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Neuerscheinungen im Dreiland: Ein Reiseführer zur Fasnacht ohne Grenzen

Ein liebevoll gestaltetes, kenntnisreiches Buch über das Fasnachtsfieber im Dreiland, vier originelle Führer, ein City-Guide und ein Essay zu Franzosen und Deutschen.

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Der Basler Morgenstreich.

Der Basler Morgenstreich.

Fredi Prack

Wer sich auch nur entfernt für die Fasnacht interessiert, wird mit Freude und teilweise Erstaunen das fakten- und kenntnisreiche Buch von Edith Schweizer-Völker zur Fasnacht ohne Grenzen, den Maskeraden im Dreiland, studieren.

Zur Autorin heisst es in der Einleitung von Dominik Wunderlin, Vizedirektor am Museum der Kulturen Basel: «Sie hatte als Baslerin und lange aktive Fasnächtlerin schon vor langer Zeit das Bedürfnis entwickelt, auch das Maskenwesen ausserhalb der Stadt kennen zu lernen und zu verstehen. Die Früchte dieser letztlich unzähligen Begegnungen mit dem fasnächtlichen Brauchgeschehen der Regio bringt uns die Autorin in diesem Buch näher.»

Dabei habe jede Fasnacht ihre Besonderheiten, sei eigenständig in ihrem Verlauf, bei den zu beobachtenden Brauchelementen, schreibt Wunderlin weiter. Die Übersichtskarte am Anfang des Buches zeigt, dass sich Edith Schweizer-Völker beim Verfolgen der unterschiedlichen Bräuche teils bis weit nördlich von Freiburg im Breisgau in den Schwarzwald vorgewagt hat.

Das Buch beginnt allerdings mit den beiden Laufenburg und den beiden Rheinfelden, wo die Fasnacht grenzübergreifend statt findet. So soll die älteste Holzlarve aus dem ganzen südwestdeutschen Raum vermutlich ein Laufenburger Narrone mit barocken Gesichtszügen aus dem späten 17. Jahrhundert sein.

Schwerpunkt liegt in Südbaden

Liebevoll illustriert wurde das Buch vom Grafiker und Laternenmaler Fredy Prack – die Wahl, sich für seine Illustrationen statt für Fotos zu entscheiden, macht es auch zu einem ästhetischen Vergnügen, die Texte zu lesen. Der Schwerpunkt liegt dabei mit 15 beschriebenen Orten und Fasnachtsbräuchen eindeutig in Südbaden.

In der Nordwestschweiz werden Basel, Pratteln, Liestal, Sissach, Möhlin und Biel-Benken besprochen. Zu Basel schreibt die Autorin: «Eine Art kollektive Meditation scheint überhand zu nehmen, bei der der Blick nach innen gerichtet ist.

Das unterscheidet Basel wohl am bedeutendsten von anderen Fasnachtsstädten. Den künstlerisch eigensinnigen Charakter hat die Basler Fasnacht allerdings erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelt.»

Zum Chienbäse-Umzug in Liestal heisst es, dass er grosse Mengen von Schaulustigen aus dem In- und Ausland anziehe. «Das kommt nicht von ungefähr, haben doch die Liestaler ihren Feuerkult in pyromanischer Übermut zu einem Spektakel entwickelt, das kaum zu überbieten ist, und an dem sich auch freie Gruppen aus der Region beteiligen. Das gleichzeitig auf einer Anhöhe brennende Fasnachtsfeuer wird dabei ganz ins Abseits gedrängt, obwohl es doch eigentlich am Ursprung des Brauchs stand.»

In Freiburg im Breisgau sei die Fasnacht erstmals 1283 erwähnt, der erste grosse Umzug habe 1844 stattgefunden. Als Hochburg der alemannischen Fasnacht bezeichnet Edith Schweizer-Völker Bad Säckingen.

Noch näher bei Basel werden natürlich auch die Bräuche in Weil am Rhein und Lörrach besprochen. Beim Bericht über Elzach, nördlich von Freiburg, macht allein schon das farbenprächtige Bild vom Gewühl am Schuttig-Umzug Lust dabei zu sein.

