Über 19 Hektar Land konnte die Regierung plötzlich verfügen. Sie muss sich vorgekommen sein wie Michelangelo in der noch weissen Sixtinischen Kapelle. Plötzlich war da dieser Platz, um Grosses zu schaffen.

Klar, dass aus dem Projekt etwas ganz Besonderes werden musste. Aus einer Brache sollte eine belebte Oase entstehen. Ökologisch und ökonomisch, grosszügig und grün, attraktiv für Familien wie Betagte, für Reiche und nicht so Reiche, für Einheimische und für Ausländer. Kurzum: die Basler Trutzburg gegen die Stadtflucht.

Noch bevor der erste Nagel eingeschlagen worden war, hatte sich das sozialdemokratische Wunschviertel eine beträchtliche ideologische Hypothek aufgeladen. Dabei waren die Visionen der SP noch realistisch im Vergleich zur LDP, die 2005 einen See anlegen wollte, mit Einfamilienhäuschen drumherum. An eine Wohnungsnot glaubte kaum jemand und selbst die Genossen versprachen sich 2000 Arbeitsplätze für das Gewerbe.

Ein lebendiges Quartier braucht...

Es dauerte nicht lange, da stand das Scheitern des Projekts in der Meinung von Herrn und Frau Basler fest. Die Bauten steckten noch in den Kinderschuhen, da waren sich Medien und Öffentlichkeit einig: Die Erlenmatt wird nie zum Quartier der Superlative, das alle Wohnprobleme zu lösen vermag.

Die Ungeduld zeigte sich so deutlich wie schmerzhaft in der Absage an die Verlängerung der Tramlinie, welche das Areal der Zukunft erschlossen, näher an die Stadt gebunden hätte. Es setzte sich der Ruf einer Expat-Siedlung fest, eines Wohnfriedhofs, steril und öde. Das Stigma besteht noch immer. Doch wer heute so denkt, verkennt die tatsächliche Entwicklung.

...von Anfang an...

Wir treffen jene Frau, die dem Areal politisch Pate stand. Baudirektorin Barbara Schneider war erst wenige Wochen im Amt, als die Bebauungspläne für den ehemaligen Güterbahnhof in die Regierung kamen. Jetzt steht sie vor dem Erlenmatt-Schulhaus am Eingang des Areals im Süden. Sie wollte sich dort treffen.

Es ist ein modernes Schulhaus, Zertifikat Minergie-P-Eco. Viel wichtiger aber: Die Schule ist ein Integrationstreiber. Aus Mitschülern werden Freunde, das schweisst das ganze Quartier zusammen. Es war ein Fehler, sie so spät zu eröffnen, darüber sind sich alle einig.

Schneider selber wohnt im Wettsteinquartier, in Rheinnähe. «Aber ich komme oft hierhin, zu jeder Jahreszeit. Ich bin neugierig, wie sich das Areal entwickelt», sagt sie. Sie ist sehr, sehr zufrieden, das merkt schnell, wer mit Schneider zwischen den Neubauten hindurch schlendert. Beispiellos sei die grosse Grünfläche, welche Raum zur Entfaltung böte. Toll sei, dass Coop bald eine grössere Filiale eröffne. Und angenehm ruhig sei es, seit die neusten Bauten dem Autobahnlärm einen Riegel schoben. Eine fast autofreie Zone, in der Kinder im Zentrum stehen. «Was würden Sie denn ändern wollen?»

Ein Restaurant vielleicht, ein Treffpunkt für die Bewohner, um sich auszutauschen? Eine Buvette? «Ja genau, das hätte ich auch gerne», wirft eine Passantin ein, die den letzten Teil des Gesprächs mitgehört hat. Eine Buvette soll kommen, erzählen sich die Bewohner. Geprüft wird zumindest ein Standort für Foodtrucks, bewilligt ist ein Verkaufsstand. Und dann gäbe es auch noch die Bahnkantine, die früher einmal Erlkönig hiess. Das einzige Gebäude, das sich aus der Zeit, als der Güterbahnhof zwischengenutzt wurde und n/t-Areal hiess, in die neue Erlenmatt retten konnte.

