Stadt im Krieg

Niedergang der Hüninger Festung markiert Beginn der Schweizer Neutralität

Napoleon war 1815 schon besiegt, als seine Soldaten von der Festung Hüningen aus Basel beschossen. Das Bauwerk war wichtiger Dreh- und Angelpunkt zwischen der Schweiz und Frankreich. Sein Niedergang markiert den Beginn der Schweizer Neutralität.

Basel lag unter Beschuss. Das Donnern der Kanonen im nahen Hüningen liess die Erde erbeben. Das Pfeifen der heranfliegenden Kanonenkugeln und Granaten verbreitete Angst und Schrecken. Die einschlagenden Geschosse richteten an jenem 26. Juli 1815 überall in Basel beträchtliche Zerstörungen an. Besonders betroffen war die
St. Johanns-Vorstadt. Hier floh die Bevölkerung vor dem Geschosshagel, wie der Privatlehrer Johann Heinrich Munzinger berichtet: «Tag und Nacht wurde jetzt aus der St. Johann geflüchtet, die Läden wurden geräumt und die Häuser wurden verlassen und beschlossen und kein Kind war mehr auf der Strasse zu sehen.»

Ziel der Flucht waren Quartiere und Dörfer der Umgebung, die sich ausserhalb der Reichweite der französischen Artillerie befanden. Binningen zum Beispiel war völlig überfüllt. Dort war kaum noch Unterkunft zu finden. Die Umstände der Flucht waren dramatisch, wie der junge Familienvater Bernhard Wolf beschreibt: «Indessen kann ich nicht leugnen meine hochschwangere Frau samt den zwei kleinsten Kindern nach jenem Schreckenstag den 26. July geflüchtet zu haben. Unvergesslich wird mir diese Flucht seyn, denn meine Frau kam auf offenem Felde nieder.» Trotz der dramatischen Szenen war nur ein Todesopfer zu beklagen.

Belagerung vor den Toren Basels

Anders in Hüningen. Dort belagerten 10 000 Österreicher unter Erzherzog Johann verstärkt durch 5000 Mann eidgenössische Truppen die etwa 2400 Mann starke, napoleontreue französische Garnison unter Brigadegeneral Joseph Antoine Barbanègre. Dieser lehnte es wiederholt ab, zu kapitulieren. Und dabei war für ihn doch schon alles verloren. Sein Kaiser Napoleon hatte schon am 22. Juni abgedankt, kurz nach der verlorenen Schlacht von Waterloo. In Paris herrschte mit Louis XVIII. wieder ein Bourbonenkönig. Doch bei Basel ging der Krieg weiter.

Österreichische und alliierte schweizerische Truppen bildeten einen Belagerungsring um die Festung Hüningen. Im Gegenzug beschoss die Festungsartillerie von Hüningen immer wieder diverse Basler Stadtteile. Auf diesen Beschuss antworteten die Schweizer Truppen ebenfalls mit Artilleriefeuer von Kleinhüningen aus über den Rhein nach Frankreich hinein. Schliesslich schossen auch noch Zürcher Scharfschützen auf die bonapartistischen Soldaten in Hüningen.

Bastion des Sonnenkönigs

Die Festung Hüningen war nach 1679 von Vauban, dem Festungsbaumeister von König Louis XIV., erbaut worden. Mit ihren starken, sternförmigen Bastionen war sie militärtechnisch auf der Höhe der Zeit und bot Platz für etwa 5000 Soldaten. Der Sonnenkönig wollte mit der Festung das neu erworbene Elsass sichern.

Die Lage gegenüber Basel und die Möglichkeit, mit der Festungsartillerie bis zur mittleren Brücke zu schiessen, war auch als Machtdemonstration an die seit dem 16. Jahrhundert vertraglich eng an Frankreich gebundenen Eidgenossen zu sehen und beschränkte den Manövrierraum Basels gegenüber den alten vorderösterreichischen und bischöflichen Gebieten im Elsass. Die Brücke von Hüningen aus über die befestigte Schusterinsel, heute als Klybeckinsel Teil des Basler Rheinhafens, stellte ein günstiges Einfallstor in die rechtsrheinischen deutschen Gebiete dar.