Bunte Narre Obe macht Furore

Im Elsass schwärmt die Autorin von Riespach, einem kleinen beschaulichen Dorf im Sundgau mit rund 700 Einwohnern. «Wer daran vorbei fährt ahnt nicht, dass sich hier eine unglaubliche Fasnachts-Hochburg verbirgt», bei der vor allem der «Bunte Narre Obe» in der ganzen Region Furore mache. Bräuche in sieben Orten beschreibt Schweizer Völker im Elsass – illustriert ist nur einer.

Zum Abschluss schreibt sie unter dem Titel «Überholte Bräuche?», sie würden einem emotionalen Bedürfnis entsprechen. «So mag das Ritual seinen ursprünglich kultischen Zweck längst verloren haben – seine soziale Rolle bleibt erhalten und wird unter Umständen mit neuen Inhalten gefüllt.

In den letzten Jahren haben Volksfeste und -bräuche grossen Aufschwung bekommen, und Kreative lassen sich von ihnen inspirieren zu ganz neuen Aktionen und Performances.

Man sucht wieder nach den Wurzeln und pflegt gleichzeitig seine Kontakte im globalisierten Raum. Feste und Bräuche liefern Anregungen dazu.» Ein Veranstaltungskalender schliesst das Buch ab. Die Termine sollten auf den Internetseiten der jeweiligen Gemeinden kontrolliert werden; sie werden hinter jedem Artikel angegeben.

Fasnacht ohne Grenzen Edith Schweizer-Völker, Illustrationen Fredy Prack, IL-Verlag, Basel 2015, 29 CHF.

Fasnacht ohne Grenzen Edith Schweizer-Völker, Illustrationen Fredy Prack, IL-Verlag, Basel 2015, 29 CHF.

bz

111 Orte, die man in Freiburg, Basel, im Elsass oder im Schwarzwald gesehen haben muss

Das Konzept ist überzeugend. Seit 2008 produziert der deutsche Emons-Verlag die Reihe «111 Orte, die man gesehen haben muss». Dabei «stehen nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten im Vordergrund, sondern es werden geheime Plätze, versteckte Kleinode, geschichtsträchtige Stellen, stille Oasen, aber auch skurrile unbekannte, dubiose Orte zum Staunen vorgestellt», so die Medienmitteilung.

«Die Bände stellen Geheimtipps vor und erzählen spannende Anekdoten, die selbst für Einheimische so manche Überraschung bereithalten», heisst es weiter. Der Anspruch ist hoch. Wir haben uns die letztlich erschienen Bände zu Freiburg im Breisgau, dem Schwarzwald, dem Elsass und Basel angeschaut und können sagen: er wird erfüllt.

Zu jedem der pro Buch ausgewählten 111 Orte gibt es eine Doppelseite. Eine Seite Text mit Erklärungen und und ein grosses Foto mit Zusatzinformationen zur Anfahrt und Lage und einem Extratipp. Die Orte folgen einander in alphabetischer Reihenfolge, am Ende jeden Buches gibt es eine Karte.

Im Elsass im Baumhaus schlafen

Beginnen wir mit dem Band zum Elsass. Da kann man in der Nähe von Ribeauvillé in Baumhäusern übernachten, in Bennwihr eine kleine Seifenmanufaktur besuchen, an die Moselquelle reisen oder in Dannemarie im Sundgau den grossen Eisenbahn-Viadukt von 1860 bewundern, auf dem noch heute der TGV von Mulhouse nach Paris fährt. 43 Rundbögen hat er auf einer Länge von fast 500 Metern und wurde während verschiedener Kriege vier Mal zerstört und wieder aufgebaut.

In Erstein lockt die Kunsthalle Würth oder in Bussang das Théâtre du Peuple und in Graufthal im Nordelsass wohnte man bis 1958 in Höhlenwohnungen. In Strassburg wurde eine Endhaltestelle des Trams von der Stararchitektin Zaha Hadid gebaut und in den Vogesen kann man bei La Bresse auf einer Kabelbahn wie ein Vogel fliegen. Natürlich sind manche der Tipps arg weit weg von Basel, aber spannend zu lesen bleiben die Geschichten allemal.

Alter Friedhof in Freiburg

Auch der Band über Freiburg im Breisgau ist sein Geld wert. Da liest man vom ältesten deutschen Friedhof, der als Ganzes erhalten blieb und auf dem von 1683 bis 1872 Beisetzungen stattfanden, da erfährt man von einer alten Lokhalle oder einer Tiefgarage mitten in der Stadt, in der der elsässische Aktionskünstler Raymond Waydelich Autowracks hinter dicken Glasscheiben versorgte.

