Martin Dätwyler

Neuer Direktor der Handelskammer beider Basel: «Gundeli-Tunnel ist zum Symbol geworden»

Der neue Handelskammer-Direktor Martin Dätwyler zur Steuervorlage 17: «Wir brauchen jetzt den Dialog, vielmehr noch: Wir brauchen jetzt eine Lösung.»

Der neue Handelskammer-Direktor Martin Dätwyler zur Steuervorlage 17: «Wir brauchen jetzt den Dialog, vielmehr noch: Wir brauchen jetzt eine Lösung.»

Am Dienstag wurde Martin Dätwyler zum neuen Direktor der Handelskammer beider Basel gewählt. Im Interview spricht er über seine Aussichten, die Lobby-Arbeit des Verbandes und Entwicklungsfaktoren für die ganze Region Basel.

Herr Dätwyler, Sie waren bislang Stellvertretender Direktor der Handelskammer beider Basel. Ist diese Wahl jetzt ein Aufbruch oder geht es so weiter wie bisher?
Martin Dätwyler: Die Wahl ist ein Zeichen für beides. Das ist auch wichtig für die Handelskammer. Sie muss dynamisch bleiben, aber darf nicht vergessen, wo sie herkommt. Wichtige Dossiers verlangen Weiterentwicklung aber auch Beharrlichkeit über eine längere Zeit. Somit ist der Antritt also gleichzeitig ein Aufbruch, aber auch ein Zeichen der Stabilität.

Ihr Vorgänger und langjähriger Weggefährte Franz Saladin gratulierte Ihnen bereits über soziale Medien. Erhielten Sie auch eine persönliche Rückmeldung?
Er rief mich direkt nach der Vorstandssitzung an und gratulierte. In der Tat haben wir lange und gut miteinander gearbeitet. Wir stehen in sehr gutem Kontakt miteinander.

Der plötzliche Rücktritt Ihres Vorgängers trübte das Verhältnis also nicht?
Überhaupt nicht, nein. Das Verhältnis zwischen ihm und mir ist also tipptopp.

Die Handelskammer frischte sich an der Spitze auf. Erst wechselte das Präsidium zu Elisabeth Schneider-Schneiter, jetzt hat auch der Direktor gewechselt. Was hat die Handelskammer vor?
Unsere Rolle bleibt dieselbe. Wir sind erstens für die Interessensvertretung unserer Mitglieder zuständig, zweitens wollen wir Impulse in verschiedensten wirtschaftsrelevanten Themenfeldern geben und drittens sind wir Dienstleisterin für unsere Mitglieder, die wir darin unterstützen, damit sie wettbewerbsfähig bleiben.

In diesen Bereichen sind aber auch der basel-städtische Gewerbeverband und die Baselbieter Wirtschaftskammer tätig. Wie grenzen Sie sich da ab?
In zwei Merkmalen unterscheiden wir uns wesentlich. Erstens vertreten wir als bikantonaler Wirtschaftsverband Stadt und Landschaft und behalten die regionalen Themen stark im Fokus. Zweitens kommen unsere Mitglieder schwergewichtig aus den Bereichen Dienstleistung, Handel und Industrie.

Nun, die Handelskammer steht im Verdacht, besonders Big Pharma nahezustehen, also Interessensvertreter internationaler Konzerne mit Sitz in Basel zu sein.
Eine gute Gelegenheit, genau damit aufzuräumen: Blicken wir auf unsere Mitgliederstruktur, dann entspricht dies ziemlich genau dem, wie sich die Schweizer Wirtschaft präsentiert. Wir haben viele KMU unter unseren Mitgliedern, von Werbeagenturen bis zu Maschinen- und Anlagebauern, aber auch ganz grosse internationale Unternehmen. Es ist also sicher nicht so, dass wir nur die Big Pharma vertreten. Wir haben einen breiten Mitgliedermix.

Zu Ihrem Hintergrund: Ihr Dossier war lange Verkehr und Infrastruktur …
Genau, von dort komme ich thematisch her, aber in den vergangenen Jahren konnte ich noch ganz andere Dossiers als Leiter der standortpolitischen Abteilung behandeln und mitbetreuen.

Wo setzen Sie jetzt Ihre aktuellen Schwerpunkte als Direktor?
Auf jeden Fall in der Steuervorlage 17, die aktuell ja beraten wird. Deren Bedeutung für die regionale Wirtschaft kam auch an der Vorstandssitzung vom Dienstag deutlich zum Ausdruck. Wir können uns hier keine Experimente leisten. Es baucht schnell eine gute Lösung. Der Druck vom Ausland auf unsere Unternehmen nimmt stetig zu, weshalb das Parlament meiner Meinung nach eine grosse Verantwortung hat - genauso, wie es die regionalen Wirtschaftsverbände aber auch haben. Diese müssen sich jetzt zusammenraufen, eine gemeinsame Position einnehmen und die auch nach Bern tragen.