Das Restaurant steht in der Mitte des Areals auf der Grünfläche, die den Westteil mit dem Ostteil verbindet. «Die Anwohner haben sich damals für den Erhalt des Gebäudes starkgemacht», erzählt Schneider. «Das finde ich auch ganz wunderbar.» Das Leben findet Schneider, müsste sich über die Bewohner seinen Weg in die Siedlung finden. «Es ist nicht verordnet.»

Viel erinnert nicht mehr an die industrielle Vergangenheit des ehemaligen Güterumschlagplatzes: Einzig ein paar Eisenbahnschwellen dienen nun als Mini-Geländer für den Gehweg und auf dem Spielplatz stehen eisenbeschlagene Betonquader, deren Zweck nicht nur Schneider vergessen hat.

SP-Grossrätin Tanja Soland wohnt seit einigen Monaten in der neuen Siedlung im Erlenmatt-West. Die Bauten im Westteil entwickelte die Totalunternehmung Losinger Marazzi AG. Sie erbaute hier das schweizweit zweite zertifizierte «2000-Watt-Areal in Entwicklung». Das Zertifikat zeichnet Siedlungen aus, die einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Emissionen nachweisen können.

...Orte für Begegnung,...

In ihrer Wohnung hält sich Soland gerne auf. Im Quartier bewegt sie sich kaum. Sie schätzt die Nähe zur Langen Erlen und die Ruhe. Gleichzeitig sagt sie: «Das Leben wurde hier von oben herab geplant, an einem Bürotisch.» Ein Beispiel dafür sei die Verlegung des Kompostplatzes, der auch als Treffpunkt funktionierte. «Wir hatten einen eigenen Kompost, der funktioniert hat. Jetzt wurde er verschoben und liegt am Rand der Siedlung.»

Die Grünfläche bildet den topografischen Mittelpunkt des Areals. Der Rand ist ökologisch wertvoll und bietet einer speziellen Flora und Fauna ein Heim. In der Mitte liegt eine Rasenfläche. Selbst wenn man zu verschiedenen Tageszeiten vorbei geht, findet sich hier kaum jemand, der sich darauf fläzt. Vielleicht liegt es daran, dass gefühlt eine ganze Häuserzeile auf das Grün ausgerichtet ist.

Auch die Bäume sind noch zu klein, um ein anständiges, blickdichtes Wäldchen zu bilden. Die Parkbänke schrauben sich im Boden fest, als wäre vorgeschrieben, wohin der darauf Sitzende zu schauen hat. Es ist sehr still, zu fast jeder Tageszeit. Nur am Nachmittag, wenn die zahlreichen Kitas die Kinder in den Park entlassen, wird es etwas lauter.

Familien gibt es viele. Das erstaunt nicht. Derzeit scheint fast alles im Gebiet Erlenmatt auf Kinder ausgerichtet: zahlreiche Spielplätze und fast keine Autos. Das einzige Café heisst «Magical Café», ist an Montagen «Closed» und öffnet sonntags nur für «Birthday Parties, by reservation only». Dass solche Schilder auf Englisch angeschrieben sind, erstaunt in unmittelbarer Nähe zur Swiss International School kaum jemanden.

Ohnehin ist der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung sehr hoch, 61 Prozent. Statistisch lassen sich die Expats, die gut verdienenden Ausländer, relativ gut erfassen. Der Median des Reineinkommens in der Erlenmatt beträgt etwas mehr als 75'000 Franken, das ist fast doppelt so hoch wie in der umliegenden Nachbarschaft.

