Spurensuche
Noch immer verehrt: Hier ruht der islamische Burckhardt

Sie nannten ihn Scheich Ibrahim: Johann Ludwig Burckhardt. Der Entdecker historischer Stätten liegt seit 200 Jahren in Kairo begraben. Und wird noch immer verehrt.

Susanna Petrin, Kairo
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Johann Ludwig Burkhardt
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 Das Grab von Scheich Ibrahim alias Johann Ludwig Burckhardt in Kairo.
 Das Grab wird von Nagla sauber gehalten, geschmückt und bewacht.

Johann Ludwig Burkhardt

Nicht schon wieder dieser Scheich Burckhardt! So mancher Basler hat ein wenig genug von diesem berühmten Ahnen. In seinem Elternhaus, dem heutigen Kirschgartenmuseum, wurde er vor einigen Jahren gefeiert, dann anlässlich der grossen Petra-Ausstellung im Antikenmuseum und jetzt schon wieder: 200 Jahre ist es her, seit Scheich Ibrahim, née Johann Ludwig Burckhardt, gestorben ist. Er wurde nur 32 Jahre alt.

Aus diesem Anlass erscheint eine neue Biografie, werden Vorlesungen gehalten, wird wieder mal eine Ausstellung eröffnet. Inzwischen dürften ihn alle Geschichts- und Orientalistik-Interessierten Basels kennen, diesen als Scheich Ibrahim verkleideten Entdecker der Felsenstadt Petra und des altägyptischen Tempels in Abu Simbel.

Veranstaltungsreihe

Basel ehrt seinen Scheich Ibrahim

Das Historische Museum Basel zeigt im Haus zum Kirschgarten Objekte und Briefe von Johann Ludwig Burckhardt. Das Departement Geschichte der Universität Basel führt am 19. und 20. Oktober ein Symposium durch.
Und am 22. Oktober schliessen zwei Konzerte des Sinfonieorchesters Basel im Haus zum Kirschgarten die Veranstaltungsreihe ab.

Ein Viertel über Gräbern

In Kairo ist Johann Ludwig Burckhardt am besten bekannt in einem Armenviertel. Nämlich da, wo er seit 200 Jahren begraben liegt, auf dem Friedhof Bab-al-Nasr am Rande der alten Stadt. Der Friedhof ist zugleich ein Quartier. Hier lässt es sich günstig und zentral wohnen. Die toten Ahnen haben noch nie reklamiert; die lebenden Nachfahren machen sich nichts aus der morbiden Wohnlage.

«Nein, wir fühlen uns wohl hier», sagt Nagla, eine etwa 40-jährige Frau, die hier mit ihren beiden Kindern, ihren Eltern sowie Tante und Onkel lebt. Besonders wohl fühlt Nagla sich am Grab Johann Ludwig Burckhardts, den sie sehr verehrt. «Er ist im ganzen Totenviertel sehr bekannt, ich erzähle allen hier von ihm», sagt Nagla.

Von ihrem Vater hat sie die Aufgabe geerbt, die Grabkammer sauber und hübsch geschmückt zu halten. Und wer sich Burckhardts letzte Ruhestätte anschauen möchte, der kann das nur mit ihrer Hilfe: Nagla hat den Schlüssel zu seinem Grab.

Jede Besucherin, jeder Besucher ist ein Geschenk Allahs. Mit deren Trinkgeldern ernährt Nagla ihre Familie. Und dieses Jahr ist ein gutes Jahr. Der 200. Todestag Burckhardts hat bereits ein deutsches Fernsehteam, eine Entourage der Schweizer Botschaft und etwas mehr Besucherinnen und Besucher als üblich hierhergelockt. Während der Touristensaison kämen so um die zehn Personen die Woche, sagt Nagla, in den heissen Sommermonaten allerdings fast niemand.

Ein Fall fürs Ägyptische Museum

«Alle hier kennen Burckhardt», sagt Nagla. Tatsächlich war es sehr einfach, sich zu seinem Grab durchzufragen – auch dank einer Arabisch-Übersetzerin, denn Englisch kann hier niemand. Ausserhalb dieses Quartiers ist Burckhardt allerdings nicht mehr allzu präsent. Jeder Ägypter kennt zwar den Tempel Abu Simbel, eine der Top-Touristenattraktionen des Landes, doch kaum einer hat den Namen des Entdeckers präsent. Eine Sonderausstellung im Ägyptischen Museum hat dem diesen Sommer etwas nachgeholfen: Gemäss Museumsdirektorin Sabah Abdel-Razek wurde sie von Tausenden besucht.

Im Vergleich zu den enormen Schätzen ihres Hauses, von der Totenmaske Tutanchamuns bis zur enormen Doppelsitzstatue von Amomenophis III. und Teje wirkte die Burckhardt-Ausstellung etwas kümmerlich. Die gezeigten Stücke waren eher unspektakulär. Am meisten zur besseren Bekanntmachung Burckhardts dürfte das riesige Plakat gleich am Eingang des Museums beigetragen haben: sein bekanntes Porträt im weissen Gewand und Turban.

Johann Ludwig Burckhardt hatte sich damals vor 200 Jahren, als er in Kairo an der Ruhr erkrankte, gewünscht, hier begraben zu werden. Und zwar gemäss islamischem Ritus. Für ägyptische Muslime ist er damit ganz klar einer der ihren. Andere Forscher bezweifeln, dass Burckhardt tatsächlich konvertierte, sondern vermuten, dass das lediglich Teil seiner Tarnung war. Sicher ist, dass ihm der Nahe Osten zu der Zeit schon näher war als die Schweiz, dass er Land und Leute liebte. Nun lieben sie ihn zurück. Vor allem hier, auf dem belebten Friedhof, wo er ihnen zu einem Einkommen verhilft.