Sie spielen auf den Fehler im Abstimmungskampf zur Unternehmenssteuerreform III an, als die Verbände sich in ihren Forderungen nicht einig geworden waren.
Es wurde auch jetzt wieder kritisiert, dass eine Gruppe von Unternehmen ausschert und ganz harte Positionen einnimmt. Aber wir brauchen jetzt den Dialog, vielmehr noch: Wir brauchen jetzt eine Lösung.

Das ist die nationale Sicht. Kantonal hat in Basel-Stadt ja der Gewerbeverband bereits ein Umsetzungsmodell vorgelegt: Die Finanzreserven des Kantons schröpfen und Steuern senken. Hatten Sie schon Kontakt mit dessen Direktor Gabriel Barell?
Ja, und wir treffen uns in dieser Sache demnächst, gemeinsam auch mit dem Arbeitgeberverband. Wir machen uns ein Bild der Lage und gehen dann auf Regierungsrätin Eva Herzog zu.

Hat die Handelskammer schon eine Meinung?
Nein, noch nicht abschliessend. Wir kennen auch die aktuellen Pläne von Eva Herzog noch nicht im Detail. Wir stehen aber in Kontakt. Am 15. Mai laden wir zu einer öffentlichen Veranstaltung mit den Finanzdirektoren der beiden Basel, mit Eva Herzog und Anton Lauber, wo sie die kantonalen Umsetzungsvorlagen vorstellen. Wir stehen aber der Dividendenbesteuerung und der Erhöhung der Kinderzulagen ebenfalls kritisch gegenüber.

Zwei Stichworte zur regionalen Politik der HKBB unter dem neuen Direktor. Erstens: Der Gundeli-Tunnel. Die SP ficht derzeit in der bz ihre Meinungsverschiedenheiten zum Bau des Verkehrsprojekts aus. Die einen wollen ihn, die andern partout nicht.
Der Gundeli-Tunnel ist zu einem Symbol für die Entwicklung des Hochleistungsstrassennetzes geworden. Wir haben schon vor ein paar Wochen ein Dossier zu diesem Thema herausgegeben. Nebst dem dringlichen Projekt Rheintunnel, ist der Gundeli-Tunnel dort Teil eines geplanten Westrings, der die Stadt umschliessen soll, um Redundanzen zu schaffen. Für uns ist ganz klar: Der Tunnel ist nicht aus dem Netzbeschluss des Bundes zu nehmen, wie es eine SP-Motion verlangt. Die Planung eines dringend nötigen Hochleistungsstrassennetzes jetzt einfach im Keim zu ersticken, ohne Not, das kommt für uns überhaupt nicht infrage.

Zweitens: Der Bahnanschluss Euro-Airport. Frankreich drückte auf die Finanzbremse, die Realisierung scheint in ferne Zukunft zu rücken. Ein Rückschlag?
Nun ja, da haben wir den Eindruck, dass unsere Region zu pessimistisch reagiert hat. Es handelt sich derzeit lediglich um ein Expertengutachten in einem frühen Stadium. Der EAP kam nicht gut weg, das stimmt, aber wir sind nun umso mehr gefordert, den Anschluss in Paris politisch einzufordern. Was auch passiert ist – bis auf Bundesebene. Da wurde auch deutlich, wie stark die Region danach verlangt. Ich bin nach wie vor sehr positiv eingestellt, dass der Anschluss kommt, dass wir eine Lösung finden werden. Jetzt bringen sich die Schweiz und Frankreich in Position, um die Finanzierungsfragen zu klären. Was aber bereits klar ist: Dieser Anschluss hat einen gewaltigen Impact auf die Region.

Zum Schluss: Wie wird die Region Martin Dätwyler als neuen Direktor der Handelskammer beider Basel wahrnehmen?
Man wird ihn als sehr offenen, dialogfähigen Handelskammer-Direktor wahrnehmen, der grossen Wert darauf legt, dass die Positionen der Handelskammer fachlich den Bedürfnissen der Mitglieder entsprechen, dass die Debatten sachorientiert bleiben, dass wir über den Tellerrand blicken und regional sowie international denken. Und unter Einbezug dessen entsprechend agieren, einerseits direkt hier an der Basis, andererseits aber auch in Bundesbern.

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