Susanna Piccarreta und Andrea Blick beschlossen letzten Sommer, gemeinsam eine Perückenmacherei zu eröffnen. Diesen Samstag eröffnen die beiden Maskenbildnerinnen ihre Haarwerkstatt – und Menschen mit Haarausfall neue Perspektiven.

Wer die Haarwerkstatt von Andrea Blick und Susanna Piccarreta betritt, wird von Modelköpfen aus Holz begrüsst. Nach den letzten Einrichtungsarbeiten werden sie Perücken in unterschiedlichsten Farben und Formen aufgesetzt bekommen, die auf Trägerinnen warten. Ein Fixpunkt im Raum ist eine Kommode mit vielen kleinen Schubladen: Der Haarschrank. Dieser soll sich bald füllen. Pünktlich zur Eröffnung ihres Geschäfts haben Blick und Piccarreta den ersten Basler Haarspendetag initiiert.

Wer sich am 5. Mai an der Holbeinstrasse 47 zwischen 10 und 16 Uhr mindestens 20 Zentimeter Haar abschneiden lässt, bekommt auf Wunsch kostenlos einen neuen Haarschnitt und ein Vorher-Nachher-Porträt. Die gespendeten Haare werden für neue Perücken genutzt, aber auch für Haarteile und die Aufwertung von Perücken. Während beispielsweise in Deutschland Haarspenden einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind, ist das in der Schweiz anders: «Sogar viele Friseursalons wissen nicht, dass Haare auch gespendet werden können.

Bisher fehlte dazu in Basel eine Anlaufstelle. Das möchten wir ändern», so Blick. Die Haarwerkstatt nimmt nicht nur am Samstag Spenden entgegen, sondern auch im Alltagsbetrieb. Die Spenden kommen direkt den Kundinnen von Blick und Piccarreta zugute, der grösste Teil von ihnen leidet an krankheits- oder altersbedingtem Haarausfall.

50 Stunden für eine Perücke

Die Herstellung einer Perücke ist sehr aufwendig. Zuerst wird ein Kopfabdruck des späteren Trägers erstellt. Am Abdruck wird der Unterbau, Montur genannt, konstruiert. In diesen werden die Haare hineingeknüpft. Diese Arbeit nimmt ungefähr fünfzig Stunden in Anspruch. Zum Schluss wird die Perücke noch geschnitten und frisiert. Der Hauptfokus der Haarwerkstatt wird aber darauf liegen, vorhandene Perücken zu individualisieren. Das heisst: Strähnchen einknüpfen, färben, Perücken einen neuen Schnitt verpassen, Grösse und Sitz anpassen oder verlorene Haare ersetzen.

Nicht nur bei Farbe und Schnitt ist es wichtig, eine auf die Kundin abgestimmte Lösung zu finden – auch die Haarmenge ist ein zentraler Faktor für ein stimmiges Gesamtbild. Ausserdem können die beiden Frauen mit Schminkberatung auftrumpfen. Da die Chemotherapie auch die Augenbrauen angreift, sind die beiden zur Stelle, wenn es beispielsweise um Techniken geht, wie Augenbrauen nicht aufgemalt aussehen.

Ein seltener Beruf

Für viele Menschen geht mit Haarausfall eine massive Beeinträchtigung der Lebensqualität einher. Trotzdem ist der Begriff «Perücke» oft negativ besetzt. Zu tief verankert sind die Bilder von schlecht sitzenden Toupets. «Unser Ziel ist es, den Gestaltungsprozess, aber auch die Perücke selbst, zu einem angenehmen Erlebnis zu machen. Wir möchten den Begriff positiv besetzen» erklärt Susanna Piccarreta. Perücken können das Selbstbewusstsein und die Lebensqualität ihrer Trägerinnen verbessern. Das sei ihr Antrieb, sagen Blick und Piccarreta.

Perückenmacherinnen gibt es immer weniger. Gründe sind neben Veränderungen der Verwendung auch Auslagerungen der Produktion ins Ausland. Eine Ausbildung zur Perückenmacherin gibt es in der Schweiz nicht mehr. Machten früher bei der Ausbildung zum Coiffeur die Perücken einen grossen Teil aus, sind sie heute unwichtig. Einzig in der Ausbildung und Arbeit von Maskenbildnern sind Perücken je nach Arbeitsumfeld ein wichtiger Bestandteil.

Piccarreta und Blick sind sich der schwindenden Bedeutung des Berufes bewusst, gleichzeitig aber überzeugt, mit ihrer Arbeit eine Lücke zu schliessen und viele Leben positiv zu beeinflussen.