«Insbesondere am Anfang zogen sehr viele Menschen hierhin, die bei Novartis beschäftigt sind», sagt Schneider. Sie meint damit das auffallend dunkle Gebäude am Haupteingang des Areals mit der verschachtelten Fassade, das schon zu Zeiten der n/t-Zwischennutzungen stand und den Namen Erlentor bekommen hat. Heute beherbergt es auch Kitas im Erdgeschoss. Die Bewohner schicken ihre Kinder aber nicht dorthin, wie eine Angestellte erzählt. «Die meisten sprechen Englisch. Und ziehen oft um.»

...Konfrontation...

Das dunkle Gebäude ist das Erlenmattquartier, wie es sich in die Köpfe vieler Menschen eingebrannt hat. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Im Rest der Überbauung ist die Bevölkerung stark durchmischt, es wohnen auch Leute mit tieferem Einkommen hier, manchmal in sehr ausgefallenen Wohnformen, gemeinschaftlich. Es ist die Antithese zu den bald wieder wegziehenden Expats.

Im Osten des Geländes herrscht das gelebte Miteinander. Hier findet Gemeinschaft spontan und im Kleinen statt, in einer gemeinsamen Waschküche und der Kochnische auf der geteilten Dachterrasse. Mögliche Konflikte sind gewollt, der Austausch architektonisches Konzept. Wärme, lehrt die Physik, entsteht durch Reibung. Wer hier wohnt, kommuniziert über Zettel im Eingangsbereich: Wer macht mit beim kreativen Kochen, wer hat Lust auf einen Filmabend?

Im Vorgarten des grossen Hauses mit der grünen Wellblech-Fassade sitzen zwei Frauen mit ein paar spielenden Kindern. Sie laden uns sofort ein, ihr Heim zu besichtigen: «Schaut einfach mal rein, die Tür ist bestimmt offen». Auf dem Weg zur Dachterrasse kommen wir vorbei an vielen Spielsachen, Blumentöpfen und offenen Wohnungstüren. Oben angekommen wird klar: Hier ist eine Gemeinschaft gewachsen.

...und Austausch...

Das hat auch mit ihrer Geschichte zu tun. Das Wohnhaus mit dem Namen StadtErle ist aus dem Traum vom gemeinsamen Wohnen einiger befreundeter Familien entstanden. Zusammen haben sie die Genossenschaft Zimmerfrei gegründet, ein Baufeld der Stiftung Habitat im Baurecht erlangt und das Mehrfamilienhaus erbaut.

Die Stiftung Habitat hat die Grundstücke im Osten des Quartiers erworben und realisiert hier verschiedene Wohnprojekte. Einige sind schon bewohnt, andere Häuser befinden sich noch im Bau.

Die Bewohner des Erlenmatt-West verbinden sich digital über die Erlen-App. Diese gibt nicht nur Auskunft über den eigenen Energie-Haushalt, sie ist auch eine digitale Form der Nachbarschaft. Über sie kann man sich gegenseitig Werkzeug ausleihen, das alte Fahrrad verkaufen und die Verwaltung kontaktieren, wenn die Spülmaschine kaputt ist.

«Dieses Angebot wird ganz gut genutzt, ein bisschen mehr wäre aber auch wünschenswert», sagt Cordula Hawes. Sie bildet gemeinsam mit Steven Tirrito und einigen anderen Bewohnern die Ambassadoren-Gruppe. «Wir kümmern uns darum, dass die Nachhaltigkeit im Quartier nicht nur in Bezug auf den Energieverbrauch, sondern auch im Sozialen gelebt wird», erzählt Tirrito.

Die Ambassadoren treffen sich einmal im Monat und veranstalten Events für das gesamte Erlenmatt und die umliegenden Quartiere. Es gibt ein Sommerfest und im Winter einen Glühweinplausch. Sie wohnen im Westteil der Erlenmatt, auf der anderen Seite des Parks.

Einige Wohnungen hier sind Eigentums-, andere Mietwohnungen. Hawes und Tirrito haben damals vor mehr als drei Jahren beide beschlossen, zu kaufen. Hawes mit ihrer Familie ein kleines Reihenhaus, Tirrito eine Wohnung mit Blick auf den Park. «Zuerst habe ich ein paar Nächte sehr schlecht geschlafen, weil ich Sorgen hatte, ob das die richtige Entscheidung war», sagt Tirrito.

