Nähkästchen

«Niemand kann etwas für seine Stimme»: Regi-Chef Dieter Kohler über Medien und das Meret Oppenheim-Hochhaus

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Dieter Kohler im Nähkästchen-Gespräch über Radiostimmen, Medienvergangenheit und das neue Hochhaus.

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Dieter Kohler, langjähriger Leiter des SRF-«Regionaljournals Baselstadt und Baselland», plaudert aus dem Nähkästchen. Über Stimmen, die ihn berühren, seine Schreibschwäche – und was er im neuen Radiostudio vermisst.

Herr Kohler, worüber reden wir?

Dieter Kohler: Über Abschied.

Den meisten Menschen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Und Ihnen?

Es kommt auf die Situation an. Im Falle des Todes eines geliebten Menschen ist das natürlich sehr schwierig. Es ist wohl dieses Endgültige, das einem zu schaffen macht.

Welche Abschiede sind Ihnen leicht gefallen in Ihrem Leben?

Ich war für Radio DRS fünf Jahre lang Westschweizer Korrespondent in Lausanne tätig. Eine schöne und intensive Zeit, aber nach fünf Jahren war für mich der Moment gekommen, nach Basel zurückzukehren. Dieser Abschied fiel mir leicht – zumindest am Anfang.

Und dann?

Nachträglich habe ich realisiert, was ich an Lausanne geschätzt habe und was mir fehlen wird. Als Basler an einem See zu leben, ist grossartig! Natürlich ist auch der Rhein irrsinnig, aber die Weite, die grosse Fläche eines Sees, ist schon einzigartig.

Aber Sie bereuen den Weggang nicht?

Nein. Einem Abschied liegt ja oft ein Entscheid zugrunde. Ich habe mich für die Rückkehr nach Basel entschieden, nach gründlichem Überlegen. Ich ringe oft mit persönlichen Entscheiden. Es kann also dauern, bis ich gewisse Schritte wage. Wenn es aber soweit ist, dann ohne Reue.

Sie arbeiten seit 30 Jahren beim Schweizer Radio, beim SRF. Seit 10 Jahren leiten Sie das Basler Regionaljournal. Aber eigentlich sind Sie Geograf. Warum sind Sie beim Radio gelandet?

Mich faszinierte die Wirkung von Stimmen und Tönen schon immer. Eine Ausbildung in diesem Feld gab es damals indes noch nicht, deshalb entschied ich mich fürs Geografiestudium. Danach bewarb ich mich aber direkt für einen Praktikumsplatz bei DRS in Basel – und erhielt prompt eine Zusage, obschon ich keine Erfahrung mitbrachte. Das wäre heute nicht mehr möglich.

Weshalb?

Die Anforderungen sind deutlich höher. Eine Ausbildung im Journalismus ist von Vorteil, und dass jemand Erfahrungen vorweisen kann. Heute ist es für junge Menschen viel einfacher, einmal etwas zu publizieren, zum Beispiel auf einer Onlineplattform. Auch in der Freizeit.

Sie haben gesagt, dass Sie die Wirkung von Stimmen fasziniert.

Oh ja. Wenn ich jemanden kennenlerne, nehme ich dessen Stimme sofort intensiv wahr. Bei einer schönen Stimme geht mir das Herz auf. Aber: Niemand kann etwas für seine Stimme, ob schön oder eben nicht. Deshalb gehe ich nicht auf Distanz bei einer Person, deren Stimme nicht so ansprechend ist wie andere.

Was macht eine schöne Stimme aus?

Schwierig, das in Worte zu fassen ... Eine gewisse Ruhe, Unaufgeregtheit, denke ich.

Haben Sie sich schon mal in eine Stimme verliebt?

Ja, zum Beispiel in die tiefe, rauchige Stimme von Theaterschauspielerin Carina Braunschmidt. Diese Stimme fährt mir immer wieder aufs Neue ein.

Und was ist mit dem geschriebenen Wort? Hat Sie eine Karriere im Printjournalismus nie gereizt?

Ich muss gestehen, dass ich keine guter Schreiber bin. Meine Schulnoten im Deutsch waren jetzt nicht die besten.

Die Beiträge, die im Regionaljournal ausgestrahlt werden, müssen aber auf dem Blatt zuerst ausformuliert werden.

Korrekt. Und da ringe ich oft um Worte. Meine Live-Kompetenz ist viel besser, also frisch von der Leber weg zu sprechen. Etwa bei unseren Veranstaltungsreihen «Stadtgespräch» und bei Moderationen. Reden liegt mir mehr als Schreiben.

Sie haben Ihr ganzes Berufsleben bei Radio DRS respektive SRF verbracht. War der Wechsel zu einem Privatradio nie eine Option?

Nein. Die meisten Sender haben sich von der Information verabschiedet, das ist nur noch Kurzfutter und nicht die Art von Journalismus, die mir liegt. Ich mag längere Informationssendungen, wie sie eben das Regionaljournal bietet.

Drei Jahrzehnte lang sendeten Sie vom Radio-Studio Bruderholz. Der ganze Betrieb ist nun ins Meret Oppenheim Hochhaus umgezogen. Fiel Ihrem Team und Ihnen der Abschied von den altehrwürdigen Räumen schwer?

Sehr, obschon wir uns auf die moderne Infrastruktur gefreut haben. Auf diese komplett neue Welt, näher am Puls der Stadt. Trotzdem gibt es Wermutstropfen. Etwa, dass das Hörspielstudio auf dem Bruderholz in dieser Dimension hier an der Güterstrasse nicht mehr vorhanden ist. Und dass ich kein eigenes Büro mehr habe.

Das gibt es im Open-Space-Zeitalter kaum noch. Sogar der Chef von Easy Jet hat kein eigenes Büro.

Natürlich, ich arrangiere mich ja. Aber eigentlich möchte ich im Berufsalltag nicht alles von den Kolleginnen und Kollegen mitbekommen. Und das ist jetzt der Fall.

Warum nicht?

Ich möchte mein Team in Ruhe arbeiten lassen können. Denn ich habe die Tendenz zum «drischnuure», möchte mich einbringen mit Inputs. Blöderweise bin ich aber der Chef, und dann wird das oft als Kommando verstanden. Zudem fluche ich oft beim Schreiben, das sollen auch nicht alle mitbekommen (lacht). Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Die Stimmung im Team ist hervorragend!

Haben Sie mit Ihrem Team eine Abschiedsparty auf dem Bruderholz gefeiert?

Nein, das ging bei den aufwendigen Umzugsvorbereitungen vergessen. Wir feiern hier vor Ort, und zwar in einer Woche, am 22. Juni. Mit der Öffentlichkeit: Man kann sich für Führungen in unserem neuen Studio anmelden.

Und wann heisst es für Sie, Abschied vom Radio zu nehmen? Sie sind in diesem Jahr 58 Jahre alt geworden.

Tatsächlich mache ich mir Gedanken darüber, wann ich aufhören soll. Auch, ob ich nach so vielen Jahren und mit meinem Alter für ein Medium, das sich ständig weiterentwickelt und bei jungen Menschen Anklang finden soll, noch genügend und vor allem die richtigen Impulse geben kann. Ob ich nicht Platz machen sollte für jüngere, neue Kräfte, die auch Verantwortung übernehmen wollen.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt sicher nicht auf dem Absprung und will eigentlich auch nicht weg. Aber aufgrund meines Alters liegt es schon auf der Hand, dass ich irgendwann in den kommenden Jahren eben Platz mache und damit Abschied nehmen muss.

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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