Sind wir hier an der richtigen Adresse? Wird in diesem Mehrfamilienhaus im Basler Gundeli das «Avenue – Magazin für Wissenskultur» hergestellt? Kein Firmenschild, nichts Büroartiges. Wir zücken noch mal das iPhone, überprüfen die Eingabe auf Google Maps – und sehen in dem Moment der im fotografischen Stil gemalten Frau auf dem Magazin-Cover ähnlich, die vor einer Haustüre kauert und ihr Handy bedient.

«Wir Cyborgs» ist das Thema dieser allerersten, aktuellen Sommer-Ausgabe von Avenue. Das Handy ist heute eine nahtlose Fortsetzung unseres Körpers, eine technische Erweiterung unserer selbst – in dem Sinne sind wir alle Cyborgs, Hybride zwischen Mensch und Maschine. Doch was macht das mit uns? Oder wie die Redaktion im Editorial fragt: «Warum wollen wir heute nicht mehr unsere Umwelt, sondern uns selbst technisch verbessern? Wie hat Science Fiction uns auf das Cyborg-Dasein vorbereitet? Wie verändert Technik die Wahrnehmung unseres Körpers?» Mit solchen populärwissenschaftlichen Ansätzen will das neue Magazin einer breiten Leserschaft geisteswissenschaftliche Forschung zugänglich machen. Interessante Themen, wissenschaftlich fundiert – und trotzdem einfach geschrieben. Ohne akademisches Geschwurbel.

Eine Klingel ist mit Corinna Virchow angeschrieben, die Geschäftsführerin von Avenue. Sie und Chefredaktor Mario Kaiser bilden zusammen auch die Redaktion. Wir läuten. Im Gang stapeln sich Avenues. Im obersten Stock Schuhe in fünf Grössen. Virchow öffnet die Türe, ihr Haar ist noch nass. Kaiser ist am Telefon, wie so oft in diesen Tagen. «Schaut euch um, aber schaut bitte nicht zu genau hin», sagt Virchow, «wir und die drei Kinder sind alle Chaoten». Dieser Tage bleibt kaum Zeit zum Aufräumen. Sie sind ein Paar, sie sind das Heft. Nicht nur die Redaktion, auch Layout, Marketing und Vertrieb machen Corinna Virchow und Mario Kaiser selber. Hinzu kommt jemand für Lektorat und Korrektorat, die Autoren wechseln von Ausgabe zu Ausgabe.

Sind sogar die eigenen Pöstler

Für nichts sind sich die promovierten Geisteswissenschafter, die nebenbei an Unis und Hochschulen lehren, zu schade: Mit einem Handwägelchen, dessen Räder sich gern mal verselbstständigen, karren sie Magazine zur Post. Ein freundlicher Herr habe Ihnen einmal auf dem Gemsberg geholfen, ein Rädchen zurückzumontieren. Es war Kurt Aeschbacher. Am liebsten hätten sie ihn sogleich für einen ihrer Auftakt-Anlässe angestellt.

Avenue ist ein Start-up-Unternehmen. Da fängt man klein an. Auch wenn man es dem gedruckten Exemplar nicht ansieht. Es sieht nicht hausgemacht aus, sondern sehr professionell: Ansprechendes, leserfreundliches Layout, schöne Illustrationen – und anregende Inhalte, allem voran ein Interview mit Klaus Theweleit, der, etwa zum Thema IS, Sätze sagt wie: «Möglicherweise ist das auch eine Form von Cyborg-Sexualität, dieses: ‹Ich liebe mein Gewehr oder den gefilmten Tötungsvorgang mehr als meine Frau›».

Ein orangefarbener Kreis auf der Frontseite verkündet: Das Produkt hat bereits den Medienförderpreis der Akademien der Wissenschaften gewonnen. Nur die Millionengelder von Stiftungen lassen auf sich warten. Dafür müsse man sich erst bewähren.

In der Badewanne haben die beiden die Themen für ihre ersten acht Ausgaben gesammelt – vier sollen jährlich erscheinen. «Wir haben uns in die Wanne gesetzt und begonnen zu streiten», erzählt sie. Immer wieder haben sie heisses Wasser nachgelassen. «Als wir extrem verschrumpelt waren, hatten wir unsere Themen.» In der nächsten Ausgabe wird es um Hochstapler gehen, in der übernächsten um Pornografie. «Wir wollen zeigen, wie sich wissenschaftlich über solche Themen informieren lässt, ohne moralinsauer zu werden, ohne schlüpfrig zu sein. Aus unterschiedlichen Perspektiven, engagiert und distanziert.»

Glauben an das Potenzial

Es gibt wahrlich genügend Druck-Erzeugnisse, genügend Magazine. Doch das Paar ist überzeugt, eine Marktlücke im deutschsprachigen Raum ausgemacht zu haben: «Es gibt sehr viele naturwissenschaftliche oder technische Magazine, aber kein geistes- und sozialwissenschaftliches.» Natürlich gäbe es verwandte Produkte, von NZZ-Geschichte bis zum Magazin Philosophie. Aber Avenue vermittelt gesellschaftsrelevante Themen aus literaturwissenschaftlicher bis soziologischer Sicht.

Noch etwas macht Avenue besonders: Die Online-Debattenkultur wird produktiv in die Entstehung einer jeden Ausgabe integriert. Die Artikel erscheinen in einer ersten Fassung zunächst online — und jede und jeder, der mag, kann sie kommentieren, kritisieren, bereichern. Von Satz zu Satz. Im Heft schliesslich wird dieser Prozess sichtbar gemacht: Die Online-Beiträge samt den Reaktionen der Autoren werden neben die fertigen Texte gestellt. «Wissen ist ein Prozess, das möchten wir abbilden», sagt Mario Kaiser.

Die erste Ausgabe besteht aus 12'500 Exemplare. 10'000 sind an gezielte Adressen und Institutionen versandt worden. 350 Personen haben «Avenue» inzwischen abonniert, 50 Franken kostet das reine Jahresabo. Das Macher-Paar hofft auf «viel, viel mehr», hofft darauf, neben der Schweiz den Markt in Deutschland zu erobern. 6,5 Millionen Menschen hätten schliesslich einmal ein sozial- oder geisteswissenschaftliches Fach studiert. Allesamt potenzielle Leser, die nicht ganz aus dem Auge verlieren möchten, womit sie sich einst wissenschaftlich beschäftigt haben. Avenue biete ihnen und weiteren Interessierten angenehmes Gehirnjogging, etwa abends nach einem anstrengenden Tag auf der Couch verrichtbar.

Die beiden strahlen. Zwei Jahre und 40'000 Franken Privatvermögen haben sie bereits in das Projekt gesteckt. Stiftungen haben sie unterstützt, Anzeigenkunden hätten sie bereits viele, das Magazin sei «markttauglich». Nun hoffen sie, in vier bis fünf Jahren «auf dem grünen Zweig» zu sitzen. Mit mehr Mitarbeitern. Und man kann fast nicht anders, als mit diesen beiden sympathischen Menschen zu hoffen, dass ihre äusserst optimistische Prognose sich erfüllen möge.

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