Zu diesem Zeitpunkt war das Areal noch eine Grossbaustelle. Das hier einmal ein lebendiges Quartier entstehen soll, war kaum absehbar. Heute aber ist Tirrito glücklich hier. Er fühlt sich «ein bisschen wie in einer Stadt in der Stadt». Es sei ein sicheres Gefühl, sagt er. Schaut man an diesem Mittwochmorgen von Tirritos Balkon auf die Grünflache in der Mitte des Areals, braucht es immer noch etwas an Fantasie, um sich das gemeinschaftliche Quartierleben vorzustellen. Es ist sehr ruhig im Park. Keine Jogger, keine spielenden Kinder auch das Restaurant Bahnkantine ist noch geschlossen. «Am Wochenende sieht es ganz anderes aus, dann ist es hier sehr belebt», erzählen die Ambassadoren.

...und eine grosse Portion...

Dennoch: Was im Osten als natürliche Gemeinschaft daherkommt, wirkt im Westen diktiert. Diesen Vorwurf unterstützen Hawes und Tirrito allerdings nicht. «Ich fühle mich hier viel mehr in einer Gemeinschaft aufgehoben, als an den Orten, an denen ich bisher gelebt habe», erzählt er. «Man kann auch nicht erwarten, dass hier alle den ganzen Tag draussen sind und über die Wiese hüpfen», ergänzt Hawes. Ein paar Bars und Cafés würden aber auch sie sich wünschen.

Die Bahnkantine ist bisher das einzige Gebäude, welches vom alten n/t-Areal überlebt hat. Etwas verloren steht das charakteristische Häuschen zwischen den neuen und ganz neuen Wohnblocks im Park. Hier gibt es jeweils einen Mittagstisch und Abendessen und sonntags einen grossen Brunch.

Als Quartierbeiz würde Geschäftsführer Kay Kiener sein Restaurant aber nicht bezeichnen. «Unser Konzept ist nicht unbedingt auf die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Häuser ausgerichtet», sagt er.

Die Bahnkantine wird bald Gesellschaft aus der Vergangenheit bekommen. Anfang 2020 wird das alte Getreidesilo am äusseren Rand im Osten des Quartiers als Hostel, Restaurant und Projektraum mit einem offenen Salon wiedereröffnet. «Wir wollen ein Ort für den kreativen Austausch werden», sagt Pascal Biedermann.

Im offenen Salon sollen sowohl die Kreativschaffenden aus dem Haus als auch die Bewohner des Quartiers Veranstaltungen organisieren können. Die Planung des Erlenmatt-West sieht Biedermann aber durchaus kritisch. Er spricht von einem «Investorenprodukt».

...Geduld.

So ganz abstreifen kann das neue Quartier seinen alten Ruf nicht. Vielleicht zerbricht das Projekt Erlenmatt noch genau an den zu hohen Erwartungen, an der verlangten Perfektion. Was fehlt, sind jene Begleiterscheinungen des normalen Lebens, welche die Sterilität durchbrechen. Wo Abfall sofort unter der Erde verschwindet, Graffiti kaum Fläche haben und niemals Dönerschwaden über den Platz wabern, da wird vielleicht ein urbaner Wohntraum wahr. Für ein Gefühl von Leben braucht es aber weit mehr als gebaute Vollkommenheit: Zusammenhalt entsteht in den Zwischenräumen.

Die wichtigste Lehre für kommende Transformationsareale von Lysbüchel bis Klybeckplus ist aber: Geduld. Auch die schönste Wohnung ist kurz nach dem Einzug kaum heimelig. Das geschieht erst nach Wochen, wenn es nicht mehr nach frischer Farbe riecht und sich die ersten Macken der neuen Behausung zeigen. Wieso sollte diese Binsenwahrheit nicht auch für ganze Quartiere gelten?