Herr Stalder, worüber sprechen wir?

Über «Fremde».

Sie sind Kleinbasler durch und durch, sind im Vogelgryff-Spiel und in den Drei Ehrengesellschaften, waren bis unlängst Projektmanager beim Tattoo. Meiden Sie das Fremde?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe zwar nie woanders gewohnt und das Kleinbaslerische ziemlich eingeimpft bekommen von meinem Vater und meinem Götti, bin von Kindesbeinen an engagiert. Ich kenne nichts anderes und dadurch, dass ich bei den Drei Ehrengesellschaften bin, stellt sich die Frage eines Wegzugs gar nicht. Es war auch sehr härzig, dass meine Freundin fand, sie würde stets mit mir im Kleinbasel wohnen, und der Meinung war, das sei doch kein Problem.

Haben Sie schnell Heimweh, wenn Sie weggehen?

Im ersten Ferienlager war es furchtbar schlimm. Ich habe wahnsinnig «däubelet», obwohl ich mit meinem Bruder und meiner Gotte da war. Letztlich konnte man mich mit den Heimweh-Smarties beruhigen. Daran habe ich so fest geglaubt, dass das Heimweh plötzlich weg war. Heute habe ich eher Fernweh, bin also beileibe nicht der Hardcore-Kleinbasler, der nie einen Schritt übers Käppelijoch wagt.

Wie lange waren Sie schon weg von Zuhause?

Zweimal war ich mit Top Secret einen Monat in Edinburgh am Tattoo. Aber so mutig war das auch nicht, denn da war ich ja mit zwanzig Baslern unterwegs (lacht).

Immerhin: Beruflich haben Sie den Sprung über den Bach geschafft, vom Projektmanager des Tattoo zum Geschäftsführer im L’Unique. Ist Ihnen nicht bange, mit 27 Jahren schon ein Lokal zu übernehmen?

Das wurde ich jetzt schon mehrmals gefragt. Ich sag allen: Nein, das ist doch kein Problem. Aber das sind nur Phrasen, vielleicht, weil ich mir ungern in die Karten blicken lasse. Ich spiele oft meine Nervosität runter, um nicht zu zeigen, wie es in mir drin aussieht. Ich bin ehrlich gesagt froh, wenn endlich ein Alltag entsteht und ich stetig Verbesserungen machen kann. Aus der Eventbranche habe ich die Erfahrung, dass alles am Tag X bereit sein muss. Hier muss jeden Tag alles bereit sein. Ja, das ist etwas angsteinflössend.

Können Sie abends gut einschlafen?

Ich bin sowieso einer, der erst todmüde ins Bett geht, schaue Netflix, bis mir die Augen zufallen. Oder wenn ich leicht angetrunken bin, dann funktionierts auch gut.

Wovor haben Sie am meisten Angst?

Wenn ich einen Event organisiert habe, konnte ich alle Szenarien durchgehen. Das ist ja jetzt überhaupt nicht mehr möglich, wenn hier täglich etwas los ist. Ich habe beispielsweise auch überhaupt nicht gern Überraschungen. Wenn jemand sagt, wir machen eine Reise, dann will ich wissen, wohin.

Sind Sie ein Kontrollfreak?

Ja, als ich umgezogen bin mit meiner Freundin, habe ich ein fünfseitiges Skript erstellt, was wann und wie gezügelt werden muss. Wobei ich sagen muss: cholerisch werde ich nicht, wenn etwas nicht nach Plan läuft.

Wie fremd ist Ihnen die Subkultur, in die Sie beim L’Unique reingeworfen werden. Alles dreht sich hier um Rock. Sie selber haben sich als Tambour einen Namen gemacht.

Ich bin sehr gefühlsmässig unterwegs, höre gerne die schweren, schnulzigen Songs. Wenn ich Leute zu Besuch habe und ich grade meine Musik laufen lasse, fragen sie mich oft: Bist du traurig? Aber nein, ich mag das einfach. Ich bin überhaupt nicht Fan der heutigen DJ-Musik, weil mir das Instrumentale fehlt. Insofern verbindet mich einiges mit dem Rock ’n’ Roll. Hier werden die Instrumente noch gespielt und nicht nur Tasten gedrückt. Es ist echt.

Was bedeutet für Sie Rock’n’Roll?

Es steht für mich für etwas Anarchisches. Eine lustige Diskussion hatte ich mit dem L’Unique-Besitzer Andy Ibach. Als ich gesagt habe, die Bar gefalle mir nicht und wir sollten sie umbauen, hat er erwidert: Doch, das ist Rock ’n’ Roll. Was will man da noch sagen? Was Rock ’n’ Roll ist, kann man nicht erklären, weil es jeder für sich anders auffassen kann.

Rock ’n’ Roll steht aber auch für Chaos und vor allem auch dafür, in den Tag hinein zu leben …

… ja, das kommt ja auch auf mich zu als Geschäftsführer einer Bar. Mir kommt das entgegen, denn ich funktioniere nachts besser als am Tag. Mit dem Chaos habe ich schon mehr Mühe, aber ich bin mir sicher, dass ich mich arrangieren kann, wenn hier eine Party steigt. Solange alles im Rahmen bleibt, natürlich.

Sie waren Projektmanager beim Tattoo, alles lief in geordneten Bahnen, die Sie doch lieben. Warum haben Sie sich entschieden, etwas völlig Neues anzupacken?

Ich war fünfeinhalb Jahre dort gewesen, ich mochte den Job wirklich. Aber irgendwann wurde Zeit, auszubrechen, den Fächer aufzumachen. Diesen Horizont hat man beim Tattoo nicht. Das ist jedes Jahr copy/paste.