Jodlerklub

«Nichts Schöneres als eine singende Stadt» – 2020 findet das Eidgenösische Jodelfest in Basel statt

Die Musiker Dina Jost und Thomas-Maria Reck interpretieren das «urbane Jodeln» als Kunstform. Dazu haben sie selbst eine «moderne Basler Tracht» entworfen.

Die Musiker Dina Jost und Thomas-Maria Reck interpretieren das «urbane Jodeln» als Kunstform. Dazu haben sie selbst eine «moderne Basler Tracht» entworfen.

In einem Jahr findet das Eidgenössische Jodelfest in Basel statt: Die bz wirft einen Blick in die bunte, gar nicht so kleine «Insiderszene» der Stadt, vom traditionellen Jodlerklub bis zum «urbanen Jodeln».

Die Gäste der abendlichen Veranstaltung im Kulturraum Gelber Wolf haben ihre Suppe ausgelöffelt und warten gespannt auf den nächsten Programmpunkt: Dina Jost und Thomas-Maria Reck betreten den kleinen Saal. Sie trägt ein schwarzes schmales Kleid mit weissen Falten über einer weissen Bluse sowie einen kammartigen Kopfaufsatz mit gesässlanger schwarzer Schleife, er ein weisses Hemd mit Goldsaum unter einem schwarzen Gilet mit tiefem Ausschnitt sowie schwarze Hosen.

Und sie beginnen zu jodeln, noch bevor sie durch das Publikum auf die Bühne gelangt sind, er als erstes; sie stimmt mit ein. Sie singen einen Naturjodler, lassen ihn einmal nach Ruf und Antwort klingen, ein ander mal nach einem Duett. Das zweite Stückchen auf der Bühne ist ein österreichischer Jodler, wie Reck ankündigt, und ganz offensichtlich dazu da, das Publikum zu amüsieren – erfolgreich. Auch beim dritten Stück machen die Zuhörer singfreudig mit: Reck instruiert die Männer, die Begleitstimme zu singen, Jost die Frauen.

Das wars: Unter Applaus verlassen Jost und Reck Bühne und Saal. Für das Jodlerduo «Echo vo dr Feldbergstrooss» aus dem Kleinbasel war dies kein typischer Auftritt, aber dennoch ein voller Erfolg: Denn nur als Einsprengsel im Programm war er von den Veranstaltern auch gedacht. Viel öfter wird das Echo vo dr Feldbergstrooss zum Beispiel zu Familienfeiern jeder Art eingeladen: Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen. «Wir können zum Teil dieselben Stücke auf Hochzeiten und Beerdigungen singen», sagt Reck, «jeweils in unterschiedlicher Klangfarbe.» Ihm gefalle diese «emotionale Ambivalenz» der Stücke. Aus diesem Grund singt das Duo fast ausschliesslich textlosen Naturjodler: «So bleibt das Stück inhaltlich offen.»

Dina Jost und Thomas-Maria Reck im Gelben Wolf Ihr Auftritt ist humorvoll aber seriös.

Dina Jost und Thomas-Maria Reck im Gelben Wolf Ihr Auftritt ist humorvoll aber seriös.

Viele Stücke komponieren Jost und Reck selbst. Denn auch bei Naturjodlern werde keineswegs improvisiert, sondern ein fester Ablauf befolgt. Mit ihren Kompositionen bestreiten Jost und Reck auch ganze Konzerte; ihr bisher grösster Auftritt war der Fernsehgottesdienst am letztjährigen Pfingstsonntag in der Elisabethenkirche, wofür sie eine eigene Jodlermesse komponierten. Doch den beiden geht es nicht nur um grosse Auftritte. Wie sie «urbanes Jodeln» wirklich verstehen, zeigen sie, wenn sie einfach auf der Strasse oder in Parks singen oder den «Klangraum auschecken», wie Jost das Singen unter Brücken und in Unterführungen nennt. «Wir beschallen alles, was da ist», sagt Reck.

