Wintereinbruch
Noch mehr Obdachlose in Basel als in vorherigen Jahren

Gassenarbeiter zählen diesen Winter so viele Obdachlose wie noch nie. Ein Grossteil davon sind «verdeckte Obdachlose»; Menschen, die immer wieder woanders unterkommen. Wir haben nachgeforscht, woran dieser Anstieg liegen könnte.

David Egger
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Am Bahnhof sieht man noch Randständige, sie verschwinden aber je länger, je mehr aus der Öffentlichkeit. Dennoch nimmt die Zahl Obdachloser zu.

Am Bahnhof sieht man noch Randständige, sie verschwinden aber je länger, je mehr aus der Öffentlichkeit. Dennoch nimmt die Zahl Obdachloser zu.

Juri Junkov

Zuerst die gute Nachricht: Trotz der grossen Solidarität mit den Flüchtlingen hätten die Basler ihre Obdachlosen nicht vergessen, sagt Michel Steiner. Mit seinem Team vom Verein für Gassenarbeit «Schwarzer Peter» verteilt er derzeit Schlafsäcke und warme Kleider an Obdachlose in der Stadt Basel. Material hat er genug erhalten. «Ich habe unseren Klienten erklärt, dass sie keinen Groll gegen Flüchtlinge haben sollen. Wir erhalten dieses Jahr sogar eher etwas mehr Hilfe als in den letzten Jahren», sagt Steiner. Er pflegt Kontakte zu Organisationen wie «Basel hilft mit», die diesen Herbst wegen der Flüchtlingskrise entstanden sind.

Zu denken gibt aber, dass die Anzahl Obdachloser in der Stadt Basel diesen Winter einen neuen Höchststand erreicht, wie ein Blick in die Statistik des «Schwarzen Peters» zeigt. Zurzeit beanspruchen 360 Menschen eine Meldeadresse, über die sie ihre Post erhalten können. Ende August waren es noch 340, und im Oktober vor einem Jahr waren es 290.

Laut Steiner ist dieser neuerliche Anstieg nicht mehr darauf zurückzuführen, dass sich das Angebot herumspricht: «Vor sieben Jahren hatten wir noch 20 Meldeadressen. Unser Angebot ist mittlerweile in ganz Basel bekannt. Wenn die Anzahl Meldeadressen zunimmt, ist das ein klares Zeichen dafür, dass es mehr Obdachlose gibt.» Die Meldeadressen sorgen für viel Arbeit: Jeden Tag gibt es über hundert Briefe zu sortieren. Es ist ein Arbeitsaufwand für rund 40 Stellenprozente.

Auch für Paul Rubin ist die Anzahl Meldeadressen ein klarer Indikator für den Anstieg der Obdachlosenzahl. Er leitet das Tageshaus an der Wallstrasse, wo zurzeit rund 75 Personen ihre Tage verbringen. «Weil es Winter ist, bleiben die Klienten viel länger als sonst, oft auch den ganzen Tag», sagt Rubin.

Euro-Airport ist ein Schlafplatz

Neben dem Anstieg der Obdachlosenzahl geht der Trend hin zu verdeckter Obdachlosigkeit weiter: Das sind Menschen, die immer wieder woanders unterkommen, hauptsächlich auf den Sofas von Bekannten. Diese Menschen ohne festen Wohnsitz, vornehmlich aus der unteren Mittelschicht, machen gut 80 Prozent der Obdachlosen aus. Die Anzahl Personen, denen man die Obdachlosigkeit schon von weitem ansieht, nimmt hingegen ab. Sie schlafen in Notunterkünften, im Freien oder zum Beispiel beim Euro-Airport, wo es etwas wärmer ist. Es ist einer der wenigen Schlafplätze, von denen Paul Rubin weiss. «Die Obdachlosen sprechen nicht gerne über ihre geheimen Plätze», so Rubin.

Die Notschlafstelle des Amts für Sozialhilfe, wo 12 Frauen und 63 Männer Platz hätten, nutzen derzeit rund 45 Menschen. Im Winter sei die Anzahl Klienten nicht höher als im Sommer, sagt Amtsleiterin Nicole Wagner. Dies sei schon seit Jahren so. In jüngster Zeit habe aber der Anteil Frauen, die die Notschlafstelle aufsuchen, leicht zugenommen. Diese kostet Fr. 7.50 für in Basel angemeldete Obdachlose und 40 Franken für Auswärtige.

Sowohl Rubin als auch Steiner sehen die Wohnungsnot als Grund für die steigende Obdachlosenzahl. Zu diesem Thema ist noch eine Petition hängig, die der Regierungsrat bis Juni beantworten muss. 2014 forderte Steiner zudem Containerwohnungen. Solche werden im Dreispitz ab Herbst 2016 bezugsbereit sein – vorerst für Flüchtlingsfamilien, später dann auch für Menschen in Wohnungsnot.