Dann gibt es da eine Velozählstation, einen Bunker, in dem Pilze gezüchtet werden und so manche Tipps für Beizen und Cafés, ob das nun in der alternativ-linken Spechtpassage oder im bürgerlich-altmodischen Café Schmidt ist, wo die Tortenschlachten in einem Haus von statten gehen, das seit 1520 in der Hand von Bäckern und Konditoren war.

Das Waldsee am Stadtrand ist eine Kultkneipe mit Tradition und der in Freiburg berühmte Käsekuchenstand von Stefan wird von den Kunden auf dem Münstermarkt belagert – wohlgemerkt handelt es sich hier um süssen, deutschen Käsekuchen.

Riesentanne im Schwarzwald

Im Band über den Schwarzwald geht es, wie der Titel schon sagt, um 111 Schätze der Natur, die man gesehen haben muss. Da gibt es bei Baden-Baden einen Luchspfad, das Bühlertal lockt wegen seiner Schönheit und der Feldberggipfel ist mit 1493 Metern der höchste Punkt des Mittelgebirges.

Im Südschwarzwald findet sich bei Grafenhausen die Danielstanne, die mit fast 400 Jahren älteste Weisstanne: 43 Meter hoch. Sie hat einen Durchmesser von 1,71 Metern und einen Umfang in Brusthöhe von stattlichen 5,30 Metern.

Der weisse Hirsch, der als Skulptur an einer Engstelle des Höllentals bei Kirchzarten steht, erinnert an einen mittelalterlichen Vorgänger, der die damals neun Meter Breite überwunden haben soll, um einem Jäger zu entkommen. Mit dem Nonnenmattweiher, Schluchsee und Titisee kommt das Wasser zu seinem Recht. (psc)

Kein Reiseführer über Base

Selbst, wenn dem Basler im Buch über seine Stadt etliche Orte bekannt sein sollten, auch hier hebt sich die 111-Orte-Reihe wohltuend von normalen Reiseführern ab. Da wird das Geschäft «1Fach» im Gundeli vorgestellt, wo Künstler für den Verkauf ihrer Produkte ein Fach anmieten können, das Projekt der Stiftung Habitat in der Aktienmühle thematisiert – oder man erfährt, warum das Büroboot im Hafenbecken 1 nicht bewohnt werden darf.

Weitere Themen: Der Jazzcampus in der Utengasse, Wo/Men’s Wear der Designerin Claudia Güdel, das französische Restaurant La Fourchette in der Klybecks- oder die Landestelle an der Uferstrasse.

Die Markthalle hat ebenso den Weg in das Buch gefunden, wie der von einer Textildesignerin gegründete Laden Matrix in der St. Johanns-Vorstadt oder das Stellwerk beim Bahnhof St. Johann. (psc)

111 Orte Emons-Verlag 2015, Basel, Elsass jeweils ca. 21,90 Franken, Freiburg, Schwarzwald jeweils ca. 19,90 Franken.

111 Orte Emons-Verlag 2015, Basel, Elsass jeweils ca. 21,90 Franken, Freiburg, Schwarzwald jeweils ca. 19,90 Franken.

bz

Frankreich bleibt eine Monarchie

In seinem Essay «Der lutherische Urknall – Die Franzosen und die Deutschen» analysiert der Autor und Filmemacher Martin Graff kenntnisreich und kurzweilig die Beziehung zwischen den beiden ehemaligen Erzfeinden Deutschland und Frankreich. Für Graff ist Frankreich trotz der Französischen Revolution eine katholische Monarchie geblieben. Die Grundthese: «Die Franzosen haben den lutherischen Urknall verpasst. Deshalb fehlen ihnen die deutschen Energiemoleküle. Ausserdem haben sie im Namen der katholischen Scharia die Hugenotten umgebracht oder aus dem Land gejagt.»

Graff war früher Pastor

Martin Graff stammt aus dem Elsass, ist perfekt zweisprachig und arbeitet für Medien in beiden Ländern. Er hat in Strassburg fünf Jahre an der evangelischen Theologischen Fakultät verbracht und selber früher als reformierter Pastor gearbeitet.