Basel abgeschnitten

Wie bedrohlich die Festung Hüningen für Basel war, zeigte sich im sogenannten Lachsfangstreit von 1736/37. Der Bau von Festung und Brückenkopf hatte die reichen Lachsgründe bei der Wiese-Mündung nachhaltig geschädigt. Der sinkende Fangertrag und unklare Grenzziehungen führten immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Fischern von Village-Neuf neben Hüningen und von Kleinhüningen. Nach einer besonders brutalen Massenschlägerei wurde es Versailles zu bunt. Frankreich nutzte die strategische Lage der Festung Hüningen und kappte die für Basel existenziell wichtigen Verbindungen ins Elsass.

Ausserdem verfügte Frankreich eine Ausreisesperre für Basler Bürger und forderte die Strafverfolgung der Kleinhüninger. Vergeblich suchte Basel Unterstützung bei den Eidgenossen. Diese hielten sich zurück – aufgrund konfessioneller und politischer Gegensätze mit Basel und wegen des Einflusses des französischen Botschafters in der Ambassadorenstadt Solothurn. Das damals oberste eidgenössische Regierungsorgan, die Tagsatzung, forderte Basel auf, einzulenken. Nur direkte Kontakte von Basler Diplomaten mit dem französischen Hof führten schliesslich zur Beilegung der Affäre.

Die Festung Hüningen und der Brückenkopf auf der Schusterinsel blieben aber strategisch wichtig und umkämpft, so etwa in den Koalitionskriegen gegen das revolutionäre Frankreich. So hinderten etwa 1793 antirevolutionäre österreichische Truppen eine französische Armee daran, bei Hüningen den Rhein zu überqueren. 1796 wollten die Österreicher dies abermals tun. Nach längerer Belagerung wurden sie blutig zurückgeschlagen.

Der französische Kommandant von Hüningen, der wie Napoleon aus Korsika stammende nur 25 Jahre alte General Jean Charles Abbatucci, wurde dabei tödlich verwundet. Der heute noch bestehende zentrale Platz der ehemaligen Festung Hüningen wurde nach ihm benannt. Mitten auf dem ehemaligen Exerzierplatz erinnert ein Denkmal an den jungen General.

Schweiz im Krieg

Knapp zwei Jahre später wurde 1798 die Schweiz von den Franzosen erobert und besetzt, die alte Eidgenossenschaft wich der Helvetischen Republik. Die Schweiz wurde Kriegsschauplatz und dann auch aktive Kriegsteilnehmerin. So forderte 1799 allein die zweite Schlacht von Zürich zwischen Franzosen, Österreichern und Russen rund 10 000 Tote und Verwundete. 16 000 Schweizer marschierten 1812 mit Napoleon bis Moskau, doch bei Hüningen blieb es bis zum ersten Fall Napoleons 1813 ruhig. Erst in der Endphase napoleonischer Herrschaft wurde wieder um Brückenkopf und Festung gekämpft und letztlich spielte sich dort 1815 fast zwei Monate nach Waterloo das Endgame der Bonapartisten ab.

Die Schweiz war dabei alles andere als neutral. Nach vielen Jahren im napoleonischen Orbit war sie auch nun aktive Kriegspartei gegen die Bonapartisten, als in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1815 der letzte Angriff auf Hüningen begann. Einmal mehr kamen dabei Kleinhüningen und Basel unter Beschuss. Am 26. August kapitulierte schliesslich Kommandant Barbanègre und zog mit den Resten seiner Garnison zog ab. Die Basler feierten diesen Sieg mit der Errichtung einer Festhalle und eines Triumphbogens auf dem Petersplatz, der leider nicht mehr existiert.

Geburt der Neutralität

Bis auf den zentralen Platz in Hüningen ist auch die Festung fast völlig verschwunden. Auf Drängen Basels und der Schweiz wurde am 20. November im Vertrag von Paris 1815 die Schleifung der Festung Hüningen festgelegt. Am selben Tag trat die am Wiener Kongress beschlossene, bis heute andauernde Neutralität der Schweiz in Kraft. Die Festung Hüningen war schon im Sommer 1816 abgebrochen.

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