Für Edibe Gölgeli ist der Handlungsbedarf offensichtlich. Und die Basler SP-Grossrätin weiss, wovon sie spricht, ist sie doch selber erwerbstätige Frau und Mutter. «In Zeiten des Fachkräftemangels und der gleichzeitigen Bemühungen, die Zuwanderung einzuschränken, ist das Ziel, Männer und Frauen bestmöglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, noch dringender geworden», sagt sie. Deshalb gehöre die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu den zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen.

Mit Unterstützung aus anderen Parteien reicht Gölgeli heute im Grossen Rat eine Motion zur Einführung von Tagesschulen ein. Konkret fordert sie die Regierung dazu auf, bis zum Schuljahr 2025 im Kanton vorerst jeweils eine Tagesprimarschule und einen Tageskindergarten zu schaffen. Nach einer Testphase sollen diese die nötigen Erkenntnisse liefern, um eine allfällige Einführung von einem Tagesschulangebot pro Schulkreis ins Auge fassen zu können.

Herausforderungen für Familien

Die SP nimmt damit einen neuen Anlauf: 2011 hatte Basel-Stadt die Einführung von Tagesschulen noch deutlich abgelehnt. Die Forderungen der Sozialdemokraten waren damals vielen zu radikal: Umwandlung der obligatorischen Primarschule in Tagesschulen – die Kinder sollten ergänzend zum Unterricht mindestens sechs Stunden inklusive Mittagessen betreut werden. Und das gratis.

2017 zählte Basel-Stadt verteilt auf 119 Tagesheime total 4030 Plätze. Unter dem Strich gab der Kanton 39 Millionen Franken für die Tagesbetreuung aus. Das Angebot ist vielfältig: Da sind Tagesstrukturen, Mittagstische mit und ohne Nachmittagsbetreuung, Tagis, Tagesferien – und Mischformen. Die einen haben in den Ferien geöffnet, andere sind geschlossen. Die «Tageswoche» schrieb kürzlich von einem «Flickenteppich aus kantonalen und privaten Angeboten» – ohne jedes Konzept. Das stelle die Familien vor grosse Herausforderungen, findet auch Grossrätin Gölgeli. Der Koordinationsaufwand ist gross. «Zudem wird das aktuelle Angebot der Vielfalt an familiären Lebensrealitäten und den entsprechenden Bedürfnissen nur ungenügend gerecht.»

Ein Anstoss für die Regierung

Es brauche eine Entlastung der Familien. Eine Lösung dazu wären Tagesschulen: Betreuung und Unterricht wären eine Einheit. Die Kinder sind stets am gleichen Ort, in der Schule. Und sie haben immer dieselben Bezugspersonen. Zudem: Die Kinder erhalten Hilfe bei den Hausaufgaben. Gölgeli schwebt eine gebundene Form vor, bei der Kinder verpflichtet sind, zum Beispiel an drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Stunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teilzunehmen. «Die Eltern aber können sich natürlich freiwillig dafür entscheiden», präzisiert sie.

Erziehungsdirektor Conradin Cramer zeigte sich bisher skeptisch gegenüber solchen Ideen. Stets verwies der LDP-Regierungsrat auf das Volks-Nein zur obligatorischen Tagesschule. Vorwürfe, das heutige System sei nicht familienfreundlich und ein Flickenteppich, lässt das Erziehungsdepartement nicht gelten und verweist auf Umfragen, die ein anderes Bild zeigten. Dennoch ist die Verwaltung daran, weitere Verbesserungen bei den Tagesstrukturen zu prüfen.

Doch SP-Grossrätin Gölgeli will nicht einfach nur zuwarten. Ihre Motion soll ein weiterer Anstoss auf diesem Weg sein. Immerhin verpflichte auch das Harmos-Konkordat die Kantone zu einem bedarfsgerechten, fakultativen Angebot zur Betreuung der Schüler ausserhalb der Unterrichtszeit. Gölgeli: «Es wäre deshalb wünschenswert, die Weiterentwicklung der Tagesstrukturen nicht zu verschleppen.»