Zudem ist sein Vater als Zwangseingezogener durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg gefallen – Graff ist geradezu prädestiniert, das Buch zu schreiben, in dem auch das Elsass eine wichtige Rolle spielt.

Wussten Sie, dass Jean-Paul Sartre der Sohn einer Cousine des elsässischen Nobelpreisträgers Albert Schweitzer war? Der Protestantismus kommt in Frankreich praktisch nicht vor, gehören doch gerade zwei Prozent der Franzosen dieser Glaubensrichtung an – im Elsass sind es acht Prozent.

Für Graff äussern sich die Unterschiede zwischen den beiden Ländern nicht nur im politischen System und der Bildung der Regierung, sondern auch im Auftreten der beiden politischen Hauptverantwortlichen François Hollande und Angela Merkel. Während der französische Staatspräsident in einem Interview zu den Europawahlen kein Wort zum Thema, aber dafür sage und schreibe 183 Mal «je», also ich sagt, sind die Auftritte der deutschen Bundeskanzlerin sehr viel zurückhaltender.

Die Bedeutung Luthers sieht Graff darin, dass er den Zugang zur Bibel schaffte. «Wenn jeder von uns die Bibel lesen und interpretieren darf und kann, werden Kräfte freigesetzt, die sonst unter dem Mantel der Autorität, damals der römischen Autorität, ersticken.»

Ausführlich widmet sich der Autor auch Europa und der Frage des Islams. Während es in Deutschland schon mehrere Islamtheologische Fakultäten gibt, ist ein ähnliches, für Frankreich erstes Projekt, in Strassburg noch immer nicht umgesetzt.

Dies, obwohl schon vor 20 Jahren darüber diskutiert wurde. Dabei setzt sich Martin Graff mit Nachdruck dafür ein, dass der Koran wie das Evangelium hinterfragt werden kann. «Dies ist die Aufgabe der Theologie. Die Erklärung der Menschenrechte ist unsere Bibel. Allein sie erlaubt allen, in Frieden zu leben.»

Das Buch endet mit einer erfundenen Reise nach Deutschland mit dem Ex-Minister und «Deutschenfresser» per excellence Arnaud Montebourg – Menschen, Preise, Orte und Situationen sind echt. Wirklich bekehren lässt Montebourg sich aber nicht. (psc)

Der lutherische Urknall Martin Grafff, Morstadt-Verlag, Kehl 2015, 222 Seiten, ca 32,50 Franken.

Der lutherische Urknall Martin Grafff, Morstadt-Verlag, Kehl 2015, 222 Seiten, ca 32,50 Franken.

bz

Fast zu viele Adressen und Tipps

Die Führer «petit futé» sind in Frankreich populär und bieten eine Fülle von Adressen von Restaurants, Geschäften und Dienstleistern – geben Ausgehtipps und stellen Kulturangebote und Museen vor. Futé heisst auf Deutsch findig, pfiffig oder schlau.

Vor kurzem ist der neue City Guide zu Mulhouse/Sud-Alsace erschienen, erstmals erweitert um einige Seiten zu Basel und Freiburg im Breisgau. Auf den ersten Seiten (Les futés de l’année) werden einige Adressen besonders empfohlen.

Bei den Restaurants wird nach Anfang, Mitte oder Ende Monat unterschieden – will heissen, Ende des Monats wird das Geld knapp und die vorgestellten Beizen sind günstig, am Anfang ist die Geldbörse voller, also kann die Beiz auch teurer sein.

Zu gebrauchen ist das Buch vor allem als Nachschlagwerk für Adressen für Leser, die einen Ausflug nach Mulhouse planen, zudem ist der Führer auf Französisch erschienen.

Kennt man sich nicht aus, wird man von der Fülle der Informationen fast erschlagen. Das Setzen von Prioritäten fehlt oft.
Bei den Seiten zu Basel ist der Führer ausserdem nicht ganz aktuell.

So erfährt man nicht, dass das Hotel Hilton derart samt Salsa-Club abgerissen wird und auch die momentane Schliessung des Kunstmuseums wird nicht erwähnt.

Wenn man das als Kinderkrankheiten eines neuen Konzepts abbucht und dies als Bewohner der Region Basel sowieso weiss, und sich, wie gesagt, gerne in Mulhouse aufhält, macht der Kauf des Führers doch Sinn. (psc)