfahren zur Basler Stadtgeschichte», sagt Lassau, der mitten in den Vorbereitungen für die beiden grössten archäologischen Grabungen der letzten Jahrzehnte steckt.

4,25 Millionen Franken hat der Grosse Rat insgesamt für die beiden Ausgrabungen bewilligt: 1,5 Millionen für die Grabung unter dem Stadtcasino und 2,5 Millionen Franken für den Spiegelhof. Mehr als ein Dutzend Archäologen werden ab Herbst während gut zwei Jahren den Basler Untergrund wissenschaftlich durchforschen. Begonnen wird am Barfi. Dann wird ab Herbst 2017 ein Jahr lang an der Spiegelgasse gegraben. Der Verkehr in der Stadt soll nicht tangiert werden.

Grabungen wegen Baustellen

Bei beiden Ausgrabungen handelt es sich um sogenannte «Not- oder Rettungsgrabungen», ausgelöst einerseits durch den Erweiterungsbau des Casinos samt Unterkellerung des Musiksaals, andererseits durch die Unterkellerung des 500 Quadratmeter grossen Einstellraumes des im Spiegelhof beheimateten Sicherheitsdepartements. Heute werden dort Polizeifahrzeuge parkiert.

Beide Bauvorhaben berührten archäologische Schichten. Diese seien für die Geschichte der Stadt Basel und die frühe Schweizer Geschichte von eminenter Bedeutung, wie das Präsidialdepartement im Stadtcasino-Ratschlag an den Grossen Rat festhält.

Gräber im Kreuzgang

Das Areal des Stadtcasino lag ursprünglich vor den Toren der Stadt und beherbergte eine Handwerkersiedlung. Mit dem Bau der Inneren Stadtmauer um 1230 wurde das Gebiet des heutigen Barfi eingemeindet. In der Folge liess sich der Bettelorden der barfuss in Sandalen gehenden Franziskaner sich hier nieder und gab dem Areal den Namen. Die Ordensbrüder gründeten ein Kloster und bauten um 1250 die erste Barfüsserkirche. «Die Kirche hatte nur etwa 70 Jahre Bestand. Sie musste aus statischen Gründen abgerissen werden. Im Untergeschoss des Historischen Museums sieht man heute noch die Fundamente. Dann baute man leicht versetzt die heute noch bestehende Barfüsserkirche. Mit der aktuellen Grabung sind wir in dem Bereich, wo die Klostergebäude waren und sich der Kreuzgang befand», so Guido Lassau. Da das aktuelle Stadtcasino auf einer mehrere Meter dicken Aufschüttung stehe, seien darunter archäologisch wertvolle Schichten erhalten. Diese sollen nun Aufschluss geben über die frühe Besiedelung des Barfi, die diversen Stadtmauern, die Stadterweiterung des 13. Jahrhunderts und das im 19 . Jahrhundert abgerissene Barfüsser-Kloster. Die Archäologen erwarten, im ehemaligen Kreuzgang des Klosters auch auf Gräber zu stossen.

Die Welt der Handwerker

Eine rund 1,5 Meter dicke archäologische Schicht findet sich auch unter der erwähnten Einstellhalle des Spiegelhofs. Während des Baus des Gebäudes zwischen 1937 und 1939 sei diese Schicht kaum tangiert worden. Darum hoffen die Archäologen jetzt auf neue und spektakuläre Funde. Anlass zur Hoffnung gibt ein Handwerkerquartier aus dem 11. Jahrhundert, das beim Bau des Gebäudes rings um die Einstellhalle entdeckt worden ist. Damals gehörte Basel zum Herrschaftsbereich des römisch-deutschen Kaisergeschlechts der Ottonen. So war es Kaiser Heinrich II, der 1019 mit dem Heinrichsmünster den Vorgängerbau des heutigen Münsters stiftete. «Wir haben kaum schriftliche Quellen aus dieser Zeit», so Lassau. «Wir wissen wenig über die einfachen Leute. Hier haben wir aber ein Fenster in eine Handwerkersiedlung. So haben wir die Chance, mehr zu erfahren über die Vergangenheit, über Lebens-und Arbeitsbedingungen.» So seien die 1937 entdeckten hervorragend erhaltenen, rund tausend Jahre alten Hausgrundrisse aus Holz europaweit einzigartig. Gefunden wurden auch Spuren von Metall-, Glas-und Lederverarbeitung.

Schuhe aus dem Untergrund

Einzigartig sei auch der Fund von rund 1000 mittelalterlichen Schuhen. Erhalten geblieben seien Leder und Holz wegen des dauernd feuchten Untergrunds. So fliesse unter dem Spiegelhof eine unterirdische Quelle den Berg hinunter zum zugedeckten Birsig. Dank dieser natürlichen Bedingungen lässt sich also bald mehr erfahren über das Basel von vor 1000 Jahren, als die Stadt wuchs und erstmals Bedeutung als Handelsstadt gewann.

Noch mehr Leder und Holz?

Konservierung und Bergung der zu erwartenenden Funde – so etwa der Abtransport von ausgewählten massiven Bauhölzern und hunderten von kleineren Gegenständen – und die Auswertung der Funde dürfte die Archäologen lange beschäftigen. Und es gibt bald noch mehr: Bedeutende Funde erwarten die Archäologen auch bei einem Neubau des Amt für Umwelt-und Energie (AUE) gegenüber dem Spiegelhof. Über dieses Projekt wird dieses Wochenende abgestimmt.