Das erste Jodlerfest war 1924

Fasnacht, Tattoo, Tinguely – die Kulturstadt Basel ist für vieles europaweit bekannt. Jodeln werden die meisten wohl eher nicht mit der Stadt in Verbindung bringen. Und doch darf Basel in einem Jahr, vom 26. bis 28. Juni 2020, das 31. Eidgenössische Jodlerfest austragen. Das ist selten genug, aber nicht das erste Mal: Ausserhalb der Jodlerszene dürfte das kaum jemand wissen; aber Basel war 1924 Gastgeber des ersten Schweizer Jodlerfests überhaupt.

Entsprechend betont Silvia Meister, Präsidentin des Nordwestschweizer Jodelverbands (NWJV) aus Matzendorf SO, dass Basel keineswegs so unbedeutend fürs Jodeln sei, wie vielleicht auch viele Basler dächten. Basel sei schon in den 1910er-Jahren das Zentrum des Jodelns in der Nordwestschweiz gewesen. Heute seien die Aktivitäten in den vier Kantonen des Unterverbands des Eidgenössischen Jodler-Verbands (EJV) gleichmässig verteilt – ebenso die Nachwuchsprobleme. Meister ist persönlich in die Organisation des Basler Jodlerfests involviert, ebenso wie Willi Meuwly. Er ist Präsident des Jodlerclubs «Echo Basel» von 1934.

Seit 33 Jahren jodelt Meuwly in Basel und hat in dieser Zeit 14 Klubs verschwinden sehen. «Die Szene in Basel ist klein», sagt er mit Blick auf die heutige Situation. Deshalb sei es schwierig gewesen, die Basler Jodler von der Ausrichtung des Fests zu überzeugen. Doch auch er bestätigt den guten Ruf der Basler Jodler, vor allem aber der Baselbieter: Neben vieren der fünf verbliebenen Basler Jodelchöre, Echo Basel, Alphüttli Basel, Stadt-Jodler Basel-Riehen und dem Ersten Frauen-Jodel-Chörli Basel, sind auch die Jodlerklubs aus Muttenz und Gelterkinden im OK vertreten.

Wo es in Basel Jodelkonzerte gibt

Die Situation des Jodelns in Basel lässt sich am besten als Insiderszene bezeichnen. «Die Interessierten wissen, wo sie in Basel Jodel hören können; die Veranstaltungen sind gut besucht», sagt Meuwly. Das Echo Basel hat ein Jahreskonzert und singt am Basler Schwingertag, in Altersheimen und auf privaten Feiern oder Firmenanlässen. Dennoch sei die Szene in der Öffentlichkeit nicht sonderlich bekannt; dafür gibt es laut Meuwly noch nicht genügend Veranstaltungen. Die Hoffnung von Echo Basel ist, bis zum Jodlerfest einige neue Projektsänger zu gewinnen.

Jost und Reck sind beide keine gebürtigen Basler: Sie kommt aus Gerzensee im Bernbiet, er aus Altstätten im Rheintal. Sie sind beide Künstler und interpretieren das Jodeln entsprechend als Kunstform. Das zeigt ihr ganzer Auftritt: «Die Optik ist sehr wichtig und muss mit dem Singen Hand in Hand gehen», sagt Jost. Ihre Tracht, die die beiden eigens für sich kreierten, soll unabhängig modern und urban wirken und sich in ihrer schwarz-weissen Farbgebung doch an Basel anlehnen. Die Tracht sei keine Imitation und erst recht keine Parodie, versichert Reck: «Es ist deutlich spürbar, dass wir Tracht tragen, weil wir uns in einem langen Prozess damit auseinandergesetzt haben. Wir haben uns gefragt, wie eine zeitgenössische Tracht aussehen müsste.»

In der Öffentlichkeit so wie sie stünden die wenigsten der Ensembles der freien Jodlerszene in Basel, sagt Reck. Aber es gibt sie: Eine grosse aktive Gemeinschaft von Jodlern neben den traditionellen Klubs, die sich unverbindlich zu Stubeten treffen. Den Kontakt halte man über Soziale Medien und über die persönliche Vernetzung. Entgegen Meuwly spricht Jost von einer «grossen Dynamik» in der Basler Jodelszene: «Jodeln entspricht dem Zeitgeist.» Vor drei bis vier Jahren habe sie noch oft gehört: Was, du jodelst? Das sei inzwischen nicht mehr der Fall.

Offensichtlich ist es beim Jodeln wie bei vielen kulturellen und sportlichen Betätigungen: Das Interesse daran steigt; aber die Lust, sich Vereinen zu verpflichten, sinkt. Reck, der als ausgebildeter Sänger seit 15 Jahren privat und an der Musikwerkstatt Basel Jodelkurse anbietet, scheint den Trend zum individuellen und freien Jodeln zu bestätigen: «Die Nachfrage ist da», sagt er. Neben privaten Anbietern wie ihm böten auch Vereine wie Gsünder Basel und die GGG Kurse an.

Franziska Wigger erlebt Basel ebenfalls als «jodelbegeistert»: Kontakt zu hiesigen Jodelklubs hat die professionelle Sängerin aus Entlebuch nicht. Aber sie lädt derzeit zum bereits dritten Jodelplausch mit jeweils vier Abenden ins Studio für Gesang im Leimgrubenweg. Unter den Teilnehmern, sagt sie, seien vor allem Frauen: Sie haben es laut Wigger einfacher, weil sie ihre normale Stimme benutzen können. Männer müssten hingegen die Falsettstimme beherrschen, in der sie so hoch singen wie die Frauen. Da ist Wigger streng: «Es geht nicht, dass die Männer nur tief mitbrummen; das macht das Klangerlebnis kaputt.»

Einem Sänger, der vorläufig anfragte, habe sie erklärt, seine Falsettstimme sei ausreichend, wenn er «Staying Alive» von den Bee Gees singen könne: «Er hat dann super mit uns mitgesungen.» Wigger verspürt schon länger einen «Riesenaufschwung» der Volksmusik in der Schweiz. Deshalb überrasche sie auch der Erfolg ihres Plausches nicht: «Basel ist kulturell sehr offen.» Dass sie mit ihrem Angebot konkret nach Basel kam, war dennoch Zufall. Seit ein paar Jahren gibt sie beim «Stimmen»-Festival in Lörrach Anfängerkurse im Jodeln: «Da sind auch regelmässig viele Basler und Baselbieter dabei, die mich anfragten.»

Jodeln finanziell unterstützt

Der Kanton ist nicht an der Organisation des Jodlerfests 2020 beteiligt. Der ehemalige Regierungsrat Carlo Conti engagiert sich rein privat als OK-Präsident. Daraus lasse sich aber kein Desinteresse des Kantons ableiten, stellt Katrin Grögel, Co-Leiterin der Abteilung Kultur im Präsidialdepartement, klar. Denn wie in der Schweizer Kulturpolitik üblich, unterstützen Kantone und Gemeinden Anlässe nur finanziell, nicht organisatorisch.

Für den Kanton sei das Jodeln ein gleichberechtigtes Musikgenre wie alle anderen: «Jodeln und Volksmusik generell gehören zum Gesamtspektrum der Basler Kultur.» Der Kanton unterstütze finanziell unter anderem die Reihe «Swiss Market Place» in der Markthalle, die massgeblich vom Trio SULP (Swiss Urban Ländler Passion) und ihrer Neuen Schweizer Volksmusik getragen wird. Dort sei Jodeln Teil des Programms.

Jost und Reck freuen sich «enorm» auf das Jodlerfest 2020 in Basel, auch wenn das Echo vo dr Feldbergstrooss noch kein Mitglied im EJV ist: Um aktiv teilnehmen zu können, seien sie auf eine Einladung angewiesen. Doch die beiden gehen davon aus, dass während der drei Festtage auch überall auf Strassen und Plätzen gejodelt werde: «Was gibt es Schöneres als eine singende Stadt?», fragt Jost voller Vorfreude.

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